Film
Schlabberlook im vollgestellten Elternhaus: So authentisch wirkt Billie Eilish in diesem Dok

Für Fans ist dieser neue Film über Billie Eilish fast schon Pflicht. Taugt er auch für jemanden von ausserhalb der Community des Stars?

Daniel Fuchs
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Eine sehr wichtige Bezugsperson der 19-jährigen Künstlerin Billie Eilish: Mutter Maggie Baird zusammen mit ihrer Tochter auf dem heimischen Sofa.

Eine sehr wichtige Bezugsperson der 19-jährigen Künstlerin Billie Eilish: Mutter Maggie Baird zusammen mit ihrer Tochter auf dem heimischen Sofa.

Bild: Apple TV+/AP/Keystone

Es gibt Filme, die hauen einen in der ersten halben Stunde weg. Sie fesseln, lassen kaum einen Lidschlag zu. Nicht so beim Film über den Superstar Billie Eilish. Ganze 30 Minuten starrt man auf den Schirm, wundert sich, wohin zielt dieser Film? Dann gibt es diesen wahnsinnig lustigen Moment. Da wird selbst der Nörgler, der den mühsamen Einstieg als Frechheit empfindet, zum Follower. Die erst 16-jährige Billie und ihr 3 Jahre älterer Bruder und Produzent Finneas texten und üben neue Songs ein im engen, mit Aufnahmegeräten und Instrumenten vollgestellten Elternhaus. Sie filmen sich dabei selbst.

Hier geht's zum Trailer:

Dann entdeckt Billie, welch verzerrte Perspektive das Bild, zweidimensional betrachtet, abgibt. Der Kopf ihres Bruders wirkt monströs neben ihrem. Anlass für ein bisschen Schabernack und eine Künstlerpause. Diese tut echt gut, und schlagartig wächst einem dieses Geschwisterpaar ans Herz.

«Billie Eilish: The World’s a Little Blurry» heisst der Film von R.J. Cutler, der nun bei Apple TV+ zu sehen ist. Er basiert über weite Strecken auf dem privaten Videofundus der Familie. Ganze 140 Minuten dauert der Film, der kein Dok im klassischen Sinne ist.

Co-Texter und Bühnenpartner: Billie Eilish und ihr älterer Bruder Finneas.

Co-Texter und Bühnenpartner: Billie Eilish und ihr älterer Bruder Finneas.

AP

Für Billie Eilishs gigantische Fangemeinde freilich ein Muss. Nur: Lohnt es sich auch für Menschen wie den Autor dieses Textes, deren Bewusstsein für die Tragweite des Jugendphänomens Billie Eilish sich beschränkt auf ein paar Lieder einschliesslich des neuen Bond-Titelsongs? Und lohnt es sich, den langfädigen Einstieg über sich ergehen zu lassen?

Die Antwort vorweg: Ja! Wobei falsche Erwartungen entstehen könnten. Filmemacher R.J.Cutler sucht weder die kritische Konfrontation mit der ­Figur Billie Eilish noch mit den Mechanismen der Musikindustrie, die der jungen Frau zusetzen. Solche Gedanken muss man sich schon selbst machen.

Nur einer von fünf Grammys vor einem Jahr, für den besten Song

Youtube

Auf Interviews mit Rückfragen und Nachhaken verzichtet der Film. Stattdessen heftet er sich an die Fersen der heute 19-Jährigen, die vor einem Jahr bei den Grammys in fünf Kategorien abräumte. Und erzählt vom alltäglichen Drama, dem Hadern und Zweifeln, das auch Teenager ohne Weltruhm kennen.

Die Suizidgedanken einer jungen Frau

In keinem Satz spitzt sich dieses Drama mehr zu als in diesem: «Ich hätte niemals gedacht, dass ich in diesem Alter noch lebe», sagt Billie Eilish in die Kamera. Und deutet ihre Suizidgedanken an, die sie als Teenager plagten. «Spielst du wirklich darauf an, dass du vom Dach springst?», fragt ihre Mutter Maggie Baird, die sich über die düsteren Zeilen ihrer Tochter für «Listen Before I Go» wundert. «Wegen des Songs tu ich’s nicht», antwortet Billie. «Es ist besser, es zu sagen, als es zu tun.»

Die intimen Einblicke in das liebevolle, von Musik und Schauspielerei geprägte Familienleben in Los Angeles sind manchmal fast zu viel des Guten. Jedoch zeigt sich nirgendwo schöner als im Vorgarten des einfachen Häuschens, in dem die Familie lebt, wie die junge Frau tickt. Als sie Filmeinstellungen probt mit ihrer Mutter als Statistin, die tun muss, als würde sie zu einem Glas Wasser ansetzen, ist Vater Patrick O’Connell ganz in sich gekehrt dabei, Katzenkot aus dem Rasen zu entfernen. Die Probeaufnahmen dienten Billie schliesslich als Vorlage für ihren Videodreh zu «When The Party’s Over», in dem sie eine schwarze Flüssigkeit trinkt und ihr schwarze Tränen aus den Augen rinnen.

Legendär: Schwarze Tränen in «When The Party's Over».

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«Listen Before I Go».

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Und natürlich der Titelsong des neuen Bonds «No Time To Die».

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Billie Eilish spielt mit Vogelspinnen, hat einen extravaganten Hang zum Schlabberlook und zelebriert ihre Nail-Extensions sowie ihre Liebe zu schweren amerikanischen Autos («ich bin umgeben von Losern, meine Familie fährt Van, Mazda und Honda»). Der exzentrische Auftritt könnte zum Schluss führen: alles aufgesetzt und bloss Show. Doch die junge Frau wirkt authentisch vor der Kamera, da scheint nichts durchgescriptet.

An Beispielen fehlt es nicht im Film. Sie sind zum Teil verstörend, wie der Moment, in dem sie zusätzlichen Sauerstoff braucht nach einem Auftritt. Meist aber zeigen sie, wie treu sich die junge Frau bleibt. Etwa wenn sie ihrem Jugendidol und Schwarm Justin Bie­ber schluchzend um den Hals fällt. Oder backstage Orlando Bloom ein Autogramm gibt, ohne auch nur zu ahnen, den berühmten Filmstar aus «Pirates Of The Caribbean» vor sich zu haben.

«Billie Eilish: The World’s a Little Blurry» auf Apple TV+

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