Interview
«Ihr müsst schleunigst der EU beitreten»

Klaus Maria Brandauer spielt im Eröffnungsfilm «Manipulation» den Spezialagenten Urs Rappold, der sich mit dem Schweizer Staatsschutz anlegt. Der AZ ist der ehemalige James Bond-Bösewicht Rede und Antwort gestanden.

Sven Zaugg
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Herr Brandauer, Sie als Schauspieler müssten doch am besten wissen, wie man Menschen manipuliert, nicht?

Klaus Maria Brandauer: Ob ich es am besten weiss, weiss ich nicht. Aber ich weiss selbstverständlich, dass meine Tätigkeit etwas damit zu tun hat. Das ist aber sehr oberflächlich, denn die Manipulation eines Schauspielers beginnt damit, dass er etwas vorgibt, was er nicht ist. Es ist also ein Spiel. Nun liegt es an Ihnen als Zuschauer, ob Sie in diesem Moment des Spiels die Wahrheit suchen oder ob Sie die Kunst nur um der Kunst willen sehen. Eigentlich ist das Schauspiel keine Manipulation, sondern viel eher der Versuch, Probleme zu besprechen.

Sie spielen in Pascal Verdoscis «Manipulation» einen kurz vor der Pensionierung stehenden Spezialagenten, der sich mit dem Schweizer Staatsschutz anlegt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sich das erste Mal mit der Fichenaffäre befassten?

Es ist ein Beispiel, so, wie es in jedem Land existieren könnte: dass eben Menschen, denen man zunächst einmal vertraut, weil sie den Staat und das Gemeinwesen vertreten, sich nicht so verhalten, wie wir glauben, dass sich sie sich zu verhalten haben. Es ist eine Binsenwahrheit, dass nicht jeder, der eine respektvolle Stellung hat, auch ein ordentlicher Mensch sein muss. Wir sind alles Menschen, folglich muss man uns ordentlich kontrollieren. Mich überrascht keine Art der Korruption, noch überrascht mich das Fehlverhalten von Menschen nicht in geringster Weise.

Doch wir reden hier von der Schweiz, einem Land, in dem nur Milch und Honig fliessen, wie es Ihr Filmkollege Sebastian Koch formulierte...

... auch im Paradies gibt es die gefallenen Engel. Die Schweiz ist ein wunderbares Land, auch was die Demokratie betrifft, trotz der sehr späten Einführung des Frauenstimmrechts. Die Fichenaffäre ist offensichtlich nicht eine typisch schweizerische Angelegenheit. Es ist ein kleines Beispiel für die ganze Welt. Wenn es sich um eine rein schweizerische Angelegenheit gehandelt hätte, hätte ich den Film nicht gemacht.

Sie sagten kürzlich in einem Interview, es sei ausserordentlich wichtig, dass man sich die Demokratie sekündlich erkämpft. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Indem wir nicht denken, dass wir alle vier oder fünf Jahre wählen sollten und danach alles wieder vergessen. Wir müssen die Regierenden überprüfen und ständig schauen, dass das, womit wir sie beauftragt haben, auch umgesetzt wird. Zu sagen, ich interessiere mich nicht für Politik, ist natürlich auch ein politischer Standpunkt, allerdings ein sehr blöder.

War demnach, die Rolle des Spezialagenten Rappold anzunehmen, bereits ein politischer Akt?

Das ist ein bisschen zu gross gesprochen. Ich bin ein Schauspieler, der sich für politische Themen interessiert. Mich interessierte in diesem Fall die Verschleierung der Wahrheit durch die staatliche Lüge. Ich vertrete aber die Ansicht, dass ein Staat einen Geheimdienst braucht – leider.

Und weshalb genau?

Weil andere Staaten auch einen Geheimdienst haben! Seit wir die Geschichte einigermassen überblicken können, hat es zu keiner Zeit keinen Krieg gegeben. Nach wie vor streiten sich die Leute. Und deshalb muss man sich in jenem Gemeinwesen, in dem man lebt, schützen. Es ist natürlich viel angenehmer zu sagen, man sei gegen Geheimdienste. Nein! Da ich die Welt kenne, bin ich sehr dafür. Allerdings, nicht jedes Mittel heiligt den Zweck.

Das zentrale Thema des Films ist die Manipulation der öffentlichen Meinung. Nehmen wir Europa. Wo finden Manipulationen statt?

Diese Frage in der Schweiz zu beantworten, ist eine ungeheure Herausforderung. Gerade hier, wo man über Europa die Nase rümpft, aber alle Vorteile der Europäischen Union geniesst. Ihr müsst schleunigst der Europäischen Union beitreten. Wir brauchen die Schweiz. Ich glaube, Europa ist nicht das Problem, sondern die einzige Lösung. Ich bin ein glühender Verehrer der europäischen Idee. Und in einer solchen Idee dürfen auch Sie wieder ganz chauvinistisch Solothurner sein.

Zurück zum Film. Die Filmsprache ist Deutsch. Hatten Sie keine Bedenken, dass das Schweizer Publikum die Hochsprache nicht goutieren könnte?

Das kann durchaus sein. Nur, wenn der Dialekt Bedingung gewesen wäre, wäre ich der falsche Schauspieler gewesen. Aber die Verantwortung für das Deutsch in diesem Film lehne ich ab. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das Publikum – und gerade in der vielsprachigen Schweiz – auf die Sprache zurückzieht. Ich habe mich ja nicht erdreistet einen einsamen Bauern im Tessin zu spielen, der mit seinen Hühnern lebt und hofft, dass die einsame spanische Fremdarbeiterin mit ihm mal eine Nacht verbringt.

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