Der Oscar-Kandidat «Papicha» zelebriert die Schönheit und Unabhängigkeit der algerischen Frau

Wie der Jugend während des «algerischen Bürgerkriegs» die Freiheit und die Perspektiven in der Heimat genommen wurden, macht betroffen. Und dennoch ist Algier in der Dämmerung in goldenes Licht getaucht.

Regina Grüter
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Nedjma (rechts) und ihre Freundinnen Wassila und Samira (Mitte) beim Bad.

Nedjma (rechts) und ihre Freundinnen Wassila und Samira (Mitte) beim Bad.

Bild: Cineworx

Das algerische Wort «Papicha» steht für eine fröhliche, hübsche und freie Frau. Nedjma und ihre beste Freundin Wassila sind solche Papichas, und das gleichnamige Drama, algerischer Oscar-Kandidat 2020, erzählt ihre Geschichte am Ende eines dunklen Jahrzehnts: Der «algerische Bürgerkrieg» zwischen der Regierung und verschiedenen islamistischen Gruppierungen in den 90er-Jahren forderte über 150000 Todesopfer.

Zunächst aber beginnt alles fröhlich. Die allgegenwärtige Gefahr vermag die ausgelassene Stimmung der Studentinnen nicht zu drücken. Nedjma und Wassila klettern durch das Loch im Zaun, der das Wohnheim umgibt, während der Muezzin über Lautsprecher zum Gebet ruft. Der Taxichauffeur fährt sie zum Club und schleust sie an der islamistischen Strassenpatrouille vorbei. Die jungen Frauen haben eine Kassette mit dem Partyknaller «Pump Up The Jam» von Technotronic eingeschoben.

Junge Leute, in der Heimat jeder Perspektive beraubt

Mounia Meddours Film ist zwar nicht autobiografisch, aber frei inspiriert vom gesellschaftlichen Klima des «schwarzen Jahrzehnts»: «Alles, was die jungen Frauen in der Universitätsstadt erleben, ist der Alltag der algerischen Studenten Ende der 90er-Jahre. Meiner inbegriffen», sagt die Regisseurin. Meddours Vater war Filmemacher, und wie die Familien vieler Künstler und Intellektueller wurde die ihre damals gezwungen, aus Algerien zu fliehen.

«Papicha» ist ein Film über junge Leute, die nicht nur in einem patriarchalischen, sondern auch in einem zunehmend fundamentalistischen System gefangen sind. Auch wenn Meddour eindeutig eine feministische – nicht zu verwechseln mit einer antireligiösen – Sichtweise einnimmt, sind die Frauen nicht einfach die Guten und die Männer die Bösen.

Was sie aber durch die Augen ihrer Hauptfigur zeigt, ist die Kraft und die Entschlossenheit, sich der Unterdrückung durch künstlerischen Ausdruck zu widersetzen: Nedjma organisiert eine Modenschau, wofür sie eigene Kleider aus dem traditionellen Schultertuch, dem Haik, entwirft. Wie dieses als Symbol des Widerstands und als Gegenstück zum Hijab verstanden werden muss, soll die Fashion Show die Schönheit und Unabhängigkeit der algerischen Frau zelebrieren. Meddour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, verdichtet eine Entwicklung von fast zehn Jahren in wenigen Wochen. Das wirkt zuweilen etwas überdramatisiert. Die Wut, die sich in einem übertriebenen Aktivismus entlädt, aber auch die Sinnlichkeit finden ihre Entsprechung in häufigen Nahaufnahmen und einer oft fahrigen Kamera.

Aber als jemand, vielleicht besonders als Frau, der ganz selbstverständlich mit diesen Freiheiten aufgewachsen ist und sich immer noch mit einem Partysong auf den Ausgang einstimmt, macht dieser Film unglaublich betroffen.

«Papicha», (Frankreich/Algerien u.a., 2019), R: Mounia Meddour, ab Donnerstag, 10. September 2020, im Kino.