Kino
«The Truffle Hunters»: Die urchigen Trüffeljäger aus dem Piemont

Sie wissen, wo sie zu finden ist, die wertvollste Delikatesse der Welt. Und leben selber ganz bescheiden, wie dieser Dokumentarfilm zeigt.

Regina Grüter
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Nicht einmal seinem Sohn würde er seine Fundorte verraten – wenn er denn einen hätte: Der 84-jährige Aurelio feiert mit seiner geliebten Birba Geburtstag.

Nicht einmal seinem Sohn würde er seine Fundorte verraten – wenn er denn einen hätte: Der 84-jährige Aurelio feiert mit seiner geliebten Birba Geburtstag.

Bild: Praesens Film

Ein Laubwald im Piemont. Sergio kraxelt einen steilen Hang hinauf. Seine Hunde sind ihm voraus und schnüffeln aufgeregt. Sie fangen an zu graben, das Herrchen gräbt mit. Und siehe da, zum Vorschein kommt eine dieser unsagbar teuren Weissen Alba-Trüffel. Selten und schwer aufzuspüren sind sie, haben es nicht gern zu trocken und nicht zu feucht.

Später im Film «The Truffle Hunters» wird man den Fund nochmals sehen, diesmal aus Hundeperspektive – Michael Dweck und Gregory Kershaw haben dem eigentlichen Trüffeljäger eine Kamera um den Kopf gebunden. Drei Jahre haben die US-amerikanischen Dokumentarfilmer in den piemontesischen Dörfern Santo Stefano Belbo, Monforte d’Alba und Roddino gefilmt.

«Weisses Gold» wird die Alba-Trüffel auch genannt. Im Internet liest man von den Tricks der Trüffelmafia. Trüffeln aus Istrien oder Bulgarien werden als Alba-Trüffeln ausgegeben. «The Truffle Hunters» porträtiert eine Handvoll alte Männer, für die die Jagd nach Trüffeln mehr ist als die Jagd nach Geld: eine Leidenschaft, eine Lebensweise. Ausdruck ihrer Liebe zum Wald und eine Betätigung, die sie und ihre geliebten Hunde auf Trab hält.

Auf der Suche nach Alba-Trüffeln in der Schweiz

Im Globus liegen fünf Stück unter einer gläsernen Frischhalteglocke, 10 Gramm à 110 Franken, 11'000 das Kilo. Lieferant: Hugo Dubno. Mehr will die Verantwortliche nicht sagen. «Ein Juwel der Erde: die wertvollste Delikatesse der Welt», heisst es auf Dubnos Website. Auf dem Markt bekommt man 10 Gramm für 75 Franken, 7500 das Kilo.

Letzte Woche seien es noch 9000 gewesen, meint die Gemüsehändlerin. Angebot und Nachfrage. Zweimal pro Woche reise der Verkäufer aus dem Piemont an, sagt sie, er habe Kunden in der ganzen Schweiz. Es sei seit Jahren der Gleiche.

Den Namen will sie nicht preisgeben. Es wird ein Riesengeheimnis gemacht um diese Alba-Trüffeln. Die Schweizer Anbieter setzen auf Händler ihres Vertrauens. Würde da jemand tricksen, wäre derjenige schnell weg vom Fenster, lautet der Tenor.

Was für ein Riesengeschäft mit den Alba-Trüffeln weltweit gemacht wird, impliziert der Film. Sergios Hund wird vergiftet – schon der zweite. Er weint vor dem Carabiniere und besorgt einen Maulkorb.

Angelo beklagt sich, dass irgendwelche Leute unbefugt sein Land betreten würden, um nach Trüffeln zu suchen.

Er schreibt seinen alten Mitstreitern auf der Schreibmaschine einen Brief, in dem er ihnen erklärt, warum er mit der Trüffeljagd aufhört: Weil die Leute habgierig sind. Und egoistisch.

Das Vertrauen sinkt, auch untereinander. Im Film kommt auch ein Direktkäufer vor, er führt das Business des Vaters weiter. «Ich habe es doch immer gut mit dir gemeint», sagt er zu einem Trüffeljäger, der seine Ware verkaufen will. Man sieht dem armen Mann an, dass er glaubt, übers Ohr gehauen zu werden.

So recht schlau wird man auch nicht aus dem Trüffelkäufer. Aber so, wie er an der Knolle riecht, wenn er Kunden am Telefon auf Englisch oder Französisch deren herausragende Qualität anpreist, will man ihm eine Leidenschaft für die Delikatesse nicht absprechen.

Trüffeljäger und Geruchssinn der Tiere bekommen Weihe der Kirche

«Du bist jetzt vierundachtzigeinhalb. Du hast keine Kinder», sagt ein junger Mann zu Aurelio. Zeit, das Wissen weiterzugeben, findet er. Nicht so Aurelio. Nicht einmal seinem eigenen Sohn würde er seine Fundorte verraten, meint er. Sie sitzen, von der unbeweglichen Kamera eingerahmt, zusammen am Tisch beim Essen.

Die Wand hinter ihnen ist mit bemalten Tellern geschmückt. Trüffeljäger Carlo wird als Mann «im Dienst aller Menschen» geweiht, «die seine Trüffeln essen werden». Auch der Geruchssinn der Tiere bekommt die Weihe der Katholischen Kirche.

Die alteingesessenen, inte­gren, möchte man sagen, Trüffeljäger sind vom Aussterben bedroht. Und mit ihnen die althergebrachte Kultur des Trüffeljagens. Der Film setzt den liebenswerten Originalen, die einen oft zum Schmunzeln bringen, und ihrer bescheidenden Lebensweise auf unaufgeregte, rein beobachtende Art und Weise ein Denkmal. Und macht Lust auf diesen sagenumwobenen, knolligen Schlauchpilz, den man in vergleichsweise minderwertiger Form auch bei uns findet: schwarze Rigi-Trüffel, 10 Gramm à 15 Franken.

Paulo isst Spiegelei mit Fondue und Alba-Trüffel

Vor der jährlichen Auktion können sich die Trüffeljäger an Paulo wenden. Er schätzt den Wert der Ware ein. Teilweise ist er unzufrieden, wie die Jäger die Erdknollen präsentieren: «Die muss man erst putzen!» Später sitzt er im Restaurant bei einem sicher piemontesischen Wein. Die Restaurationsfachfrau bringt ihm «Uovo fonduta e tartufo d'Alba» (Spiegelei mit Fondue und Alba-Trüffel) und hobelt Trüffel drüber. Rezept: https://www.sicilianicreativiincucina.it/fonduta-uovo-tartufo/?lang=de

«The Truffle Hunters» (I/GR/USA 2020), 84 Min., im Kino.

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