Kultfilmreihe

«Mad Max: Fury Road»: Zerstörungswut war nie poetischer

Regisseur George Miller setzt seine furiose Endzeitfantasie nach 30 Jahren fort: «Mad Max: Fury Road» ist ein perfekt orchestrierter Höllenritt – und überrascht mit Frauenpower.

Lory Roebuck
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Handgemachtes Spektakel: «Mad Max: Fury Road» setzt auf Pyrotechnik und Stunts, statt auf hohle Computertricks.Warner Bros

Handgemachtes Spektakel: «Mad Max: Fury Road» setzt auf Pyrotechnik und Stunts, statt auf hohle Computertricks.Warner Bros

Jasin Boland

Dreissig Jahre ist es schon her, seit Tina Turner in einem freizügigen Kettenhemd den jungen Mel Gibson durch die postapokalyptische Welt der «Mad Max»-Filme jagte. Die Kulttrilogie entstand zwischen 1979 und 1985 und erzählt eine Endzeitfantasie, die von der weltweiten Ölkrise der Siebzigerjahre geprägt war: Biker-Gangs kämpfen im australischen Outback um Benzin, der ausgebrannte Ex-Cop Max Rockatansky nimmt es mit ihnen auf. Die Rolle öffnete Mel Gibson die Türen nach Hollywood. Und der trashige Dreiteiler setzte mit seinen verrückten Boliden und waghalsigen Stunts neue Massstäbe.

Doch inzwischen sind aufwendig gemachte Actionfilme nicht mehr bloss eine Ausnahmeerscheinung, sondern Kinonorm. Umso erstaunlicher, dass es Regisseur George Miller jetzt mit «Mad Max: Fury Road», dem ewig herbeigesehnten vierten Teil, wieder gelingt, alles Vorangegangene in den Schatten zu stellen. Filme wie «Fast & Furious» haben der ursprünglichen «Mad Max»-Reihe vieles zu verdanken. Verglichen mit dem neuen «Mad Max« haben sie die Intensität eines Schneckenrennens.

Simple Story, hohe Kunst

Während der ursprüngliche Film 1979 noch weniger als eine halbe Million Dollar kostete, belief sich das Budget von «Mad Max: Fury Road» auf über 100 Millionen. In technischer Hinsicht ist der neue Film unendlich komplexer als seine Vorgänger. Umso simpler ist dafür seine Handlung:

Der Kriegsherr Immortan Joe (Hugh Keys-Byrne) regiert eine grössere Wüstenkommune mit eiserner Hand. Als seine loyalste Kriegerin, Furiosa (Charlize Theron), an einer nahe gelegenen Stätte die Benzinreserven nachfüllen soll, ergreift diese die Flucht – zusammen mit den fünf bildhübschen jungen Ehefrauen von Immortan Joe, die er zwecks Nachwuchszucht lange eingesperrt hielt. Der Despot schickt seine War Boys hinterher, fanatische Krieger, die sich vom Tod das ewige Heil versprechen. Max wird fast beiläufig in die Mitte dieses Konflikts geschleudert – und verbündet sich widerwillig mit Furiosa. «Mad Max: Fury Road» ist im Prinzip eine einzige lange Verfolgungsjagd quer durch die Einöde. Autos krachen ineinander, Menschen klettern bei Vollgas akrobatisch auf ihre Wagen und prügeln sich, permanent explodiert irgendwo etwas; und dazwischen gibt es die eine oder andere wohl platzierte Verschnaufpause.

Was sich wie ein leeres Kinospektakel anhören mag, ist in Wirklichkeit hohe Inszenierungskunst. Der inzwischen 70-jährige Regisseur Miller zelebriert nicht einfach blanke Zerstörungswut. Seine Endzeitvision folgt einer voll ausgereiften Ästhetik. Der feurige, alles verschlingende Sandsturm; die dämonischen Masken und Ornamente; der Heavymetal-Gitarrist, der Flammen aus seinem Instrument schiesst und die War Boys antreibt: Sie sind Auswüchse einer fantastisch imaginierten Groteske, eines Höllenritts, der bis ins letzte Detail durchkomponiert ist. Miller, der in der Wüste Namibias drehte, erweist sich als Poet der Zerstörung und Meister von perfekt choreografierter Action. Statt auf hohle Computertricks setzt er auf Pyrotechnik und Stunts. Sein Spektakel ist handgemacht. Anders als Materialschlachten wie «Transformers» ist «Mad Max: Fury Road» taktil, nah und erfahrbar. Millers Kreation ufert nie ins Bodenlose aus, sondern kommt aus einem Guss. Wer sich diesem filmischen Exzess ganz hingibt, wird im Kino unglaublich viel Spass haben.

Neustart mit Frauenpower

Schon in den Neunzigerjahren liebäugelte Miller mit einem vierten «Mad Max». Budgetprobleme und andere Rückschläge verzögerten das Projekt jahrelang. Mel Gibson sprang irgendwann ab. In seine Fussstapfen tritt nun der charismatische Brite Tom Hardy («The Dark Knight Rises»). Er spielt die ikonische Rolle physisch fesselnd und ähnlich wortkarg. Aber: Sein Mad Max verkommt in diesem Film beinahe zu einer Randfigur.

Denn Miller hat mit «Mad Max: Fury Road» die Karten nochmals neu gemischt. Er überrascht mit einer kräftigen Dosis Frauenpower. Sein wahrer Held ist Furiosa, brillant gespielt von Oscar-Gewinnerin Charlize Theron. Sie ist die treibende Kraft des Films, eine selbstlose Amazone, die sich in diesem von Testosteron befeuerten Universum zu behaupten weiss. Wenn sie und der leicht bekleidete Harem sich gegen die War Boys auflehnen, pendelt der Film geschickt zwischen Erotikfantasie und Emanzipationsermächtigung.

In Zeiten, in denen Hollywooddamen wie Jennifer Lawrence («The Hunger Games») und Scarlett Johansson («Lucy») ihre männlichen Kollegen als Action-Ikonen abgelöst haben, ist das ein geschickter Schachzug. George Miller hat bereits einen nächsten Film ins Auge gefasst, er soll «Mad Max: Furiosa» heissen. Die Richtung dürfte klar sein.

Mad Max: Fury Road (AUS/USA 2015) 120 Min. Regie: George Miller.