Filmfestival
Netflix-Filme in Cannes? Kinobetreiber toben – doch der Kampf ist aussichtslos

Am diesjährigen Hauptwettbewerb des Filmfestivals von Cannes laufen erstmals auch zwei Filme von Netflix. Kinobetreiber in Frankreich toben, weil die Filme nicht in ihren Sälen, sondern direkt im Wohnzimmer der Netflix-Abonennten.

Lory Roebuck
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Extravagante Oscar-Gewinnerin: Tilda Swinton spielt die Hauptrolle in «Okja», einer von zwei Netflix-Produktionen, die im Wettbewerb von Cannes laufen. Netflix

Extravagante Oscar-Gewinnerin: Tilda Swinton spielt die Hauptrolle in «Okja», einer von zwei Netflix-Produktionen, die im Wettbewerb von Cannes laufen. Netflix

Gehen Sie noch ins Kino oder schauen Sie schon Netflix? Die Art, wie und wo wir die neuesten Filme konsumieren, ist im Begriff, sich komplett zu verändern. Und die Filmfestspiele von Cannes, die nächsten Mittwoch in ihre siebzigste Ausgabe starten, haben möglicherweise den entscheidenden Richtungswechsel vorgegeben. Im diesjährigen Hauptwettbewerb laufen erstmals auch zwei Filme von Netflix: «Okja» von Bong Joon-ho und «The Meyerowitz Stories» von Noah Baumbach.

Kinobetreiber in Frankreich toben. Denn: Nach der rauschenden Festivalpremiere laufen «Okja» und «The Meyerowitz Stories» nicht etwa in ihren Sälen, sondern direkt im Wohnzimmer der Netflix-Abonennten – per Internet-Stream. Solche Filme zu berücksichtigen, sei Hochverrat am Kino, lautete der Vorwurf an die Filmfestspiele.

Die Festivalleitung sah sich Anfang Woche zu einer ausserordentlichen Sitzung genötigt. Oberstes Traktandum war die Frage, ob die beiden Netflix-Filme statt im internationalen Wettbewerb nur noch ausser Konkurrenz laufen sollten. Somit hätten sie keine Aussicht mehr auf die Goldene Palme – neben dem Oscar der wichtigste Filmpreis der Welt.

Wer gewinnt die Goldene Palme?

Im internationalen Wettbewerb konkurrieren 19 Filme aus 13 Nationen:

- «Aus dem Nichts» (Regie: Fatih Akin, Deutschland)

- «The Meyerowitz Stories» (Noah Baumbach, USA)

- «Okja» (Bong Joon-ho, Korea)

- «120 battements par minute» (Robin Campillo, Frankreich)

- «The Beguiled» (Sofia Coppola, USA)

- «Rodin» (Jacques Doillon, Frankreich/Belgien)

- «Happy End» (Michael Haneke, Frankreich/Deutschland/Österreich)

- «Wonderstruck» (Todd Haynes, USA)

- «Le Redoutable» (Michel Hazanavicius, Frankreich)

- «The Day After» (Hong Sang-soo, Korea)

- «Hikari» (Naomi Kawase, Japan)

- «The Killing of a Sacred Deer» (Yorgos Lanthimos, Irland/UK)

- «A Gentle Creature» (Sergei Loznitsa, Ukraine)

- «Jupiter’s Moon» (Kornél Mundruczó, Ungarn)

- «The Square» (Ruben Östlund, Schweden/Dänemark)

- «L’amant double» (François Ozon, Frankreich)

- «You Were Never Really Here» (Lynne Ramsay, UK/USA)

- «Good Time» (Joshua & Ben Safdie, USA)

- «Loveless» (Andrey Zvyagintsev, Russland)

Festival krebst vorerst zurück

«Cannes versteht die Bedenken der Kinobetreiber», hiess es kurz darauf in einer Medienmitteilung. «Das Festival hat Netflix erfolglos darum ersucht, seine beiden Filme auch den Zuschauern in französischen Kinos zugänglich zu machen.» Trotzdem hielt die Festivalleitung an ihrem ursprünglichen Entscheid fest. «Okja» und «The Meyerowitz Stories» dürfen im Wettbewerb verbleiben und neben 17 anderen Filmen um die Goldene Palme konkurrieren.

Ein Sieg für Netflix also? Nicht ganz. Cannes krebste sogleich etwas zurück und verkündete im Hinblick aufs nächste Festivaljahr: «Ab 2018 muss jeder Film, der sich für den Hauptwettbewerb qualifizieren will, sich dazu verpflichten, in französische Kinos verliehen zu werden.» Netflix-CEO Reed Hastings trötzelte kurz darauf auf Facebook: «Das Establishment vereint sich gegen uns. Kinobetreiber wollen uns den Weg versperren, unglaublich!»

Solche populistischen Possen wären gar nicht nötig. Die neue Regelung für 2018 dürfte sich als reines Lippenbekenntnis entpuppen. Die Festivalleitung unter Direktor Thierry Frémaux weiss haargenau, dass Cannes es sich gar nicht leisten kann, Netflix vor die Tür zu setzen. Denn: Hollywoodregisseure und -stars springen gerade scharenweise auf den Streamingzug auf.

Martin Scorsese beispielsweise. Der US-Regisseur ist ein gern gesehener Gast an der Croisette. Sein Meisterwerk «Taxi Driver» gewann 1976 die Goldene Palme, 1998 leitete Scorsese die Wettbewerbsjury. Weil sein aktueller Film «Silence» an den Kinokassen floppte, zögerte Paramount Pictures mit der Finanzierung seines nächsten Projekts. Netflix sprang in die Bresche und bot für Scorseses Gangsterkrimi «The Irishman» (in den Hauptrollen: Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci) 100 Millionen Dollar. Scorsese nahm dankend an.

Noah Baumbach, Adam Sandler und Dustin Hoffman auf dem Set von «The Meyerowitz Stories» von Netflix.

Noah Baumbach, Adam Sandler und Dustin Hoffman auf dem Set von «The Meyerowitz Stories» von Netflix.

Steve Sands

Cannes kann nicht Nein sagen

Auch Brad Pitts neuer Film läuft nur auf Netflix. In der Kriegssatire «War Machine» (ab 26. Mai) spielt der Hollywoodstar einen überforderten Armeeoffizier in Afghanistan. Die Hauptrolle in «Okja» derweil spielt Oscar-Gewinnerin Tilda Swinton, und für «The Meyerowitz Stories» standen Stars wie Ben Stiller, Adam Sandler und Dustin Hoffman vor der Kamera. Wenn Netflix solche Namen anbietet, kann Cannes gar nicht Nein sagen.

Wer das Programm der diesjährigen Festivalausgabe studiert, merkt auch: Cannes will sich den neuen Entwicklungen und Trends gar nicht verschliessen. So hat das Festival in einer Nebenreihe auch TV-Serien wie «Top of the Lake» und die «Twin Peaks»-Fortsetzung programmiert. Und zeigt mit «Carne y Arena» von Oscar-Gewinner Alejandro González Iñárritu («The Revenant») sogar einen Virtual-Reality-Film.

Cannes blickt in die Zukunft, zumindest hinter vorgehaltener Hand. Man würde sich von Festivalleiter Thierry Frémaux ein ähnliches Bekenntnis wünschen wie von Alberto Barbera. Der künstlerische Leiter der Filmfestspiele von Venedig war 2015 ebenfalls dafür kritisiert worden, dass er mit «Beasts of No Nation» einen Netflix-Film in sein Programm aufgenommen hatte. Barberas Antwort: «Es macht keinen Sinn, Filme aufgrund ihrer Herstellungsart zu diskriminieren. Ich suche Filme nach ihrem künstlerischen Wert aus. Egal, woher sie kommen, sie sind Bestandteil des heutigen Kinos.»

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