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Hype um «Inventing Anna» und «The Tinder Swindler»: Warum faszinieren Hochstapler so?

Sie betrügt die High Society, er Frauen auf Tinder: Eine Serie und ein Film auf Netflix begeistern das Publikum. Warum? Und wie fällt man im wahren Leben nicht auf die Trickser herein?

Daniel Fuchs
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Ihre Tricksereien ziehen auf Netflix Millionen in den Bann: Die Mini-Serie «Inventing Anna» erzählt die Geschichte der Hochstaplerin Anna «Delvey» Sorokin, auf die wohlhabende New Yorker hereinfielen. Und der Dokumentarfilm «The Tinder Swindler» zeigt, wie der Möchtegern-Millionärssohn Simon Leviev auf der Datingplattform Tinder Frauen ins Elend stürzte.

Wickelt sie alle um ihren Finger: Die Hochstaplerin Anna Sorokin alias Anna Delvey, gespielt von der wunderbaren Julia Garner.

Wickelt sie alle um ihren Finger: Die Hochstaplerin Anna Sorokin alias Anna Delvey, gespielt von der wunderbaren Julia Garner.

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Worum geht es in ­«Inventing Anna»?

Sie zieht alle über den Tisch, ergaunert sich Geschenke, Investitionen oder das Bezahlen von Beträgen in schwindelerregender Höhe: Anna Delvey hinterliess in der New Yorker Kunstszene enttäuschte Freunde, erniedrigte Investoren und leere Portemonnaies.

In New York angekommen, gab sich Anna Delvey als deutsche Millionenerbin aus und fand so eine Heimat. Bloss hiess Anna Delvey gar nicht Anna Delvey, sondern Anna Sorokin. Und 2016 kamen ihr die Ersten, die merkten, dass sie über den Tisch gezogen wurden, auf die Schliche. 2019 schliesslich wurde Sorokin, 1991 geboren bei Moskau, zu einer Haftstrafe verurteilt. Die Miniserie, produziert von Shonda Rhimes («Grey’s Anatomy») für Netflix, erzählt Anna Sorokins Geschichte.

Wovon handelt «The Tinder Swindler»?

Eine ähnliche Geschichte, aber viel bedrohlicher und als Dokumentarfilm, erzählt «The Tinder Swindler». Der Film hält sich eng an die Schilderungen von drei Frauen, die auf Simon Leviev hereinfielen, einem angeblichen Erben einer israelischen Diamanten-Dynastie. Alle erlagen sie seinem Charme und Lebensstil.

Levievs Masche: Als er sich die Loyalität seiner Opfer sicher ist, setzt er sie unter Druck. Er spielt ihnen vor, wegen heikler Geschäfte in Lebensgefahr zu sein, pumpt sie um Geld an, vertröstet sie – und bezahlt nie zurück. Die Frauen als naiv zu bezeichnet, greift zu kurz. Schliesslich drehen sie den Spiess um. Der Täter, sein wahrer Name lautet Shimon Hayut, und er war wegen ähnlicher Delikte bereits in Haft, kommt 2019 erneut hinter Gitter.

Alles vorgespielt, die Aufnahmen aber sind echt: Der Tinder-Schwindler ­Shimon Hayut alias Simon Leviev führt ein Luxusleben mit fremdem Geld.

Alles vorgespielt, die Aufnahmen aber sind echt: Der Tinder-Schwindler ­Shimon Hayut alias Simon Leviev führt ein Luxusleben mit fremdem Geld.

Netflix

Was fasziniert uns so an Hochstaplern?

Sogenannte True-Crime-Formate sind an sich schon ein riesiger Trend. Nicht nur Serienproduktionen setzen auf das Genre, auch die Podcast-Landschaft ist voll davon. Gut möglich, dass sich die Geschichte um haarsträubende Kriminalfälle, Serienmörder oder Gewalttäter langsam etwas erschöpft. Doch genauso spektakulär lassen sich grosse Betrugsskandale inszenieren.

Beide Geschichten sind gepaart mit Sehnsüchten und Träumen, die viele von uns hegen. Anna Delvey trägt teure Designerkleider und kommt viel herum, auch mal im Privatjet. Ein ähnliches Leben zelebriert Simon Leviev, er führt ein Leben auf dem Jetset und übt eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Alles nur Fassade freilich, alles nur getrickst. Fasziniert sehen wir zu, wie die Opfer auf ihn hereinfallen.

Freilich, Hohn spielt dabei mit. Wer ist denn schon so blöd, seine Kreditkartendaten weiterzugeben oder hohe Bargeldsummen zu beschaffen ohne Garantien?

Anna Delvey nutzt die Naivität der Reichen aus und ihre Geschichte hat dabei etwas Robin-Hood-haftes. Auch Simon Leviev setzt auf die Naivität, diejenige junger Frauen freilich ohne grosses finanzielles Back-up. Während Anna zu einer Sympathieträgerin wird, ist Simon eine Hassfigur.

Die beiden Netflix-Produktionen bilden also das Spektrum der Faszination ab, welche Betrügergeschichten ausüben: Man kann mitfiebern mit den gewitzten Machenschaften eines Underdogs oder sich mit den Opfern solidarisieren, die wegen eines einzigen Wischs auf Tinder ins Unglück stürzen.

Sind denn beide Netflix-­Produktionen gut?

«Inventing Anna» und «The Tinder Swindler» machen deutlich, weshalb Menschen ihr rationales Denkvermögen ausschalten, wenn sie sich zu einem anderen Menschen hingezogen fühlen. Dabei muss es nicht einmal Liebe sein, wie die Mini-Serie über den Fall Anna Sorokin zeigt.

Während es «Inventing Anna» schafft, der wahren Figur Anna Sorokin näher zu kommen, bleibt der Dokumentarfilm «The Tinder Swindler» eng bei den Opfern, den Frauen, die den Schwindler auf Tinder kennen lernten, ihm Geld borgten, sehr viel Geld, und heute nicht nur finanziell ruiniert sind, sondern auch tiefe seelische Verletzungen mit sich tragen. «Inventing Anna» bietet recht grossen Erkenntnisgewinn und Julia Garner («Ozark», «The Assistant») in der Hauptrolle ist eine Wucht.

Sehr gut: Julia Garner in «Inventing Anna».

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Beim Tinder-Schwindler hat man danach mehr Fragen als Antworten. Vieles bleibt allzu vage. Der echte Simon Leviev ist wieder auf freiem Fuss. Warum es nie zu einer langjährigen Haftstrafe reichte, bleibt unbeantwortet. Tipp: Hören Sie sich den dreiteiligen Podcast zur Serie «The Making of a Swindler» an und erfahren Sie mehr über den Schwindler und davon, wie aus dem Kind in einem jüdisch-orthodoxen Umfeld in Israel ein Psychopath wurde, der auf Tinder Frauen an sich bindet, diese bedroht und ausnützt.

Was tun, um nicht auf solche Hochstapler hereinzufallen?

Anlässlich des Hypes um «Inventing Anna» und «The Tinder Swindler» werden im Internet Tipps herumgereicht, wie man nicht auf solche Schwindler hereinfällt. Hier die Essenz: Um jemanden Geld zu leihen braucht es schon eine gehörige Portion Vertrauen. Vorsicht sollte man gerade auf Plattformen wie Tinder walten lassen. Skepsis ist angebracht, wenn der Gegenüber einen innert kurzer Zeit mit Liebesbekundungen überhäuft, in Rekordzeit vorschlägt, zusammenzuziehen.

Bietet leider kaum Erkenntnisse über die Beweggründe des Täters: «The Tinder Swindler» (Trailer).

Netflix / Youtube

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wer persönliche Daten wie Wohnadresse, Telefonnummer oder Kreditkartendetails teilt, macht sich verwundbar. Der Tinder-Schwindler im Film wendet eine ganz perfide Masche an, indem er die Opfer mit Liebesbeweisen und Luxusgeschenken (die er mit dem Geld anderer über den Tisch gezogener Frauen finanziert) überhäuft und sie an sich bindet, und sich dann als Ziel gefährlicher Machenschaften inszeniert. Zur Abwendung der Gefahr braucht er fremdes Geld.

Wer mit ähnlichen Hilferufen zu tun hat, der sollte sich fragen: Weshalb wendet sich der Hilfesuchende nicht an die Polizei?