Thriller
Neuverfilmung von «The Girl with the Dragon Tattoo» ist kaum zu überbieten

«Verblendung – The Girl with the Dragon Tattoo» beginnt mit der buchstabengetreuen Desillusionierung von Blomkvist. Und auch das Ende dieser Hollywood-Adaption hält sich an Stieg Larssons Weltbestseller.

Hans Jürg Zinsli
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Erster Auftritt von Bond-Darsteller Daniel Craig: Er sieht schlecht aus. Und Craig hat allen Grund. Seine Figur, der Wirtschaftsjournalist Mikael Blomkvist, scheint nach verlorenem Verleumdungsprozess gegen einen Geldschieber am Ende, das Bussgeld droht sein Privatleben zu zerstören. Da kommt, ausgerechnet am Weihnachtstag, ein Anruf des pensionierten Firmenpatriarchen Henrik Vanger (Christopher Plummer). Eine Störung zur Unzeit? Nein, eine Rettung der unerwarteten Art.

«Verblendung – The Girl with the Dragon Tattoo» beginnt mit der buchstabengetreuen Desillusionierung von Blomkvist. Und auch das Ende dieser Hollywood-Adaption hält sich an Stieg Larssons Weltbestseller: Lisbeth Salander (Rooney Mara), die rebellische Heldin, wirft ein als Geschenk gekauftes Lederkombi auf den Müll und braust enttäuscht auf dem Töff davon.

Nazis, Sadisten und Mörder

Ja, es herrscht Chaos in diesem Film, und die grössten Turbulenzen spielen sich auf zwischenmenschlicher Ebene ab. Das ist die eigentliche Sensation, wenn man sieht, was Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Steven Zaillian («Schindler’s List») aus Larssons Stoff gemacht haben. Als der bankrotte Blomkvist und die gesellschaftsunfähige Salander gemeinsam nach einer verschollenen Industriellennichte fahnden, stossen sie nicht nur auf ein Nest aus Altnazis, Sadisten und Frauenmördern, sondern auch auf eigene Unzulänglichkeiten. Da wird man als Zuschauer in den emotionalen 95-Grad-Waschgang geworfen. Vollschleuderung inklusive.

Mit künstlerischem Risiko

Doch warum ist das so gut? Und weshalb verblasst die schwedisch-dänische Erstverfilmung (2009) von Niels Arden Oplev neben dieser Neufassung? Der Grund heisst David Fincher, der hier im Geiste seiner verstörendsten Werke («Se7en», «Fight Club») waltet und Hollywood endlich wieder zu künstlerischem Risiko treibt: Bei Salanders Vergewaltigung durch ihren Vormund hält Fincher voll drauf. Ganz im Sinne von Salanders Erfinder Larsson, dessen Buch im Original heisst: «Männer, die Frauen hassen.» Und auch bei der Retourkutsche wird nichts ausgelassen.

Drastisch wird einem hier eine Seelentopografie der Abscheulichkeiten vor Augen geführt, angesiedelt in Schweden, wo die Kälte mit Händen zu greifen ist. Ein Grossteil der Verwandten von Auftraggeber Vanger, die zum Verdächtigenkreis zählen, spricht kein Wort miteinander, obwohl alle auf derselben Insel wohnen. Die Wohnung des Bösewichts gleicht einem Hort erlesener Sterilität. Und der Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross (die schon Finchers «Social Network» veredelten) ist elektronischer Permafrost.

Handkehrum stecken sich die «Guten» in diesem Film eine Zigarette nach der andern an (wann gabs dies zuletzt in einem Hollywoodfilm?), und zwei Schlüsselfiguren liegen im Sterben: Blomkvists Auftraggeber und Salanders einstiger Vormund. Die Welt in «Verblendung» ist aus den Fugen, Schutz und Vertrauen bleiben ungewiss. Das gilt auch für Blomkvist und Salander.

Und für Finchers Film allgemein: Die einzelnen Puzzlestücke sind hier besser miteinander verwoben, Newcomerin Rooney Mara spielt die Hauptfigur noch verletzlicher, noch verstörender, noch verkapselter als Noomi Rapace vor zwei Jahren. Wenn sich Salander Blomkvist gegenüber öffnet und dabei Momente der Intimität aufflackern, ist das eine Oase der Hoffnung in Finchers 158-minütigem Gewaltepos. Aber man weiss auch: Die Enttäuschung wird umso heftiger ausfallen. Und das macht «Verblendung» zu einem Werk von erschreckender Faszination.

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