Interview

Netflix versus Kino: Warum Martin Scorsese dem Streaming-Anbieter den Vorzug gab

Am Mittwoch startet das Mafia-Epos «The Irishman» auf Netflix. Seit einer Woche ist er in ausgewählten Kinos zu sehen. Für die grosse Leinwand ist der Film auch gedacht, sagt Regisseur Martin Scorsese. Warum aber geht der sonst so kompromisslose Meister seines Genres hier einen Kompromiss ein? Antworten im Interview mit unserer Hollywood-Reporterin Marlène von Arx.

Interview: Marlène von Arx
Hören
Drucken
Teilen
Ist als Kind den Mafiosi begegnet und kennt die Angst, die von ihnen ausging: Martin Scorsese. (Bild: AP)

Ist als Kind den Mafiosi begegnet und kennt die Angst, die von ihnen ausging: Martin Scorsese. (Bild: AP)

Mit «The Irishman» kehren Sie wieder zum Mafia-Genre zurück. Auch zu Ihren Kindheitserinnerungen?

Martin Scorsese: In gewisser ­Weise schon. Ich habe als Kind die Männer an der Strassenecke oder in kleinen Bars miteinander reden sehen und die Körpersprache beobachtet, die darauf hindeutete, dass etwas Schwerwiegendes passieren würde. Ich näherte mich ihnen nie, sondern grüsste freundlich und zog an ihnen vorbei. Ich sah die Angst, die diese stille Macht provozieren konnte – auch in meinen ­Eltern, die in der Textilindustrie arbeiteten.

Ihre Titelfigur, der Mobster Frank «der Ire» Sheeran, behauptet, für das bis heute ungeklärte Verschwinden des Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa im Jahr 1975 verantwortlich zu sein. Für wie glaubwürdig halten Sie das?

Es ist sehr gut möglich. Hoffa kam an die falschen Leute und unterschätzte sie. Er musste weg.

Sie haben neun Filme mit Robert De Niro gedreht, darunter Klassiker wie «Taxi Driver», «Raging Bull» und «Goodfellas». Der letzte liegt 25 Jahre zurück. Wieso hat es seit «Casino» keine Zusammenarbeit mehr gegeben?

Wir wollten schon lange einen Film zusammen machen, der unsere Zusammenarbeit einen Schritt weiter bringen würde. Ich las Charles Brandts Buch «I Heard You Paint Houses», auf dem «The Irishman» basiert, vor dreizehn Jahren, und Steve Zaillian schrieb 2009 bereits am Drehbuch. Damals dachten wir, wir könnten Bob De Niro, Joe Pesci und Al Pacino noch mit Make-up verjüngen. Aber in Hollywood wollte den Film niemand finanzieren.

Martin Scorsese (77)

Der Sohn eines italoamerikanischen Paars kam 1942 in Queens (New York) zur Welt. Später zog seine Familie nach Manhattan ins Italienerviertel um, das stark von der Cosa Nostra geprägt war. Scorsese ist einer der wichtigsten US-Kinoautoren. (chm)

Und dann kam Netflix als Retter daher. Welche Kompromisse gingen Sie ein?

Der Kompromiss ist, dass der Film statt im Kino hauptsächlich im Fernsehen gesehen wird, ­dafür bekam ich das Budget und alle kreativen Freiheiten. Ich habe zugestimmt, weil wir 75 Jahre alt waren und nicht mehr länger warten konnten. Und ich konnte mit dem Format experimentieren: Also beispielsweise Szenen um drei Minuten ausdehnen, falls sich das Innenleben einer meiner Figuren so besser zeigen liess. Ich musste mich ja nicht an ein zweistündiges Zeitfenster fürs Kino halten. Aber letztlich finde ich, man sollte den Film im Kino ­sehen.

Wie war die Erfahrung also unter dem Strich?

Eine sehr gute. So frei habe ich noch nie einen Film machen können. Und ich habe mir auch überlegt: «Alice Doesn’t Live Here Anymore» lief eine Woche für die Award Season, und «King of Comedy» wurde nach einer Woche aus den Kinos verbannt. Es war der Flop des Jahres. Ich hatte also schon Filme, die weniger lang im Kino liefen als die vier Wochen, die «The Irishman» von Netflix zugestanden bekam. Ausserdem erreicht der Film jetzt Leute, die keinen Zugang zu Kinos haben.

Sie haben vor kurzem die Diskussion entfacht, was Kino sein soll und ob es von Superheldenfilmen bedroht wird. Sind wir an einem kritischen Punkt angelangt?

Ich finde schon. Kommunikation und Kino haben sich in den 100 Jahren, seit wir Filme haben, sehr verändert. Ich habe nichts gegen kommerzielle Filme und sage nicht, sie seien schlecht. Ich frage mich einfach, wo die Kinosäle für die Filme sind, in denen es um Menschen geht. Superheldenfilme haben das ganze Kinoerlebnis verändert. Sie sind wie Vergnügungsparks.

Sie verstünden die Wünsche des Publikums nicht mehr, wirft man Ihnen vor...

Ich bin alt, und es geht auch nicht mehr um mich, sondern um die Jungen, die Filme wie «Moonlight» machen wollen. Die sollten nicht verdrängt werden. Wenn ein Superheldenfilm Rekordeinnahmen verbucht, schreibt er nicht Kinogeschichte, sondern Boxoffice-Geschichte. Das ist ein Unterschied. Was lehren wir unseren Kindern mit diesen Filmen, in denen nicht viel mehr passiert, als dass der Gute einen Bösen vermöbelt? Um junge Leute auf menschlicher Ebene zu bereichern, müssen sie erst die Art Filme respektieren lernen, die wir seit Jahren versucht haben zu machen und weiter machen wollen. Hitchcocks Filme waren auch Kassenschlager, aber sie handeln von menschlichen Schwächen und Versagen, von moralischen Konflikten. Sie bestehen deshalb den Test der Zeit.

Was empfehlen Sie Filmemachern, die Kino nach Ihrem Verständnis machen wollen?

Sie brauchen vor allem den Drang, sich kreativ mit Film ausdrücken zu müssen. Und zwar so sehr, dass man nicht schlafen, nicht essen und kein Leben führen kann, wenn man nicht in diese Welt eintaucht. Talent ist weniger wichtig, das kann man sich mit der Zeit aneignen. Orson Welles sagte, man könne alles über die Kamera in vier Stunden lernen. Was man damit macht, ist ein ständiger Kampf. Da darf man den Enthusiasmus nicht verlieren.

Sie haben den Enthusiasmus nicht verloren. Schwingt bei «The Irishman» auch ­Nostalgie mit?

Ja, wobei Nostalgie ist vielleicht zu oberflächlich. Nostalgie vielleicht, weil wir es sind: Bob, Joe, Harvey Keitel und ich. Wir brauchen uns nur anzusehen. Wir verstehen uns ohne Worte. Da treffen Jahrzehnte von gemeinsamen Erlebnissen aufeinander. Wir sind eine Familie. Früher war ja auch meine Mutter noch als Schauspielerin dabei. Und jetzt sind wir am Ende unseres Lebens und können nochmals etwas Gemeinsames schaffen. Das ist schon etwas ganz Besonderes.

The Irishman (USA, 2019) 209 Min. R: Martin Scorsese. Mit Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci u.a. Läuft noch eine Woche in ausgewählten Kinos, ab heute auch auf Netflix.

Die Mafiosi werden alt

Mit «The Irishman» kehrt Martin Scorsese zum Gangsterfilm zurück. Ein Glücksfall für Netflix und fürs Kino.
Regina Grüter