«Larry Crowne»

Tom Hanks: «Jetzt habe ich auch noch Arsch gesagt»

Die romantische Komödie «Larry Crowne» dreht sich um einen Mann, der den Job verliert und zurück aufs College geht. Regisseur Tom Hanks spielt an der Seite von Julia Roberts die Hauptrolle. Im Interview nimmt er kein Blatt vor den Mund.

Andreas Scheiner
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Tom Hanks (Archiv)

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Keystone

Herr Hanks, es heisst, Sie seien enttäuscht, dass Sie die Pressearbeit ohne Julia Roberts machen müssen.

Tom Hanks: Wer sagt das?

Kam im Fernsehen.

Das sind Idioten. Herrgott nochmal, Julia hat drei Kinder. Sie will kaum mehr Filme drehen, und das Letzte, was sie will, ist, um die Welt zu jetten, um über die Filme reden zu müssen. Ich verstehe das vollkommen.

War Julia Roberts von Beginn weg für die Rolle vorgesehen?

Ja, bereits als mir die Idee für die Geschichte kam: Typ geht zurück aufs College und seine Dozentin ist Julia Roberts. Klingt doch vielversprechend.
Damals kannte ich Julia allerdings noch nicht und dachte: Die kriegst du nie!

Aber dann haben Sie zusammen «Charlie Wilson's War» gedreht?

... und uns hervorragend verstanden. Sie hat gesehen, wie ich als Schauspieler arbeite, und ich konnte sie überzeugen, dass ich auch als Regisseur recht passabel sein würde.

Welches sind die drei herausragenden Qualitäten von Julia Roberts?

Erstens: Sie ist unheimlich smart, man kann sie nicht zum Narren halten.
Zweitens: Sie hält sich nicht mit dummen, schlecht vorbereiteten Leuten auf.
Drittens: Wenn es harzt, zieht sie die Karre aus dem Dreck. Ich glaube, in dieser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich.

Ähnlich taff?

Komme ich aufs Set und die Leute liegen sich in den Haaren, sage ich: Was soll das? What the fuck, guys! Reisst euch zusammen, wir haben hier einen Film zu drehen. Entschuldigen Sie meine Sprache. Ich habe das F-Wort gesagt.

In Europa dürfen Sie das.

Wirklich? Dann werde ich das nächste Mal auf dem roten Teppich nur noch «fuck» sagen.

«Larry Crowne» ist erst Ihre zweite Regiearbeit. Weshalb führen Sie so selten Regie?

Die Arbeit als Regisseur verlangt einem sehr viel ab. Wenn ich Regie führe, schreibe ich das Material selbst. Ausserdem habe ich Regisseure gefragt, ob sie an «Larry Crowne» interessiert wären ?

Und?

Keine gute Idee. Regisseure mögen es nicht, wenn ein Schauspieler zu ihnen kommt und sagt: Ich habe eine fixfertige Geschichte, ich spiele die Hauptrolle, du musst nur noch den Rest erledigen. Regisseure wollen das Sagen haben.

Sein eigener Regisseur sein ¬ besteht da nicht die Gefahr, schizophren zu werden?

Viel eher besteht die Gefahr, zu einem Megalomanen zu werden. Zu einem Menschen, der denkt, dass alles, was er tut, richtig ist. Aber Filme machen ist ohnehin ein Glücksspiel. Ich erinnere mich, wie ich mit Bob Zemeckis «Cast Away» gedreht habe: Wir sitzen irgendwo auf den Fidjis, ich trage unsägliche Shorts und die Szene mit dem Ball steht an.

Ihre Figur ist auf einer einsamen Insel gestrandet und unterhält sich mangels Alternativen mit einem Volleyball.

Ich frage Bob Zemeckis: Jesses, hast du nicht das Gefühl, dass wir hier einen totalen Murks machen? Er ist völlig hysterisch: Wir riskieren Kopf und Kragen! Kopf und Kragen, Tom! Der Film wurde ein grosser Erfolg. Man kann nie wissen, was funktioniert, aber man muss an sich glauben.

Zurück zu «Larry Crowne». Dieser trifft nicht nur auf Julia Roberts, sondern auch auf eine junge Studentin. Es geht darum, ob ein Mann und eine Frau befreundet sein können, ohne eine Beziehung zu haben. Glauben Sie, dass das geht?

Na sicher geht das.

Bei Ihnen oder generell?

Nur bei mir. Ich bin der einzige Mensch auf dem Planeten, bei dem das geht.

Und bei den Fernsehzuschauern?

Während der Dreharbeiten hat man uns ständig gesagt, dass Larry und die Studentin eine romantische Beziehung eingehen müssten. «Tom!», haben sie geschrieen, «es ist ein Film, in einem Film muss das drin sein. Das Publikum will das. Das Publikum will Sex.» Und ich habe gesagt: «Jungs, schlagt euch das aus dem Kopf! Das wird nicht passieren. Und wisst ihr, wieso nicht?
Stellt euch vor: Ich bin 55 Jahre alt!»

Der Altersunterschied wäre zu gross?

Nur weil ein Mann nett und freundlich ist, heisst das nicht, dass ein Mädchen, das 22 Jahre alt ist, mit jemandem ins Bett will, der 55 ist. «Aber», haben die Leute auf dem Set mich gefragt, «können die beiden denn einfach nur Freunde sein?» Ja, ja, ja, das können sie. Das Leben ist kein Film über College-Kids, die von alten Männern flachgelegt werden. Jetzt habe ich «flachgelegt» gesagt. Ich entschuldige mich noch einmal für meine Sprache.

Im Film kriegen Sie als Student Ihre Jugend zurück.

Soll ich erzählen, wie das geht?

Die Frage ist eher, wie sehr Ihr eigenes Leben im Film steckt. Beschäftigt Sie Ihr Alter?

Nein, ich bin glücklich, 55 zu sein. Aber ich verrate Ihnen, wie man jung bleibt: Machen Sie es wie Larry, fahren Sie Scooter. Sie sparen Geld und Benzin, Sie spüren den Wind im Haar und Sie treffen Mädchen, Chicks. Chicks mögen Scooter. Mit dem Scooter werden Sie ein Hipster. Dann können sie mit den Chicks flirten. Sex gibt es allerdings nicht, nur Freundschaft.

Glauben Sie, dass Sie irgendwann zu alt sein könnten für romantische Komödien?

Ja.

Verraten Sie auch, wann?

In sieben Jahren. Zufrieden? Aber die Frage ist berechtigt: Niemand will eine romantische Komödie mit einem alten Knacker sehen. Romantische Komödien drehen sich um junge Leute, sie funktionieren nach dem Prinzip: Ich bin ein Mädchen, dem der Freund ausgespannt wurde. Oder: Er will die Cheerleaderin, sie ist keine Cheerleaderin. Oder: Ich bin ein Nerd, aber das hübscheste Mädchen der Schule ignoriert den Nerd.

Inwiefern hat die Finanzkrise «Larry Crowne» verändert?

Zunächst war da einfach die Idee dieses Mannes, dem gekündigt wird, woraufhin er sich neu erfinden muss. Plötzlich kam die Immobilienkrise und meine Koautorin sagte zu mir: Larry muss sein Haus verlieren. Von da an hatte der Film ein ganz neues Gewicht.

Wie verführerisch ist Macht?

Meine Macht beschränkt sich darauf, dass ich herumreisen und ein paar Journalisten zu mir ins Hotel bestellen kann. Die Leute denken, ich könnte jeden Film machen, den ich will. Die Leute haben keine Ahnung. «Larry Crowne» wäre fast nicht zustande gekommen, weil niemand an den Film geglaubt hat. Es gibt natürlich Menschen, die aus Machthunger ins Showbusiness gehen.
Meistens sind das Produzenten. Sie wollen Entscheidungsträger sein. Ich bin ins Showbusiness gegangen, weil es unfassbar viel Spass macht, Schauspieler zu sein. Wenn ich an einem Film arbeite, bin ich der glücklichste Mensch der Welt.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen um?

Ich bin gut darin, Schläge wegzustecken. Aber wollen Sie wissen, was eine echte Enttäuschung ist? So hart an einem Film zu arbeiten wie an «Larry Crowne» und dann negative Kritiken lesen zu müssen. Bestimmt wird es Kritiker geben, die mir den Arsch aufreissen. Jetzt habe ich auch noch Arsch gesagt.