TV-Serie
Netflix zeigt «Narcos: Mexico» Staffel 3: Höchste Zeit für ein paar Gedanken über Hollywoods Liebe zu Drogenkartellen

Natürlich zementieren Filme und Serien wie «Narcos» das Bild des kriminellen Mexikaners. Die Freude an dem Genre ist trotzdem okay.

Daniel Fuchs
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Wie in «Narcos: Mexico» in jedem Drogenkrieg-Film: Eine Lagerhalle, gestreckte Drogen und durchgeknallte Typen.

Wie in «Narcos: Mexico» in jedem Drogenkrieg-Film: Eine Lagerhalle, gestreckte Drogen und durchgeknallte Typen.

Bild: Juan Rosas/Netflix

Lange erwartet, endlich da: Auf Netflix läuft die letzte Staffel von «Narcos: Mexico», einem dreiteiligen Spin-off des ebenfalls dreiteiligen Originals von 2015 «Narcos», das den Aufstieg der kolumbianischen Drogenkartelle beleuchtet. Im Mittelpunkt damals: der Aufstieg des Bosses aller Drogenbosse, Pablo Escobar.

Ich war fasziniert, verfiel einer mystischen Anziehungskraft des Kolumbiens der Kartelle, rauschender Feste und des Lebens in den 1970ern und -80ern, so cool war die Serie umgesetzt. Und ich bin nicht der Einzige. Oder habe nur ich den Eindruck, als finde ein Kuriosum aus Kolumbien seither geradezu ständig den Weg in die Öffentlichkeit? Das der Nilpferde, die der grossspurige Escobar neben Giraffen und anderen in Südamerika nicht heimischen Tieren in einem Privatzoo hielt, und die nach dessen Tod in die Freiheit gelangten – und seither das natürliche Gleichgewicht stören?

Fast ausschliesslich als Gangster unterwegs: Mexikaner im Film

«Narcos» jedenfalls schlug ein wie eine Bombe, etwas verschämt muss ich zugeben, läuft der «Narcos»-Soundtrack über meine Kopfhörer, als diese Zeilen entstehen. Und nur schon, wenn ich mich durch die «Narcos»-Trailer klicke, packt mich eine nicht erklärbare Lust, meine nächsten Ferien in Kolumbien zu verbringen, was weniger mit der Darstellung der nackten Gewalt zu tun haben dürfte, welche die Serie transportiert, sondern vielmehr mit einer Leidenschaftlichkeit, mit der sie die Zuschauer um den Finger wickelt.

Achtung, kann verstörende Szenen enthalten: Wiedersehen mit Amado Carillo Fuentes, dem Boss des Juarez-Kartells und gespielt von José Maria Yazpik.

Quelle: Netflix

Die ersten drei «Narcos»-Staffeln drehten sich vor allem um Pablo Escobar und das kolumbianische Cali-Kartell. Netflix und seine Partnerproduktionsfirma erzählten die Geschichte über den Drogenkrieg der USA, der vor allem in Mexiko weitertobte, mit dem Spin-off «Narcos: Mexico» weiter. Reiselust verbreitet das jedoch überhaupt nicht. Es hat schon etwas: All die Filme und Serien über die mexikanischen Drogenkartelle, die Hollywood seit Jahren fabriziert, zementieren das Bild eines Landes, in dem an jeder Ecke Entführung, Folter und Tod drohen.

In einem Meinungsbeitrag für die «New York Times» beklagte der gebürtige Guatemalteke und US-Autor Héctor Tobas anlässlich von «Narcos: Mexico» und der damaligen Präsidentschaft Trump die Kultivierung des kriminellen Latinos durch Hollywood:

«Das Bild des Kartellmitglieds – sei es ein Drogenboss, ein Auftragskiller oder ein kleiner Drogendealer – ist zum vorherrschenden Bild der Latino-Bevölkerung im amerikanischen Fernsehen und Kino geworden.»

Das, so Tobas weiter, sei natürlich auch «das vorherrschende Bild von Latinos im Diskurs des Präsidenten der USA».

Und Benicio del Toro, ein Schauspieler, den man fast nur noch als Drogengangster zu sehen bekommt, sagte «The Guardian», Filme über den Drogenkrieg und die Kartelle seien ein eigentliches Genre geworden. «Sie werden zu den neuen Western.»

Die Liste der Filme und Serien, in welchen lateinamerikanische Drogenkartelle eine wichtige Rolle spielen, indes ist lang. Sie reicht von Al Pacino in «Scarface» über Steven Soderberghs «Traffic», Johnny Depp und Penélope Cruz in «Blow» oder Oliver Stones «Savages» bis zu den Kultserien «Ozark» oder «Breaking Bad» und dessen Ableger «Better Call Saul». Ein Genre, zu dem sich die einen ebenso hingezogen fühlen wie andere abgestossen.

Unvergessen: Johnny Depp und Penélope Cruz in «Blow».

Quelle: Youtube

Giftige Mischung? Trump ­instrumentalisiert Hollywood

Trotzdem trägt nicht Hollywood die Schuld am Image der Mexikaner. Das zeigt der Vergleich mit dem Genre des Mafiafilms. Die Kartelle sind ja nichts anderes als mafiöse Verflechtungen. In der wunderbaren mehrteiligen Verfilmung von Roberto Savianos «Zero Zero Zero» zeigt sich sehr schön, wie Mexikos Drogenkartelle direkt mit der süditalienischen ’Ndrangheta operieren – via weisse Geschäftsleute in den USA notabene.

Benicio del Toro mag der Allstar-Latino-Bösewicht sein, Joe Pesci, Al Pacino oder Robert De Niro sind seine Pendants im Mafiafilm. Hat darunter das Bild der Italiener gelitten? Kaum, und wenn, dann ist es ein krudes und romantisierendes Bild des Mafiapaten, das in unserem Kopf herumgeistert. Das mag genauso schlimm sein. Aber das Image der Italiener scheint nicht darunter gelitten zu haben. Warum? Weil Politiker wie Trump nicht gegen sie hetzen, dafür gegen Mexikaner.

Man muss ja nicht alles glauben, was Hollywood uns Zuschauern vorsetzt. Besondere Schwierigkeiten scheinen die Drogenbarone selbst zu haben, Realität und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Joaquin «Chapo» Guzmán Loera, der Ausbrecherkönig, kommt in «Narcos: Mexico» als aufstrebender Boss des Sinaloa-Kartells natürlich auch vor. Er sitzt nun wieder in einem Hochsicherheitsgefängnis ein. Ein Treffen mit US-Schauspieler und -Produzent Sean Penn wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Denn das ist es auch: Drogenbosse und Mafiosi lieben es, wie Hollywood sie darstellt.

«Narcos: Mexico», Staffel 3 auf Netflix.

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