Kammerspiel
Zu Gast im Zentrum der Gehässigkeiten eines Starensembles

Grausam vergnüglich: In «Carnage» lässt Roman Polanski ein Starensemble jede Contenance verlieren. Es werden nicht abgehobene Probleme erörtert, sondern ganz alltägliche Gehässigkeiten ausgetragen.

Hans Jürg Zinsli
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Eigentlich sind die Cowans (Kate Winslet, Christoph Waltz) schon draussen. Die Lifttüre steht offen, sie müssten nur einsteigen. Doch im letzten Moment kehrt das Ehepaar um, nimmt die Einladung der Longstreets (Jodie Foster, John C. Reilly) auf eine weitere Tasse Kaffee an. Die Wohnungstür schliesst sich. Der Kampf beginnt.

Mit «Carnage» («Der Gott des Gemetzels») macht Roman Polanski nach dem Drama um seine Auslieferung aus der Schweiz in die USA endlich wieder filmisch von sich reden. Und wie: Die Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Yasmina Reza, 2006 in Zürich uraufgeführt, ist nach Lehrbuch konzipiert. Wir sehen ein klassisches Kammerspiel: zwei Ehepaare, eine Wohnung und jede Menge fliegende Fetzen.

Ursache der aufkeimenden Streitigkeiten ist eine Spielplatzprügelei: Der Sohn der Cowans hat dem Sohn der Longstreets mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. Nun setzen sich die Eltern zusammen, um wie zivilisierte Menschen zu einer gütlichen Einigung zu gelangen. Doch je länger das Gespräch dauert, desto mehr erhitzen sich die Gemüter. Beziehungsquerelen werden ausgebreitet, Gemeinheiten ausgeteilt, der Kaffee durch Whisky ersetzt. Schliesslich werden Handtaschen ausgeschüttet, Mobiltelefone ersäuft und Mageninhalte aufgewischt.

Kein Schutz für niemanden

Verlässlichkeiten gibt es keine, am Ende kämpft jeder für sich alleine. Das Erschreckende dabei: In «Carnage» werden nicht abgehobene Probleme erörtert, sondern ganz alltägliche Gehässigkeiten ausgetragen. Als Zuschauer sitzt man mittendrin in diesem Furioso der Eitelkeiten, ertappt und amüsiert zugleich, während der Lack einer bürgerlichen Kultiviertheit Schicht um Schicht abblättert. Polanski und Reza, die gemeinsam am Drehbuch schrieben, nutzen die simple Grundkonstellation des Theaterstücks, um mit einem spielfreudigen Starensemble unverwechselbare Figuren herauszuarbeiten.

Die besorgte Mutter des verprügelten Sohns (Jodie Foster) entpuppt sich auf der einen Seite als verbohrte Gerechtigkeitsfanatikerin, während aus ihrem Mann, einem jovialen Sanitärvertreter (John C. Reilly), plötzlicher Pantoffelheldenfrust herausbricht. Auf der anderen Seite kotzt sich die feine Börsenmaklerin (Kate Winslet) alle Einsamkeit aus dem Leib, während sich ihr manierenloser Gatte (Christoph Waltz) in ultradarwinistisches Gefasel versteigt.

So weit, so dramatisch. Aber: Ist nun «Carnage» Polanskis filmische Antwort auf seinen letztjährigen Hausarrest in Gstaad, als er wegen des 1977 begangenen Sexualdelikts in die USA ausgeliefert werden sollte? Nein. Den Film auf eine persönliche Ebene herunterzubrechen, käme einer Ignoranz von Roman Polanskis filmischem Schaffen gleich. Tatsache ist: Kammerspiele sind seit je dessen Spezialität. Man denke nur an die Filme «Repulsion» (1965), «Rosemary’s Baby» (1968) oder «Der Mieter» (1975), die ebenfalls hauptsächlich in einer Wohnung spielten.

Nun knüpft der 78-jährige Regisseur an jene besten Zeiten an: «Carnage» ist sorgsam inszeniert, glänzend gespielt, effektiv ausgestattet und mit einigen turbulenten Wendungen versehen. So fliegen die 79 Filmminuten rasch vorbei. Und man wünschte sich, nach dem Abspann noch etwas länger bei diesem Psychokrieg verweilen zu dürfen.

Carnage (F, DE, Polen, SP 2011) 79 Min. Regie: Roman Polanski. Mit: Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz, John C. Reilly.

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