FILMFESTIVAL LOCARNO: Ein Chörli für Oberwil-Lieli

Politisches und Privates treffen am Eröffnungstag in Locarno aufeinander. So unterschiedlich die beiden Filme sind, das Lied der Menschlichkeit stimmen beide an.

Andreas Stock
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Szene aus «Willkommen in der Schweiz» von Sabine Gisiger. (Bild: PD)

Szene aus «Willkommen in der Schweiz» von Sabine Gisiger. (Bild: PD)

Beim Titel des neuen Dokumentarfilms von Sabine Gisiger, «Willkommen in der Schweiz», denkt man sofort an zwei andere Filme aus dem letzten Jahr: die zwei erfolgreichen Flüchtlings-komödien «Willkommen bei den Hartmanns» aus Deutschland und «Welcome to Norway» aus Norwegen. Die Namensverwandtschaft dürfte kaum ein Zufall sein, doch ist Gisigers Ansatz grundsätzlich kein komödiantischer, auch wenn die Filmmusik stellenweise an eine Slapstick-Komödie erinnern mag. Die erfahrene Filmemacherin, die 2014 mit «Yalom’s Cure» in Locarno in der Kategorie «Semaine de la ­critique» Premiere feierte, zeigt auch ihre neue Arbeit am Festival. Allerdings nicht in einem der Wettbewerbe oder auf der Piazza Grande, sondern in der Kate­gorie, wo jene Filme landen, die man nirgends sonst unterbringt: «ausser Konkurrenz». Zudem am Nachmittag des ersten Festivaltages, als noch längst nicht alle Gäste angekommen sind. Der grosse Kinosaal im Fevi blieb denn auch halbleer.

«Willkommen in der Schweiz» rekapituliert die Ereignisse um die Aargauer Gemeinde Oberwil-Lieli, die sich weigerte, zehn Flüchtlinge aufzunehmen. Gemeindepräsident Andreas Glarner und die reiche Gemeinde hatten mit ihrer Haltung auch ausserhalb der Schweiz mediale Aufmerksamkeit erregt.

Objektiv und mehrstimmig

Sabine Gisiger schildert die ­Ereignisse der letzten zwei Jahre und lässt die Exponenten zu Wort kommen. Und sie blickt mit Archivmaterial bis ins Jahr 1939 zurück, um die schweizerische Flüchtlingspolitik früherer Zeiten kurz zu beleuchten. Ihre Perspektive ist bemüht um einen objektiven Blick und Ausgewogenheit, doch gerade damit wirkt ihr Zugriff betulich. Dass Gisiger zwei Chöre auftreten lässt, die syrische, jüdische und schweizerische Volkslieder singen, dient einerseits als wohltuende Intermezzi für die vielen Gespräche; es unterstreicht aber auch die Mehrstimmigkeit oder das Chorische, die sie mit dem Film wohl anstrebt. Ob sich damit auch eine allgemeingültige Befindlichkeit ableiten lässt, darf bezweifelt werden.

Von Menschlichkeit ist in «Willkommen in der Schweiz» mehrmals die Rede. Die politische Note des Schlagworts erhält im Eröffnungsfilm «Demain et tous les autres jours» eine private Dringlichkeit. Aus der Perspek­tive der neunjährigen Mathilde (hervorragend verkörpert von Luce Rodriguez) erzählt die Französin Noémie Lvovsky die Geschichte einer Mutter, die geistig krank ist und je länger, je mehr überfordert ist, ihre Tochter aufzuziehen, weil sie getrennt vom Vater leben. Regisseurin Lvovsky, welche die Rolle der zunehmend verwirrten Mutter auch selbst verkörpert, inszeniert mit viel Sensibilität. Und sie findet mit einem Kauz als Haustier, mit dem sich Mathilde unterhalten kann, eine originelle und stimmige Form für die Fantasiewelt des weitgehend auf sich gestellten Mädchens. Diesen Vogel wird man nicht so schnell vergessen.

Andreas Stock