FILMFESTIVAL LOCARNO: Ein Meister der Andeutung und Schattenspiele

Der 1904 in Frankreich geborene Jacques Tourneur schuf Horrorfilm-Klassiker und Marksteine des Film noir. Locarno widmet dem 1977 verstorbenen US-Regisseur seine Retrospektive.

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Jacques Tourneur, 1949 am Set zum Film «Easy Living». (Bild: Hulton Archive/Getty)

Jacques Tourneur, 1949 am Set zum Film «Easy Living». (Bild: Hulton Archive/Getty)

Obwohl das Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in seinen Anfängen steckte, kam Jacques Tourneur über seinen Vater direkt zum Film. Zum Zeitpunkt seiner Geburt am 12. November 1904 war Maurice Tourneur noch Grafiker, doch Anfang der 1910er-Jahre beschloss er, sich dem Film zuzuwenden und reiste 1914 mit seinem Sohn in die USA. Rasch machte Maurice sich als Filmemacher einen Namen und gründete 1919 seine eigene Firma.

Sein Sohn Jacques, der 1919 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, assistierte bald seinem Vater und jobbte als 16-Jähriger in den MGM-Studios als Laufbursche. Ende der 1920er-Jahre kehrte Jacques mit dem Vater nach Frankreich zurück und war als enger Mitarbeiter vor allem für die Montage von dessen Filmen zuständig. 1931 führte er beim Melodram «Tout ça ne vaut pas l?amour» erstmals selbst Regie, nach drei weiteren Filmen zog es ihn 1934 wieder in die USA. Er drehte bis 1938 für MGM zahlreiche Kurzfilme, ehe er ab 1939 bei Langfilmen Regie führen konnte. Tourneur arbeitete in den unterschiedlichsten Genres, Ruhm erwarb er sich zunächst aber durch billige Horrorfilme.

«Es muss aus dem Instinkt kommen»

Tourneur erwies sich als Meister der Andeutung und des Spiels mit Licht und Schatten und verstand es gerade mit kleinen Budgets wirkungsvoll zu inszenieren. Er selbst sah in den zeitlichen und finanziellen Beschränkungen kein Manko, sondern erklärte: «Am besten arbeite ich, wenn alles schnell geht. Die Filme, die ich in 12 oder 18 Tagen gemacht habe, sind besser als die, die ich in 80 Tagen gemacht habe. Es ist schlecht, wenn man zu viel Zeit hat, über das nachzudenken, was man macht. Es muss aus dem Instinkt kommen.»

Meisterhaft gelang es ihm, in seinen Horrorfilmen «Cat People» (1942), «I Walked with a Zombie» (1943) und «The Leopard Man» (1943) mit den Erwartungen und der Fantasie des Zuschauers zu spielen. Er verstand es, Spannung und Beunruhigung gerade dadurch zu erzeugen, dass er nicht alles zeigte. Fragmentiert und elliptisch ist seine Erzählweise häufig, vieles spielt sich im visuellen Off ab. Nicht vom Spektakel, sondern vom Atmosphärischen leben seine Filme. Zu einem Meisterwerk wurde durch die Kameraarbeit von Nicholas Musuraca der Film noir «Out of the Past» (1947). Düstere Töne bestimmen auch den kurz nach Kriegsende in Deutschland spielenden Thriller «Berlin Express» (1948), während Tourneur mit dem Piratenfilm «Anne of the Indies» (1951), in dem – für das Genre höchst ungewöhnlich – eine Frau eine Piratenbande anführt, sein Gespür für effektvolle Farbdramaturgie bewies. Starke Farbfotografie zeichnet auch seine Western «Canyon Passage» (1946) und «Wichita» (1955) aus, aber mit «Days of Glory» (1944) findet sich auch ein Kriegsfilm, mit «Appointment in Honduras» (1953) ein Dschungelabenteuer unter seinen 33 Filmen.

Zunehmend schwieriger wurden für Tourneur die Arbeitsbedingungen in den 1950er-Jahren; vom Kino wechselte er zum Fernsehen, wo er Folgen von Serien wie «Bonanza» und «The Twilight Zone» inszenierte. In Italien drehte er mit «Il battaglia di Maratona» (1959) auch einen Sandalenfilm. Als er für ein weiteres Projekt keine Geldgeber mehr fand, zog er sich im Alter von 61 Jahren in die französische Kleinstadt Bergerac zurück, wo er am 19. Dezember 1977 starb.

 

Walter Gasperi