FILMFESTIVAL LOCARNO: Milo Rau und das Drecksgeschäft mit Bodenschätzen im Kongo

Der mit Spannung erwartete Film «Das Kongo Tribunal» von Milo Rau feierte am Sonntag seine Premiere am Festival Locarno. Ein starkes Plädoyer gegen Ungerechtigkeit und das Vergessen.

Andreas Stock
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Ein landschaftlich schönes und an Bodenschätzen reiches Land: Szene aus «Das Kongo Tribunal». (Bild: Vincafilm)

Ein landschaftlich schönes und an Bodenschätzen reiches Land: Szene aus «Das Kongo Tribunal». (Bild: Vincafilm)

Andreas Stock

Die Situation in der Demokratischen Republik Kongo ist kompliziert. Das wird gleich zu Beginn gesagt. In 100 Filmminuten erklären zu wollen, warum seit mehr als 20 Jahren gegen sieben Millionen Menschen getötet wurden, ist kaum möglich. Aber der international tätige und mit zahlreichen Preisen geehrte St. Galler Regisseur und Filmemacher Milo Rau versucht es. Mit theatralen Gerichtsprozessen hat er eine Form gefunden, sich mit gesellschaftlichen Brennpunkten zu beschäftigen, zum Beispiel in den Zürcher und in den Moskauer Prozessen. «Ein Gericht kann eine Situation zusammenfassen, die verschiedenen Beteiligten und die Verantwortlichen in einem Raum zusammenbringen», sagt Rau in Locarno. Hier feierte sein Dokumentarfilm «Das Kongo-Tribunal» am Sonntag im Rahmen der Semaine de la critique Premiere in Anwesenheit von Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Hearings in Berlin und in Bukavu

Die Situation im Ostkongo ist eine Katastrophe. Dabei bietet das Land einen fruchtbaren Boden und reiche Bodenschätze. Doch internationale Firmen beuten die Bodenschätze aus. In einem praktisch rechtsfreien Raum haben diese Firmen, die keine Steuern zahlen, freie Hand bei der Vertreibung der Bevölkerung, die selbst von den Bodenschätzen lebt. Und es gibt zahlreiche Milizen, welche ethnische Bürgerkriege führen, Vergewaltigungen begehen und Massaker anrichten. Wer trägt die Verantwortung dafür? Welche Rolle spielt der Staat, welche die Unternehmen? Wer sollte juristisch belangt werden?

Diesen Fragen gingen im Frühjahr 2015 die zwei Tribunale in Berlin und in Bukavu im Ostkongo nach. Während die Hearings im Ostkongo sich auf drei lokale Fälle fokussierten, standen in Berlin die Verwicklung der EU und der Weltbank im Fokus.

Der Film enthält Szenen aus den beiden Gerichtsverhandlungen. Vor Richtern und einer Jury werden Experten und Augenzeugen befragt, Dokumente vorgelegt und Videoeinspielungen gezeigt. In Bukavu sitzt unter anderem der Gouverneur für den Ostkongo im Publikum. Der Film schildert aber auch einen Teil der «Beweisaufnahme»; wie bei einer journalistischen Reportage ist Milo Rau an die Schauplätze gefahren, die im Tribunal untersucht werden. Er filmte Aussagen von Opfern und Augenzeugen, erklärt Hintergründe und Zusammenhänge. Nicht immer geschieht das in der gebotenen Ausführlichkeit. Unter einem Kapitel, das den Weg zum Bürgerkrieg erläutern soll, wird eher der starke Glaube der Kongolesen ausgeführt. Erhellend sind andere Aspekte: die unfassliche Tatsache beispielsweise, dass dieses Land einen sehr fruchtbaren Boden hat, der drei Ernten pro Jahr ermöglicht – und dennoch viele Lebensmittel importiert werden. Im Publikumsgespräch nach dem Film betonte der Schweizer Regisseur, er habe insgesamt 250 Stunden Filmmaterial, das er auf dem Internet zugänglich machen will; ausserdem sind ein Buch und ein Videospiel geplant.

Gegen das Vergessen, für weitere Prozesse

Die journalistische Reportage und die zwei Tribunale haben die Cutterin Katja Dringenberg und Milo Rau eng verwoben und mit den dreitägigen Verhandlungen einen klaren dramaturgischen Bogen geschaffen. Immer wieder zeigen sie auch eindrückliche Luftaufnahmen von der wunderbaren Landschaft, von Seen und Bergen; vergessen lassen diese Aufnahmen einen aber nie, was sich hier täglich für ein Drama abspielt. Gegen das Vergessen des Unrechts anzutreten, das ist eines der Motive von Milo Rau und seinem couragierten Projekt, wie er im Film am Ende der Verhandlungen und ebenso in Locarno betont. Er will jenen Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört würden. Und das scheint eine erhoffte Wirkung zu entfalten. Milo Rau ist erst zurückgekehrt von Filmvorführungen im Ostkongo, die in Kirchen und Gemeindesälen stattgefunden haben. Der Wunsch der Menschen sei sehr gross, weitere, kleinere dieser Tribunale in der Region abzuhalten.

 

Mit «Das Kongo Tribunal» rückt er ins Licht, was andere verschweigen wollten: Der Schweizer Regisseur Milo Rau (40). (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Locarno, 6. August 2017))

Mit «Das Kongo Tribunal» rückt er ins Licht, was andere verschweigen wollten: Der Schweizer Regisseur Milo Rau (40). (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Locarno, 6. August 2017))