FILMFESTIVAL LOCARNO: Telefonsex in der Kinosauna

Heute beginnt die 70. Ausgabe des Festivals Locarno. Der Anlass ist grösser geworden und hat einige Veränderungen erlebt. Ein persönlicher Rückblick auf 35 Jahre – und Zeiten, als es noch keine Klimaanlagen gab.

Andreas Stock
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Die Piazza Grande entfaltet auch bei Regen noch immer den Zauber des schönsten Freiluftkinos. (Bild: ky/Urs Flueeler (Locarno, 11. August 2015))

Die Piazza Grande entfaltet auch bei Regen noch immer den Zauber des schönsten Freiluftkinos. (Bild: ky/Urs Flueeler (Locarno, 11. August 2015))

Andreas Stock

Ganz genau an mein «erstes Mal» erinnere ich mich nicht. Denn anfangs war meine cineastische Pilgerreise ans Filmfestival Locarno bloss ein Wochenendtrip. Es muss 1982 gewesen sein. Nebulös ist damit die Erinnerung verbunden, «Cat People» von Paul Schrader gesehen zu haben. Aber vielleicht trügt das Gedächtnis, denn die Fügung wäre zu perfekt: 35 Jahre nach meinem ersten Filmfestival läuft der Erotikthriller wieder in Locarno. Und Hauptdarstellerin Nastassja Kinski ist morgen Ehrengast. Die diesjährige Retrospektive ist Regisseur Jacques Tourneur gewidmet, und sein «Cat People» von 1942 ist auch zu sehen.

Keine Zweifel trüben mein Gedächtnis, was das Jahr 1984 betrifft. Die Begegnung mit «Stranger than Paradise» und Jim Jarmusch, der den Goldenen Leoparden gewann, ist unvergesslich. Im Jahr darauf, am 38. Festival, wurde aus dem Wochenende erstmals eine Woche und der Kauf des Katalogs sinnvoll. Dank den zu Hause angesammelten Katalogen in einem überquellenden Regal fällt jetzt die Erinnerungsarbeit einfacher.

Als noch drei Schweizer im Wettbewerb waren

1985 war das Jahr der Schweizer Regisseure: gleich drei waren im Wettbewerb – 2017 ist es nur einer. Fredi Murer zeigte «Höhenfeuer» und gewann den Goldenen Leoparden. Marcel Gisler triumphierte mit «Tagediebe» und Steff Gruber zeigte «Fetish & Dreams». Eine Szene daraus vergesse ich nie, eine lange Telefonsex-Szene, die sich nur auf der Tonspur abspielt. Es war ein heisser Sommertag im kleinen, vollen Saal des Schulhauses am Stadtrand von Locarno. Die Temperatur erreichte das Niveau einer finnischen Sauna, vor mir sass eine Dame und verbreitete eine viel zu schwere Parfümwolke. Die Sinne überschlugen sich. Es dauerte noch Jahre, bis die Kinos im Schulhaus und die Mehrzweckhalle Fevi mit einer Klimaanlage ausgerüstet wurden. Seither beschränken sich die Qualen des Publikums auf Filmspezifisches. Vielleicht täuscht mein Eindruck, aber die Geduld der Zuschauer für Unangepasstes, Sperriges scheint über die Jahre eher gesunken, die Fluchtwellen aus dem Saal grösser geworden zu sein. Wohl auch, weil das Filmangebot massiv zugenommen hat. Eine Alternative ist heute schnell gefunden, bei 300 Filmen.

Zwei Dinge sind trotz allen Veränderungen gleich geblieben. Es bilden sich lange Warteschlangen vor den Sälen, insbesondere wenn Schweizer Werke zu sehen sind. Auch wer die Premieren der Dokumentarreihe «Semaine de la critique» sehen will, die um 11 Uhr vormittags läuft, muss sich frühzeitig anstellen. Zweitens kann man Grüppchen jeden Alters beobachten, die ihre Köpfe über den Katalog beugen und diskutieren, was man sich ansehen könnte. Soll man in den Klassiker aus der Retrospektive oder zum zweieinhalbstündigen Erstlingswerk aus Thailand? Die Wahl viel uns früher auch nicht leichter: Jeder hat seine Prioritäten, und die knappen Infos im Katalog helfen wenig. Aber es befeuert die Entdeckerlust. Nach Kinoperlen zu schürfen, Schätze zu heben, das macht den Reiz des Festivals aus.

Fellini, Tornatore und episches Bollywood-Kino

Locarno ist auf jeden Fall viel mehr als die Piazza Grande. Aber natürlich ist sie das Aushängeschild und der mediale Verstärker in die Welt. Obwohl mittlerweile fast jedes Dorf eine Leinwand auf einen Platz stellt, die Zahl der Filmfestivals gestiegen ist: Die abendlichen Vorführungen auf dem Kopfsteinpflaster, umrahmt von Häusern, bieten das stimmungsvollste und grösste Freiluftkino. Die Magie des Kinos ist nirgendwo so spürbar. Hier mischen sich Festivalbesucher, die tagsüber drei bis vier Filme gesehen haben, mit den Touristen. Viele Filme sind für mich mit der riesigen Piazza-Leinwand verbunden: «Cinema Paradiso» von Giuseppe Tornatore, «The Ice Storm» von Ang Lee oder der vierstündige «Lagaan» – der erste Bollywood-Streifen auf der Piazza, der das Publikum mitgerissen hat.

Am Beispiel der Piazza Grande manifestiert sich ebenso, wie sich das Festival verändert hat. Als 1987 «Intervista» von Federico Fellini gezeigt wurde, waren die 5000 Plätze zwei Stunden vor Beginn belegt. Wir hockten uns auf den Absatz einer Verkehrsinsel. Die Anzahl der Stühle wurde seither auf 8000 erhöht. Mittlerweile gibt es Sitzreihen weit hinter der schwarzen Projektionskabine. Wer einen guten Platz will, sollte gegen 20 Uhr dort sein – reservieren mit Kleidungsstücken ist verboten. Darum leeren sich die Restaurants rund um die Piazza gegen halb neun. Junge Filmbesucher verdrücken ihre mitgebrachten Pizzas und Getränke oft gleich auf dem Stuhl – das schont Budget und Nerven.

Im Herz der Piazza-Bestuhlung befinden sich die besten Plätze, die sogenannten «roten Stühle» – die aber seit Jahren, als die alten Sitze ausgewechselt wurden, nicht mehr rot sind. In diesen privilegierten Bereich dürfen Gäste und Akkreditierte. Das Privileg wurde mir ebenfalls zuteil, als ich ab den Neunzigerjahren beruflich ans Festival kam. Mit den Jahren wurde dieser innere Bereich grösser – die Stühle für Medienleute rutschten bis fast vor die Leinwand. Beim Bergdrama «Nordwand» hatte ich das Gefühl, es schneie mir auf die Nase. Nicht nur der Platzbedarf, auch die Präsenz der Sponsoren ist gewachsen. Das abendliche Pfeifkonzert, das jeweils erklang, wenn das Logo jener Bank auf der Leinwand erscheint, die als Sponsor auftritt, ertönt hingegen nicht mehr.

Beliebtes Thema auf dem «Grossen Platz» ist das Wetter. Noch vor wenigen Jahren wurde kurzfristig entschieden, ob der Film open air oder im Fevi gezeigt wird. Das Publikum stand vor der Frage, ob es überhaupt hinaus zur Mehrzweckhalle spazieren soll, wo der Film erst gegen 22.30 Uhr startete. Denn die Filmrolle wurde zuerst für das Publikum der «roten Stühle» im Piazza-nahen Kino eingelegt. Als US-Regisseur Sidney Pollack 2002 einen Ehrenleoparden erhielt, wurde sein Marathontanz-Drama «They Shoot Horses, Don’t They?» im Fevi gezeigt. Pollack schaute den Film mit an, während ein heftiges Gewitter hörbar auf das metallene Hallendach prasselte.

Ist ein Film mal gestartet, wird nicht mehr ins Trockene gewechselt. 1989 liessen wir uns bei einem plötzlichen Gewitter während der Vorführung von «Une histoire de vent» von Joris Ivens nicht vertreiben. Wir benutzten den leer gewordenen Stuhl in der vorderen Reihe als Dach. Mittlerweile sind erprobte Festivaliers mit wasserdichter Outdoorbekleidung ausgerüstet. Denn mit der Digitalisierung ist die Filmvorführung unkompliziert geworden. Nun wird bei Regenwetter zeitgleich im trockenen Fevi und auf der Piazza Grande gespielt. Es ist stets verblüffend zu sehen, wie viele sich vom weinenden Himmel nicht abschrecken lassen. Der im Lichtkegel der Projektion aufleuchtende Regen entfaltet dabei seine eigene Magie.

Früh anstehen, wer einen Platz will: Die «Semaine»-Filme sind sehr beliebt. (Bild: Andreas Stock)

Früh anstehen, wer einen Platz will: Die «Semaine»-Filme sind sehr beliebt. (Bild: Andreas Stock)

Regisseur Ken Loach kommt zu einem Publikumsgespräch. (Bild: Andreas Stock)

Regisseur Ken Loach kommt zu einem Publikumsgespräch. (Bild: Andreas Stock)