FILMKRITIK: Kanton Deutschland – Kanton Mond

Soll Deutschland der Schweiz beitreten? Diese absurde Frage stellt der Komiker Viktor Giacobbo in seinem neuen Film «Der grosse Kanton» Exponenten beider Länder. Erstaunlich viele Promis haben sich auf das amüsante Expansionsgeplänkel eingelassen.

Serge Kuhn, sda
Merken
Drucken
Teilen
Deutschland als neuer Kanton der Schweiz? Viktor Giacobbo erörtert die Fusionsidee auch mit der Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. (Bild: PD)

Deutschland als neuer Kanton der Schweiz? Viktor Giacobbo erörtert die Fusionsidee auch mit der Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. (Bild: PD)

Mit trockenem Humor rät der SDP-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier ab: Zu viele deutsche Steuerfahnder würden arbeitslos. Der Linken-Politiker Gregor Gysi kann der Idee einiges abgewinnen. Dank Schweizer Vorfahren sind die Karriereaussichten im Süden für ihn vielleicht gar nicht so schlecht, wie er spekuliert.

Ex-Aussenminister Joschka Fischer wiederum hält es für wenig wahrscheinlich, dass Deutschschweizer und Bayern in einem Staate harmonieren würden. Gemäss Giacobbos Konzept würde Deutschland als einziger Kanton aufgenommen - mit bloss zwei Vertretern im Ständerat, aber 180 von insgesamt 200 Nationalräten.

Die Züricher SVP-Politikerin Natalie Rickli plädiert wenig überraschend für Zürich als neue Hauptstadt. Bern wäre «umzumodeln». Betrübt müsste Rickli wohl feststellen, dass Zürich in der um Deutschland erweiterten Schweiz eine allenfalls mittelgewichtige Stadt wäre: Platz 17. zwischen Bochum und Wuppertal.

Andere Befragte bringen München als neue Hauptstadt ins Spiel oder das baden-württembergische Rottweil, das sich 1463 tatsächlich als zugewandter Ort zur Eidgenossenschaft bekannt hatte. Für Literaturkritikerin Elke Heidenreich böte sich für das neue Gebilde die Staatsform Monarchie an - mit Düsseldorf als Hauptstadt!

Mit sichtbarer Lust am Spiel haben sich die befragten Promis auf Giacobbos Gedankenexperiment eingelassen. Von den Vorgaben liessen sie sich nicht bremsen: Warum bloss Deutschland aufnehmen und nicht Vorarlberg? Die Lombardei? Die USA oder den Mond?

Exkurse und Exkursionen

Der Komiker, der zum ersten Mal bei einem Kinofilm Regie führte, begnügt sich mit Abstechern in grenznahe Gegenden. In Rottweil sprechen sich die Befragten gegen einen Schweiz-Beitritt aus. Er halte das nicht für ein sonderlich gutes Land, sagt ein junger Mann.

Nachgerade traurig stimmen die Bilder aus dem ehemaligen Marginano (heute: Melegnano) in Norditalien, wo die Kapelle, die an die dort gefallenen Schweizer erinnert, in bedenklichem Zustand ist.

Ein Ortsansässiger findet es verblüffend, dass ein Filmteam aus dem Norden sich für die Schlacht von Marginano im Jahre 1515 interessiert, während in Italien noch nicht mal die drängenden Probleme der Gegenwart angegangen würden.

Dass in dem Film auch Befindlichkeiten in der Lombardei, in Vorarlberg oder Savoyen thematisiert werden, kann man als Beleg dafür sehen, dass die Zwiste zwischen der Schweiz und Deutschland so sonderlich brisant vielleicht doch nicht sind.

Ostdeutsche Eidgenossen

Die deutschen Exponenten räumen auch mit übersteigerten Erwartungen auf. Der Streit um den Zürcher Fluglärm liesse sich wohl nicht so anders an, wenn Deutschland ein Schweizer Kanton wäre. Ein blosser Nutzungskonflikt, findet der grüne Ex-Aussenminister Fischer.

Neben Frank-Walter Steinmeier von der SPD und dem Zürcher Germanisten Peter von Matt zählt Fischer zu den Befragten, die sich besonders virtuos auf dem von Giacobbo abgesteckten Feld des höheren Unsinns bewegen. Der Oscar für die beste Nebenrolle geht an den eigensinnigen Rasenmäher-Roboter von FDP-Präsident Philipp Müller.

Zum Gelingen des Films, der einen selten laut auflachen, aber zahlreiche Male schmunzeln lässt, trägt der Soundtrack viel bei. Bilder von heroischen Taten alter Eidgenossen begleitet etwa David Hasselhoffs «Looking for Freedom» (1989) - der Song, der zur Hymne auf den Freiheitsdrang der Ostdeutschen geworden ist.

HINWEIS:
Kino-Start am 16. Mai. Weitere Filme auf www.luzernerzeitung.ch/apero