FILMMUSIK: Bilderflut zwischen Himmel und Hölle

Das 21st Century Orchestra erfüllt mit «Titanic» die Erwartungen an grosses Livemusik-Kino – und überrascht mit intimen Klängen im weiten Konzertsaal des KKL.

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Abheben auf den Wogen des Orchesters: Leonardo DiCaprio und Kate Winslet auf dem Bug der Titanic im KKL. (Bild Philipp Schmidli)

Abheben auf den Wogen des Orchesters: Leonardo DiCaprio und Kate Winslet auf dem Bug der Titanic im KKL. (Bild Philipp Schmidli)

Es gibt Filme, deren Bildsprache jedes Fernsehformat und jede Stube sprengt. Und die man sich deshalb am besten in Kinos ansieht. Oder, weil diese kaum Wiederaufnahmen zeigen, in einer der Live-to-Projection-Vorführungen des 21st Century Symphony Orchestra im Konzertsaal des KKL. Und da umso mehr, wenn diese Filme zu den Bildern auch meist den passenden grossen Sound verlangen, den die beste Home-Cinema-Anlage nicht bieten kann.

Endlose Weite im Konzertsaal

Das Paradebeispiel dafür ist in dieser 21st-Saison James Camerons fast dreistündiges «Titanic»-Drama, das das Orchester am Freitag im KKL als Weltpremiere mit Livemusik vorführte. Kein Wunder also, sind die drei Aufführungen ausverkauft und mussten drei Zusatzvorstellungen im Mai angesetzt werden.

Schon die gespenstischen Unterwasserfahrten des U-Bootes, mit dem – in der Rahmenhandlung – ein Schatzsucher im «Titanic»-Wrack nach einem Diamanten stöbert, atmen die Weite, die man mit diesem Film verbindet. Das steigert sich, wenn Leonardo DiCaprio und Kate Winslet als Jack und Rose durch die endlosen Gänge des Luxusdampfers jagen und schliesslich am Bug der «Titanic» in den Sonnenuntergang über dem unendlichen Meer hinausjubeln. Und es gilt erst recht, wenn der majestätische Dampfer nachts den Eisberg rammt, sich mit strömenden Wassermassen füllt und 1500 Menschen mit in den Tod reisst.

Apokalypse und Salonintimität

Wer den Film gesehen hat, hat diese Bilder ebenso im Kopf wie die irisch archaisierende Musik des Komponisten James Horner, die zum Schluss im Céline-Dion-Hit «My Heart Will Go On» gipfelt. Da wo diese Musik grosssinfonisch die Weite des Meers wie der Gefühle zum Ausdruck bringt, ist das lautstark und schreiend scharf auftrumpfende 21st Century Symphony Orchestra unter der Leitung von Ludwig Wicki in seinem Element. Wenn sich die Wassermassen den Weg durch berstende Türen und Fenster bahnen und alles mit sich reissen, entwickelt auch das Orchester eine beängstigende Schlag- und Schubkraft. Gesteigert wird sie noch vom Mädchenchor der Luzerner Kantorei und vom Boys Choir Lucerne: Die hellen Farben der jungen Stimmen verhelfen den apokalyptischen Chorgesängen zu einem Engelsglanz, der Himmel und Hölle markdurchdringend verschmilzt.

So sehr das alles überwältigt, entspricht es doch den Erwartungen. Die Überraschung ist, dass man daneben die vielen kammermusikalischen Züge der Partitur neu entdecken kann. Da ermöglicht das einsame Klavier eine Salonintimität, die perfekt zu den verlorenen Seelen der Liebenden passt – ein Duo mit der wunderbar gespielten Solo-oboe mit eingeschlossen. Die Salon-klänge der Salonisti, die am Schluss einen längeren Liveauftritt am Rand der Bühne haben, unterlaufen die Grenze zwischen Livespiel und Leinwandfiktion so sehr, dass man auch mal meint, das Tischgemurmel im Hintergrund käme live von der Bühne.

Zum Anfassen nah

In der ausgelassenen irischen Party in der Unterwelt dritter Klasse, wo sich Rose mit Jack von aristokratischer Etikette freitanzt, decken Dudelsack und Perkussion zwar die Fiedel von Konzertmeisterin Brigitte Lang zu. Aber sie rücken – verstärkt – die Szene zum Anfassen nah an die Zuschauer heran. Nähe und Weite kommen zusammen im Gesang der Originalsolistin Sissel Kyrkjebo, die ihre Stimme vom schwebenden Hauch der Sehnsucht steigert zu durchdringender Sogkraft.

Trotzdem kann Musik bei einer derart ergreifenden Story unmöglich die Hauptrolle spielen. Die «Titanic» dürfte deshalb weniger jüngere Kinogänger dazu bewegen, auch mal Orchesterkonzerte zu besuchen. Aber sie begeisterte umgekehrt, wie eine kleine Pausenumfrage zeigte, auch Leute, die ansonsten klassische Orchesterkonzerte besuchen. Fehlt ihnen da nicht die direkte emotionale Wucht, wie sie Filmbilder einbringen? «Nein», meint einer: «Auch in Orchesterkonzerten weckt die Musik ja bildliche Assoziationen. Nur laufen diese im Kopf und nicht auf der Leinwand ab.»

Das kann auch Vorteile haben. Angesichts der Dimensionen der «Titanic» wirkte nämlich sogar die Grossleinwand im Konzertsaal fast zu klein. Nicht auszudenken, welche Wirkung eine solche Live-to-Projection-Aufführung in einem medial hochgerüsteten Saal haben müsste, wie es die ursprünglichen Pläne für eine Salle Modulable vorsahen.

Urs Mattenberger

Hinweis

«Titanic»: Zusatzkonzerte am 1., 2. und 3. Mai im KKL-Konzertsaal. VV: Tel. 041 226 77 77.