FILMMUSIK: Farbenspiele in Schwarz und Weiss

Das 21st Century Symphony Orchestra verzaubert in «The Artist». Ohne technische Hilfsmittel spielen die Musiker befreit auf.

Roman Kühne
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Das 21st Century Symphony Orchestra spielte mit Komponist Ludovic Bource am Klavier im KKL Luzern live zum Stummfilm-Epos «The Artist» von Michel Hazanavicius. (Bild Corinne Glanzmann)

Das 21st Century Symphony Orchestra spielte mit Komponist Ludovic Bource am Klavier im KKL Luzern live zum Stummfilm-Epos «The Artist» von Michel Hazanavicius. (Bild Corinne Glanzmann)

Fast schon selbstverständlich scheint es, dass im KKL die Oscar-Preisträger sich die Ehre geben. Howard Shore war mit «Lord Of The Rings» hier. Michael Giacchino präsentierte die Musik zur Sehnsuchtskomödie «Up». Neu hingegen ist, dass ein Preisgekrönter sogar auf der Bühne spielt. An diesem Wochenende interpretierte der Komponist und Oskar-Preisträger Ludovic Bource den wichtigen Klavierpart gleich selbst. Zusammen mit dem 21st Century Symphony Orchestra musizierte er live zur Projektion von «The Artist». Dies, obwohl er «jeweils fürchterlich nervös sei» vor den Konzerten, wie er am Vorabend der freitäglichen Premiere verriet. «Aber es ist für mich eine schöne Gelegenheit, meine Musik aus einem anderen Blickwinkel zu erleben. Die Emotionen, der gelebte Augenblick sind auf der Bühne stark und unwiederholbar. Auch schätze ich den Kontakt mit anderen Musikern, die gegenseitige Inspiration.»

Eine Parodie?

Eine spannender Austausch, der an diesem Abend zweifelsohne da ist. Dies hat einerseits mit der Musik, ihrer suggestiven Kraft zu tun. Der Film thematisiert in poetischen Schwarz-Weiss-Bildern den Übergang von der Stummfilmzeit zu den «Talkies», dem gesprochenen Zelluloid. Die Musik setzt jenes goldene Zeitalter, «The Roaring Twenties», perfekt in Szene. «Ich habe mich intensiv mit dieser Epoche auseinandergesetzt, die ja weit in die folgenden Jahrzehnte ausstrahlte», erklärt Ludovic Bource. «Dabei ging es mir nicht nur um typische Filmkomponisten wie Max Steiner («Vom Winde verweht») oder Bernard Herrmann («Citizen Kane» und Hitchcock- Filme). Auch der ganze romantische Unterbau mit Schostakovitsch oder Tschaikowsky sollte hörbar sein.» Obwohl Bource den Manierismus, das theatralische Gebaren dieser Epoche gekonnt auf den Punkt bringt, ist es keine billige Parodie. Man schmunzelt und lacht mit der Musik, nicht über sie. Farbige Bilder für diese schwarz-weisse Filmzeit.

Spielerische Leichtigkeit

Eine Vielfalt an Emotionen, die das 21st Orchestra dankbar aufnimmt. Unter dem Gastdirigenten Ernst van Tiel entwickelt sich ein differenziertes Spiel. Die Gestaltung ist kleinräumig, die Ideen weit. Musiziert das 21st sonst unter dem ausgeklügelten Diktat einer computeranimierten Partitur, so kann hier der Dirigent wesentlich freier agieren. Die Einengung durch «Taktblitze» auf des Leiters Bildschirm entfällt für einmal. Sicherlich nicht zum Nachteil von Ausdruck und Augenblick. Die Musik lebt in Gleichklang mit Handlung und Dramaturgie. Auch die Klangtarierung ist stimmiger als auch schon. Selbst in der dramatischen Feuerszene spielen die Blechregister mit dem Streicherblock, nicht gegen ihn. Das klangliche Pianissimo ist ausgezeichnet. Der leicht spielerische Ton, die swingende Grundhaltung des Abends wird genau getroffen.

Jazzstücke ab Konserve

Die häufig solistisch eingesetzten spritzigen Klarinetten und Bassklarinetten oder das brillierende Marimbafon setzen Höhepunkte. Die Streicher spielen beweglich und sensibel. Leider werden die Jazzstücke ab Konserve eingespielt. Dass Luzern mit seinem grossen Reservoir hier problemlos für authentische Stimmung sorgen könnte, beweist die am Schluss aufspielende Band. Das kurze Klarinettensolo, an Benny Goodmans «Sing, Sing, Sing» angelehnt, macht definitiv Lust auf mehr.

Und wie geht es, angekommen im Komponisten-Olymp, für Ludovic Bource weiter? «Ich bekomme natürlich viele Anfragen aus Hollywood», gibt er Auskunft. «Aber bei den meisten Projekten wäre ich sehr eingeengt, zu stark in die ‹Industrie› eingebunden und dies finde ich uninteressant. Momentan beschäftige ich mich vor allem, aufgeschreckt durch Syrien, mit einer Art musikalischen Hommage an die in Kriegen vertriebenen Kinder.» Das begeisterte Publikum verdankte den Abend mit spontanen Standing Ovations.