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FILMMUSIK: Hans im Hollywood-Glück

Hans Zimmer, der erfolgreichste Filmkomponist der Gegenwart, kommt auf seiner Tour nächste Woche nach Zürich. Ein Besuch beim 59-jährigen Oscar-Preisträger in seinem Studio in Los Angeles.
Olaf Neumann
Hier arbeitet er manchmal bis zu 20 Stunden am Stück: Hans Zimmer in seinem Studio in Santa Monica. (Bild: Ann Johansson/Getty)

Hier arbeitet er manchmal bis zu 20 Stunden am Stück: Hans Zimmer in seinem Studio in Santa Monica. (Bild: Ann Johansson/Getty)

Olaf Neumann

Die erste Filmmusik, die der Bub bewusst hörte, spielte ein Italiener. Die vier Töne auf der Mundharmonika wirkten auf ihn wie eine Verzauberung. Der Bub lauschte gebannt. Tagelang versuchte er, sie zu Hause auf dem Klavier nachzuspielen. Seine Mutter bekam das mit. «Das war Ennio Morricone», erklärte sie ihrem Hans und kaufte ihm eine Schallplatte mit der Musik zu «Spiel mir das Lied vom Tod». So ähnlich muss man sich die zarten Anfänge einer Weltkarriere vor einem halben Jahrhundert in Frankfurt wohl vorstellen.

Zeit- und Ortssprung: Los Angeles, 2017. Das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man vor Hans Zimmers Studiokomplex steht, ist eine Lagerhalle. Aber sobald man die Räumlichkeiten in einem ruhigen Wohnviertel in der Nähe des Santa Monica Boulevards betreten hat, ist man in einer anderen Welt: Den Remote Control Productions. Hier wurden Filme vertont, die Milliarden eingespielt haben. Sofort stolpert der Besucher über ein grossformatiges Kinoplakat von Sergio Leones Klassiker «Spiel mir das Lied vom Tod» – in Spanisch. Überall wird man mit der Nase darauf gestossen, worum es an diesem Ort eigentlich geht: Hans Zimmer, Hollywood-Blockbuster, «König der Löwen», «Inception», «12 Years A Slave». Und natürlich Musik. Im Eingangsbereich dient ein ausrangierter Moog-Synthesizer als Blickfang an der Wand neben zahlreichen Filmpostern.

Er war zehnmal für den Oscar nominiert

Remote Control Productions besteht aus fünf Gebäuden mit Dutzenden von Mitarbeitern, von denen 70 allein für Hans Zimmer tätig sind, erzählt eine junge Frau mit Rastalocken lächelnd. Sie hat heute Dienst in der Kaffeeküche und ist natürlich auch Komponistin. Selbst die Toilette erinnert an ein Filmmuseum. Dort hängen Zimmers zahlreiche Auszeichnungen fein säuberlich gerahmt hinter Glas. Er war zehnmal für einen Oscar und ebenso oft für einen Grammy nominiert und hat bisher einen Oscar gewonnen («König der Löwen»). Und er ist mit einem Stern auf dem Hollywood Walk Of Fame vertreten.

Dann öffnet sich die Tür zum Herz des Hauses, das Studio. Dunkles Holz, gemusterte Tapeten und schummriges Kerzenlicht drinnen. Der hochgewachsene Hans Zimmer sitzt in einem fensterlosen Raum auf einem roten Plüschsofa in hellem Anzug und weissem Poloshirt. Die Wand hinter ihm wird vollständig von Synthesizern und Gitarren ­aller Art eingenommen. Dazwischen sein Oscar hinter schützendem Plexiglas, eine Totenkopflampe auf einem Podest, das schwere Regal daneben ist über und über mit Büchern gefüllt. Mit und zwischen all diesen Gerätschaften hat der gebürtige Frankfurter die Methode, nach der Filmmusik heute entsteht, revolutioniert. Hier sassen auch schon Adele, Pharrell Williams und Johnny Marr von der Band The Smiths.

Auf Welttournee durch 33 Städte

An diesem Nachmittag hat der Künstler, der hier manchmal 20 Stunden am Stück arbeitet, einen Termin mit ausgewählten Medienvertretern aus der Alten Welt eingeschoben. Er will Werbung machen für seine Tournee durch 33 Metropolen, die ihn unter anderem in seine Geburtsstadt Frankfurt und auch nach Zürich führen wird. In Frankfurt wird es ein Stadionkonzert. Dass er so was kann, hat der Maestro kürzlich mit einem Auftritt beim kalifornischen Coachella Music Festival bewiesen, wo er neben Stars wie Radiohead und Beyoncé spielte – auch wenn er jeweils an Lampenfieber leidet. Mit ihm standen zwei der berühmtesten Soundtrack-Sängerinnen auf der Bühne, Lisa Gerard («Gladiator») und Lebo M («König der Löwen»). Seine Konzerte hat Zimmer aus dramaturgischen Gründen zweigeteilt. Zuerst spielt er mit seiner Band, einem Orchester, einem Chor und Solisten seine Klassiker wie «Gladiator», «König der Löwen» und «Fluch der Karibik». In der zweiten Hälfte stehen Neufassungen von Melodien aus «The Dark Knight» und «Inception» auf dem Programm. Blosse Nachahmung kam für ihn nicht in Frage.

Sein innovativer Stil zwischen Orchester und Synthesizer besitzt auch deshalb einen so hohen Wiedererkennungswert, weil seine Gefolgsleute in der gesamten Film- und Musikindustrie ähnlich arbeiten. Der bombastische, schwindelerregende Zimmersound ist zum Synonym für Breitwandaction geworden. Aber der Deutsche in Hollywood lässt sich nicht in eine Schublade packen – dafür ist seine Arbeit zu vielfältig. In seinem Score zu «Sherlock Holmes» etwa erklingt neben einem Banjo und einer quietschenden Violine ein kaputtes Piano, auf das er so lange eingedroschen hat, bis er den richtigen Ton gefunden hatte. In «Gladiator» sind armenische Flöten und in «Last Samurai» japanische Trommeln zu hören.

«Ich denke als Europäer»

Man könnte meinen, dass Hans Zimmer in all den Jahrzehnten in der Traumfabrik zu einem Amerikaner geworden sei. «Meine musikalischen Vokabeln stammen aus der deutschen Klassik», erklärt er mit unüberhörbarem amerikanischem Zungenschlag. «Ich bin damit in Frankfurt aufgewachsen. Wenn ich deutsch spreche, habe ich einen englischen Akzent und umgekehrt.» Plötzlich setzt er sich sehr gerade auf seinem Sofa auf, vielleicht muss er da noch einmal grundsätzlich etwas erklären. «Auch meine Musik hat einen deutschen Akzent, selbst wenn ich ‹Thelma & Louise – The Blues› spiele. Die Harmonien bleiben immer europäisch. Ich denke auch als Europäer.»

In Interviews bezieht Zimmer sich immer wieder auf legendäre Krautrockbands wie Can, Neu! und Kraftwerk. Die hat er in England für sich entdeckt, wo er Ende der 70er-Jahre zur Schule ging. Das Internat in Dorking förderte gezielt die Kreativität. In seiner Freizeit spielte er in New-Wave-Bands. «Auf meiner Schule war jeder ein Fan von Can, Kraftwerk, Neu! – oder Kraan. Wenn ich hier mit Funk- und Soulmusikern spreche, denn bestätigen mir alle, von Kraftwerk und Tangerine Dream beeinflusst zu sein. Oder von Giorgio Moroder, der lange in München gelebt hat. Das grosse Problem für deutsche Rockmusiker im Ausland war die Sprache. Bei mir war das natürlich kein Problem.»

Nutzt er die Reisezeit auf Tour, um neue Musik zu schreiben? «Nein, auf der letzten Tour dachte ich, ich könne das machen», erzählt Zimmer, «aber die ganze Einstellung muss anders sein. Während ich komponiere, denke ich immer über die grossen Spannungsbögen nach. Würde ich auf der Bühne über das nächste Stück nachdenken, spielte ich sofort die falschen Noten.»

Mo, 26., und Di, 27.6., 20 Uhr, Hallenstadion Zürich

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