FILMMUSIK: Spielzeug und Superhelden

Ist die quirlige Musik von Animationsfilmen bühnentauglich? Das 21st Century Symphony Orchestra wagte im KKL den Versuch.

Roman Kühne
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Live-Orchester trifft auf animiertes Hollywood: Das 21st Century Orchestra widmete sich am Samstag unter anderem der «Toy Story». (Bild Pius Amrein)

Live-Orchester trifft auf animiertes Hollywood: Das 21st Century Orchestra widmete sich am Samstag unter anderem der «Toy Story». (Bild Pius Amrein)

Steve Jobs und Apple, dies ist die Liebesgeschichte, welche die Welt in Erinnerung behalten wird. Sein Geld verdient und eventuell auch seine Leidenschaft investiert hat Steve Jobs jedoch bei einer anderen Firma: Pixar. Auf Animationen spezialisiert, kam 1995 mit «Toy Story» ihr erster, computeranimierter Langfilm in die Kinos. Eine Woche später ging das Unternehmen an die Börse, und Steve Jobs wurde über Nacht Milliardär. Heute gibt es kaum mehr einen Film, der nicht auf die Technik von Pixar setzt. Ohne ihre Software RenderMan gäbe es keine «Star Wars», keinen «Herrn der Ringe», «Skyfall» oder «Lincoln».

Lust an den Emotionen

Der breiten Öffentlichkeit ist Pixar jedoch ein Begriff für Emotionen, für Charaktergeschichten, die sich oft mehr an Erwachsene richten denn an ihre Kinder. Wer erinnert sich nicht an die wunderbare Schlüsselszene in «Ratatouille». Der scharfe, zur Vernichtung aufgelegte Gastrokritiker setzt die Gabel in seinen Gemüseauflauf, nimmt einen Bissen und verschwindet in einem Traummeer positiver Emotionen, die ihn direkt in seine Jugend katapultieren. Und genau diese Szene wird auch am Samstag beim Konzert im KKL des 21st Century Orchestra zur Vorführung gebracht, visuell auf Grossleinwand und live im Orchestergraben. Es sind magische Momente, die die Musiker hier auf die Bühne zaubern. Vor allem im ersten Teil sind es diese ruhigen Erzählstellen, die verzaubern.

Wuchtiger zweiter Teil

Das Gleiten der Fische in «Finding Nemo» oder die sensible Erzählführung des Meisterwerkes «Up», dessen Musik den Oscar erhielt, werden durch das intensiv aufspielende Orchester mit einer weiter stimulierenden Note versehen. Unter der Leitung von Ludwig Wicki spielen die Musiker in diesen nachdenklichen Stellen aktiv und eindringlich. Auch die Wucht des zweiten Teils, wo vor allem quirlige Animationen wie «Cars 2», «Brave» oder eine Flucht aus dem Verbrennungsofen («Toy Story 3») zum Zuge kommen, überzeugt mit Energie und Spritzigkeit.

Der Lautstärkepegel kippt zwar manchmal gar etwas über das Erträgliche, zumindest in den vorderen Reihen. Die Lust, mit der die Musiker zu Werke gehen, sowie diverse inspirierende Soli auf Saxofon oder Gitarre bringen den Saal jedoch zum Kochen. Mit Livemusik, auf diese Art und Weise vorgeführt, gewinnen selbst Pixar-Filme noch an Attraktivität. Schade, dass diverse Einzeleinlagen auf der Flöte («Ratatouille») oder dem Saxofon teilweise in der Lautstärke untergehen. Der Klangausgleich bleibt bei dieser grossen Besetzung sicherlich ein Thema. Vor allem das wuchtig besetzte Gesamtblech ist an diesem Abend doch verschiedentlich zu laut.

Erst mit Film eine Symbiose

Ob die Musik auch ohne Filmmaterial ihre Wirkung entfalten würde, darf in vielen Stücken bezweifelt werden. Denn im Gegensatz zu anderen stark animierten Filmen wie «Batman» oder «Jurassic Park» ist die Musik bei den Pixar-Filmen viel stärker auf das Bild zugeschnitten. Eine durchgehende Melodie, ein grösseres Thema ist meist nicht vorhanden. Höchstens bei «Up», «Ratatouille» oder dem an James Bond und «Mission impossible» angelehnten Soundtrack zu «The Incredibles» sind solche Linien erkennbar. Das zur Musik offerierte Filmmaterial ist jedoch hervorragend geschnitten. Da meist nicht einfach der entsprechende Ausschnitt serviert wird, sondern eine Art Kurzzusammenfassung die Musik begleitet, kann der Zuschauer seine Fantasie mehr oder weniger wandern lassen. Noch weniger, oder kompakte Ausschnitte, wäre hier vielleicht mehr gewesen. Denn die ständige, in wenigen Minuten abgehandelte, in wohl fast jedem Animationsfilm innewohnende Gefühlsroutine – witziger Anfang, grosse Liebe, Angst und Schatten, Action, Happy End – wirkt mit der Zeit ermüdend. Übers Ganze gesehen ist es jedoch ein begeisternder Abend, den das 21st Century Orchestra mit der Zugabe «You have got a friend in me», Titelsong bei «Toy Story», beschliesst.