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Fleischmesserscharfe Alltagsstorys im Südpol: Ein Genderstück mit viel Ironie

Beatrice Fleischlin und Anja Meser performen im Südpol das Genderstück «This is me*» – mit Ironie, Fantasie und viel Leichtigkeit.
Edith Arnold
Wo ist hinten, wo vorne? Szene mit Beatrice Fleischlin aus der Performance «This is me*» im Südpol. Bild: Manuela Jans-Koch (10. Oktober 2019)

Wo ist hinten, wo vorne? Szene mit Beatrice Fleischlin aus der Performance «This is me*» im Südpol. Bild: Manuela Jans-Koch (10. Oktober 2019)

«Wollen wir uns von der Idee der sozialen Rolle, die Geschlechtlichkeit heisst, verabschieden?», lockt der Programmtext – oder stösst ab. An der Premiere am Donnerstag hat es jedenfalls freie Plätze. Ist das Genderthema bereits etwas abgelutscht? Inzwischen kann ja jede/r/s herumlaufen, wie sie/er/es will. Zumindest in der Freizeit, in bestimmten Milieus, auf den Laufstegen der Fashionwelt. Wobei sogar Weltkonzerne «Diversity and Inclusion»-Programme hochhalten. Swiss Re schreibt auf der Website: «We are an inclusive organisation of diverse talents». Der CEO der Rückversichererin motiviert gar: «Be part of our diversity», werden Sie Teil unserer Vielfalt.

Einzigartigkeit muss gut inszeniert sein. Statt LGBTI+ oder LGBTI* für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersex* heisst es bei der Performance von Beatrice Fleischlin und Anja Meser schlicht «This is me*», das bin ich! Und ihre 70-minütige Selbstdarstellung wird zuweilen richtig lustig.

«Wer hilft mir aus dem Kostüm?»

Am Anfang bewegt sich ein riesiges Ding auf der dunklen Bühne. Rote, grüne und violette Haare können ausgemacht werden. Sie müssen aus Bast sein; es raschelt. Doch wo ist hinten, wo vorne? Das Wesen streckt sich, hüpft und wirbelt herum. Menschlicher Atem wird hörbar. Aufruf via Plakat: Wer hilft mir aus dem Kostüm? Ein Zuschauer bietet sich an. Beide verschwinden. Im Bühnennebel erscheint später Beatrice Fleischlin aus Sempach.

«Ich bin – ich. Wenn ich jetzt ich sage, ist das vielleicht etwas anderes als zwei Stunden zuvor», erzählt sie. «Mit 17 Jahren kam meine Mutter ins Zimmer, im Haus neben dem Schweinestall auf dem Hügel, wo wir wohnten. Ich sagte, so ein Scheissleben wie deines will ich nie haben!» Danach hätten sie sich lange angeschaut.

Sie, älteste Tochter eines Schweinezüchters, mit zwei älteren Brüdern und sechs jüngeren Geschwistern. Und die Mutter, einfach Frau ihres Mannes. Doch dann eröffneten sich Möglichkeiten. Ihr Mami sei «hött ou» im Südpol, sagt Fleischlin. Die 79-jährige fahre Elektrovelo, ernte Erdbeeren mit Polen oder stricke Wollsachen für ihre Familie. Später wird Frau Fleischlin sagen, ihre Tochter übertreibe etwas. Aber sie hätten immer eine direkte Kommunikation gepflegt. So leicht könne sie ohnehin nichts schockieren. Ein Mensch, von unten bis oben gepierced? «Weshalb nicht!», lacht sie.

Feminismus im Glitzerkostüm

Nach der Schauspielakademie Zürich lernte Beatrice Fleischlin irgendwann Anja Meser kennen. Die Performerinnen sind ein Paar und haben einen vierjährigen Sohn. Sie leben «den Spagat» zwischen Berlin und Basel, ihren Wohnorten. Zu den bisherigen Produktionen gehören «Come on Baby», «I just wanna fucking Dance oder Begeisterung und Protest», «Radical Hope». Gemeinsamer Nenner ist das Nonkonforme, mit Humor und Leichtigkeit rübergebracht. Aus ihren Biografien ergeben sich genügend Storys.

Schichtwechsel auf der Bühne: Anja Meser erscheint. Sie sei das dritte von drei Kindern, oder das dritte von fünf Kindern, oder das sechste von acht Kindern. Früher habe man sie auch mal Kaltleiche oder Pumuckl genannt, sagt die rothaarige Deutsche amüsiert. Mit 14 Jahren träumte sie davon, im roten Kleid auf der Bühne zu singen. Was sie gleich in die Realität umsetzt. Kristallklar stimmt sie zu «You don’t own me» von Lesley Gore an.

Gelenkig wie auf antiken Darstellungen

Nach Jahren als Rechtsanwaltsangestellte nahm Meser Jobs im Unterhaltungsmilieu an. Auftritte bei Schlagersänger Michael Wendler folgten. «Am Ende mussten wir jeweils so stöhnen. Bis ich mir sagte, Anja, das ist jetzt ein richtiger Tiefpunkt in deinem Leben.» Der Rest ihres Solos kann als getanzter Comic der schwedischen Feministin Liv Strömquist durchgehen. In deren Buch «Ursprung der Welt» erscheint die Plakette, welche die Nasa 1972 als Information über das irdische Leben entsandte. Darauf ist die Frau neben dem Mann ohne Geschlechtsteil abgebildet.

Anja Meser wirft sich im Südpol in immer neue Posen, gelenkig wie auf antiken Darstellungen. Zu jedem Bild erscheint sie in einem andersfarbigen Ganzkörperanzug. Für die schnellen Kostümwechsel ist Luzia Fleischlin zuständig. Einige behaupten auch, Mesers Zwillingsschwester gesehen zu haben. Zum Schluss erklingt «This is me*», der Song aus dem Musicalfilm «Greatest Showman». Nach einem lauten Konfettiregen ist die Show vorbei.

Hinweis: Weitere Aufführungen am 11. und 12. Oktober 2019, 20 Uhr, im Südpol in Kriens.

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