Lesbar Jugendbücher: Auf der Suche nach der Zukunft

Ein aufmüpfiger Sechzehnjähriger macht sich in Gabriele Climas «Der Sonne nach» auf den Weg zum Vater - ausgerechnet mit einem behinderten Mitschüler im Rollstuhl. Vom Alltag in einem Flüchtlingscamp in Südeuropa erzählt der erschütternde Roman «Junge ohne Namen».

Bettina Kugler
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Fliegen lernen mit angeknacksten Flügeln

«Darius der Grosse», so nannte ihn sein Papa, als Dario noch klein war und ein naiver Bub. Mit sechzehn fühlt er sich nun klein und mickrig, ein zorniger Rebell, eine Niete. Dass der Vater ihn und die Mutter sitzen gelassen hat, muss Mamas Schuld sein. Dario eckt an: Er raucht Gras, lebt launisch und rücksichtslos; ständig gibt es Ärger in der Schule. Bis er zu einer Sozialstrafe verdonnert wird – zu ehrenamtlicher Pflegebegleitung. Er soll sich um Andy kümmern, einen Gleichaltrigen, der im Rollstuhl sitzt und sich kaum mitteilen kann. Was soll er mit diesem Halbidioten? In einem Moment der Überforderung flüchtet er mit Andy vor der Polizei zum nächsten Bahnhof und verfrachtet ihn samt Rollstuhl im Zug, um sich auf die Suche nach dem Vater zu machen: der Sonne nach, in das Dorf am Meer. Dort angekommen, verliert er viele Illusionen, lernt aber auch, sich in Andy hineinzudenken, seine Regungen immer besser zu deuten. So ist, wie es zum Genre des Roadromans gehört, der Weg das Ziel: eine einschneidende, erhellende, entwicklungsfördernde Erfahrung. Gabriele Clima erzählt davon aus Darios Perspektive; knapp, präzise, ungeschönt – und so intensiv wie das Licht am Mittelmeer.

Gabriele Clima: Der Sonne nach. Ab 13. Hanser, 160 S., Fr. 24.–

Ein Pass ist wertvoller als Gold

«Heute ist der Schlamm trocken und verkrustet und weht in meine Augen. Heute habe ich Geburtstag.» Ganz sicher kann I sich nicht sein, denn der Zehnjährige hat alles verloren: seinen Namen, seine Eltern, die Erinnerungsstücke, seine Heimat. Er ist eines von vielen unbegleiteten Flüchtlingskindern irgendwo an der südlichen Küste Europas; alles was ihm bleibt, ist die Hoffnung, einen Ort zu finden und Menschen, die ihn aufnehmen. Tagebuchartig lässt Steve Tasane, selbst Sohn eines Flüchtlings, den Buben I vom Alltag im Camp erzählen: von Helfern und Wächtern, von der Suche der Kinder nach Essensresten im Abfall, vom Dreck, in dem sie trotz allem spielen, von den «Lebensbüchern» und Pässen, ohne die sie keine Chance haben. Die Sehnsucht nach Schönheit und Mitmenschlichkeit kommt dabei auf berührende Weise zum Tragen. Das ist aufrüttelnde Lektüre für Jugendliche im Warmen, Trockenen.

Steve Tasane: Junge ohne Namen. Ab 13. Fischer Sauerländer, 144 S., Fr. 25.–