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Ostschweizer Kunstschau «Heimspiel»: Fliegende Teppiche und geplatzte Träume

Migration, Architektur und die Digitalisierung sind drei der Themen, die in der 33. Ausgabe des «Heimspiels» die Ostschweizer Kunstschaffenden besonders beschäftigen. Es ist ein solider Jahrgang, der keine Funken versprüht.
Christina Genova

Am Anfang war ein Sack Gips. 25 Kilogramm schwer. Eine Skulptur sollte dar­aus werden. Dazu gekommen ist es nie. Der aufgeplatzte Sack liegt mitten im Foyer des Kunstmuseums St. Gallen. Es ist ein schöner Auftakt für das diesjährige «Heimspiel», eine Metapher für die geplatzten Träume jener 295 Künstlerinnen und Künstler, die sich beworben haben, aber bei der alle drei Jahre stattfindenden jurierten Gruppenausstellung nicht dabei sind.

Maria Anwanders «Material for a sculpture the artist decided better not to realize» im Foyer des Kunstmuseums St.Gallen.

Maria Anwanders «Material for a sculpture the artist decided better not to realize» im Foyer des Kunstmuseums St.Gallen.

Der Sack Gips ist eine Arbeit Maria Anwanders. Die Vorarlbergerin gehört zu den 75 Glücklichen, die es geschafft haben. «Material for a sculpture the artist decided better not to realize» lautet der Titel des Werks. Es erzählt von den Selbstzweifeln und vom Schweiss und den Tränen, die es braucht, bis es ein Kunstwerk ins Museum schafft.

Auch die Kuratorinnen und Kuratoren der vier Museen, auf welche die 68 ausgewählten Werke verteilt wurden, kamen beim Einrichten der Ausstellungen wohl gehörig ins Schwitzen, obwohl Roland Wäspe, der Direktor des Kunstmuseums St. Gallen launig bemerkt, das «Heimspiel» gehöre zur Königinnendisziplin. Die hohe Kunst, die Arbeiten so zu platzieren, dass die Ausstellung nicht wie ein zusammengewürfeltes Sammelsurium wirkt, ist im Kunstmuseum nicht immer gelungen. Besonders im Oberlichtsaal fehlt ein tragendes Werk, das dessen Dimensionen gerecht würde.

Kunstmuseum Appenzell brilliert

Ein gutes Händchen hingegen bewies Roland Scotti im Kunstmuseum Appenzell. Da er dieses Jahr zum ersten Mal beim «Heimspiel» dabei ist, haben die anderen ihm bei der Auswahl der Werke den Vortritt gelassen. Er wusste dies zu nutzen und präsentiert im grossartigen Gigon/Guyer-Bau die musealste der vier Ausstellungen.

Es gelingen ihm befruchtende Dialoge, etwa, wenn er die flüchtige Lichtinstallation Asi Föckers den Schattenbildern Liddy Scheffknechts gegenüberstellt. Oder die Meteoriten-Schaukel Thomas Stüssis mit den neoexpressionistischen Gemälden Christian Vetters kombiniert. Alles in allem ist die 33. Ausgabe des «Heimspiels» ein solider, aber nicht überragender Jahrgang, der keine Funken versprüht. Auch der Kunstraum Dornbirn ist zum ersten Mal beim «Heimspiel» dabei.

Widmer & Morger performen «Digital Natives»

Widmer & Morger performen «Digital Natives»

Lika Nüssli zeigt dort ihre Zeichnungsinstallation «Drawing Hell». Sie entsteht jedes Mal neu vor Ort und ist in den letzten drei Jahren laufend gewachsen. Die mit Wasserfarbe bemalten Tücher hängen von der elf Meter hohen Decke und machen sich in der ehemaligen Fabrikhalle so gut, dass sie den anderen Werken – überwiegend Bodenarbeiten – ein wenig die Show stehlen. Migration ist bei Lika Nüssli ein zentrales Thema. Auch andere Kunstschaffende nehmen es in ihren Arbeiten auf. Das Duo Stöckerselig zum Beispiel mit ihrer Bodenarbeit «Teppiche». Sie lässt die Gedanken in jene Länder fliegen, aus welchen die überein­andergelegten Teppiche stammen. Als Trigger wirkt die eingestanzte Schrift «... wenn hier ein Minenfeld wäre und ich in der Ferne das Meer hören könnte ...».

Die Jüngste ist 23 Jahre alt

Mit der Fluchtgeschichte ihrer eigenen Familie und ihrer Identität als Schweizerin mit vietnamesischen Wurzeln setzt sich Thi My Lien Nguyen in ihrer mehrteiligen Installation «Hieu thao – with love and respect» in der Kunsthalle St. Gallen auseinander. Eine grossformatige Fotografie zeigt die Familie auf einem Boot, nicht etwa als Boat People auf der Flucht, sondern bei einem Ausflug auf dem Seealpsee. Die 23-jährige Thurgauerin ist die jüngste «Heimspiel»-Teilnehmerin. Thematisch ganz anders gelagert, aber nicht minder engagiert ist Claudia Bühlers Fotoserie «It’s not science fiction».

Kunstpreis für Jiří Makovec

Der St. Galler Künstler Jiří Makovec erhält den mit 20'000 Franken dotierten Kunstpreis der Ortsbürgergemeinde St. Gallen. Der Preis wird anlässlich des «Heimspiels» zum achten Mal verliehen. Der gebürtige Tscheche ist im Kunstmuseum Appenzell mit drei Videoarbeiten vertreten. Die Jury würdigt Makovecs «universell funktionierende Arbeit und seinen offenen Blick für die Ausdrucksformen des Lebens». Der Künstler lasse sich ansprechen von der Welt und entdecke dabei das Besondere im Alltäglichen. Die gefilmten Szenen seien nie gestellt oder geplant, sondern immer entdeckt und beobachtet. (pd/gen)

Die 27-jährige St. Gallerin fotografiert Rüstungsfirmen im In- und Ausland. Das unscheinbare Äussere der Gebäude steht im Kontrast zur brisanten Produktion im Inneren. Mit Architektur im engeren oder weiteren Sinne beschäftigen sich auffallend viele Kunstschaffende: Monika Ursina Jäger zeichnet futuristische Stadtlandschaften, Hans Schweizer St. Gallen by Night, Philipp Leissing retouchiert alle Personen aus Jacques Tatis Film «Playtime» weg, sodass die ganze Aufmerksamkeit auf den Gebäuden und den Interieurs liegt.

Auch die Digitalisierung ist offensichtlich ein Thema, das vielen Künstlerinnen und Künstlern unter den Nägeln brennt. Selina Reiterers interaktiver Teppich regt zum Nachdenken über eine Zukunft an, in der alle Haushaltsgegen­stände digital steuerbar sind. Ruben Aubrecht zerlegt eine Minute digitales Fernsehen in binäre Codes und präsentiert sie als Bibliothek von 60 Büchern. Und Altmeister Andi Guhl verbindet gekonnt elektronische Geräte unterschiedlicher Generationen zu einer kakofonischen Installation.

Bis 10.2., www.heimspiel.tv

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