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Das Publikum lost aus, welche der
15 Tänzer sterben müssen

Die Kompanie des Theaters St. Gallen macht in «Verzockt» auf groteske Weise ernst mit dem Abschied von Tanzchefin Beate Vollack. In der Lokremise wird russisches Roulette gespielt.
Bettina Kugler
Zocken bis zum letzten Schuss: Die Kompanie tanzt in der Lokremise auf dem Glücksrad. (Bild: Ian Whalen)

Zocken bis zum letzten Schuss: Die Kompanie tanzt in der Lokremise auf dem Glücksrad. (Bild: Ian Whalen)

Jeder kann mitmachen: Ein gedankenloser Griff ins Glas der Millionenfee genügt. Ob wohl das grosse Los, der Hauptgewinn des Abends, darunter ist? Willkommen im Varieté; die Show um alles oder nichts kann beginnen! Noch einmal inszeniert Tanzchefin Beate Vollack den ersten grossen Coup noch vor der eigentlichen Geschichte, die sie mit dem Stück «Verzockt» im Saal 2 der Lokremise mit düsterem Grundton erzählen wird.

Die Zuschauer fischen die Lose raus

Wie schon 2014 in ihrer ersten Produktion am selben Ort, «X=Hase», einer verspielten Hommage an die Künstlerin Meret Oppenheim, werden die Zuschauer Teil des Spiels: Mussten sie damals die Schuhe am Eingang ausziehen und Platz nehmen auf einer pelzweichen drehbaren Tribüne, dürfen sie nun mitzocken, zumindest Lose ziehen wie bei einer Tombola. Die vorbestimmten Spieler sitzen zunächst da, wo auch das Publikum hingelotst wird: an kleinen Tischen und in den Stuhlreihen dahinter. Doch keine Sorge – die 431 oder was immer auf dem Los stehen mag, wird sicher nicht aufgerufen werden.

Die Millionenfee fordert auf zum Totentanz

Dafür setzen die 15 Tänzerinnen und Tänzer ihr Leben aufs Spiel, die einen mehr, die anderen weniger willig. Wer sie Fortuna alias «Millionenfee» (Swane Küpper) in die Fänge getrieben hat, bleibt zwar im Dunkeln wie manches in dem siebzig Minuten langen, zunächst ein wenig schleppend in Gang kommenden Stück. Doch Diskretion, Verschwiegenheit, Pokerface gehören schliesslich zu den ungeschriebenen Gesetzen des Glücksspiels. Wer sich als Zocker in die Karten schauen lässt, hat schon verloren.

Also macht es die Choreografin spannend. Sie lässt ihre Kompanie noch einmal einzeln nacheinander antanzen, Nummer für Nummer: ein Reigen ziemlich unterschiedlicher Figuren, die Ausstatter Kinsun Chan, Beate Vollacks Nachfolger als Tanzchef in St. Gallen, so eingekleidet hat, dass schon recht viel über sie gesagt ist, bevor sie die Pistolen aufdecken, auf der Drehbühne mit ihrem Tod flirten werden. Und früher oder später dahinsinken.

Zwischen Kampf und Hingabe

«Verzockt» spielt mit dem Motiv der «Danse macabre», dem Totentanz – insofern hat Swane Küpper als Millionenfee in High Heels eine schillernde Rolle; sie ist der Croupier im getanzten russischen Roulette. Wie eine Spinne lockt sie ihre Opfer; daraus entwickelt die Choreografie reizvolle Szenen zwischen Kampf und Hingabe. Überhaupt zieht das Tempo nach dem gedehnten Beginn rasant an, von höherer Warte aus vorangepeitscht.

Auf einem Gerüst seitlich der Bühne sitzt Akkordeonist Goran Kovačević, Einmannzirkuskapelle in rotem Samt, und macht den rasenden Puls der Zocker hörbar: ihre Verschlagenheit, den kalten Schweiss oder das Adrenalin im Blut. Seine Musik tänzelt virtuos zwischen dunklen Bässen, seifenblasenzarten Klängen von Erik Satie und fiebrig wilden Balkantänzen. Manchmal nimmt er auch einfach das Drehgeräusch der Tanzfläche auf und lässt es in schaurigem Crescendo wachsen. Die Tänzer sind dazu die Rhythmusgruppe, sie klopfen und stampfen, schnalzen oder schnipsen mit den Fingern.

Gewinner gibt es keine

Die Choreografie fordert starke Spielernaturen, nicht nur in ihrer jeweils charakteristischen Bewegungssprache und den unterschiedlichen Temperamenten, die sie subtil und kraftvoll ausspielen. Vieles ist ausgesprochen clownesk und witzig – das Lachen freilich bleibt einem im Hals stecken, so exzessiv, wie in «Verzockt» mit Schusswaffen herumhantiert wird. Auf makabre Weise stellt das Stück den Reiz des Risikos aus; das macht den Abend spannend, hinterlässt aber auch zwiespältige Gefühle: Man wird Voyeur eines Spiels auf Leben und Tod, das Sinnbild ist für den Vulkan, auf dem wir alle tanzen, ob sehenden Auges oder blind naiv. Gewinner gibt es dabei keine: Ein heftiges Adieu nach mehr als vier quicklebendigen Jahren.

Nächste Vorstellungen: 25./29.1., 2./6./8./10.2., Lokremise St. Gallen

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