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Opernpremiere mit aktuellen Bezügen: Flucht in ein Meer von Tränen

Der alte Intendant ist wie der neue: Dominique Mentha überrascht mit Monteverdi in der Luzerner Theater-Box.
Urs Mattenberger
Im Schlauchboot gestrandet: Die Solisten von Lieder von «Krieg und Liebe» als Bootsflüchtlinge. Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater

Im Schlauchboot gestrandet: Die Solisten von Lieder von «Krieg und Liebe» als Bootsflüchtlinge. Bild: Ingo Höhn/Luzerner Theater

Raumtheater in Aussenspielstätten, in denen nah am Publikum gespielt wird, sind ein Markenzeichen des Luzerner Theaters unter Intendant Benedikt von Peter. Wie würde da eine Produktion hineinpassen, für die der Intendant des Aufbruchs seinen Vorgänger Dominique Mentha einlud, der einst als Konsolidierer ans Theater geholt worden war?

Vorzüglich! Das zeigte am Sonntag die Premiere von Claudio Monteverdis Achtem Madrigal-Buch, das Mentha für seinen Gastauftritt gewählt hatte. Die Wahl der Box wie die Inszenierung führten fast demonstrativ vor, dass es die genannten Ansätze in Luzern auch schon unter von Peters Vorläufern gab.

So erinnerte die Wahl der Box daran, dass Mentha seine Ära ebenfalls in einer Aussenspielstätte – in der Werft – begonnen hatte. Er nutzte zudem die Box auf dem Theaterplatz, um diese «Lieder von Krieg und Liebe» zur Stadt hin zu öffnen. Und Bezüge zur Gegenwart findet diese Inszenierung immer wieder auf so diskrete wie überraschende Weise.

Publikumsnähe und filmreifer Showdown

Das beginnt, wenn beim Ausgang zur Reuss ratternd der Rollladen hochfährt. Es ist kein idyllisches Bild, das sich da bietet. Kinder schleppen immer mehr Schlauchboote in den Theaterraum, in dem gestrandete Hölzer erahnen lassen, was kommt. Im Madrigal «Altri Canti d′Amor», das die Auswahl eröffnet, drängen sich die vorzüglichen Solisten wie Bootsflüchtlinge aneinander. Dass die Gefahr des Kenterns mitgespielt wird, macht die Rettungsboote über aktuelle Bezüge hinaus zu einer Metapher für existenzielle Gefährdung und gestrandete Existenzen.

Das gilt schon für diesen Auftakt musikalisch doppelt: Zum einen für die unerfüllte Liebe, wenn sich die süssen Soprane von Diana Schnürpel und Olivia Doutney schmerzhaft am Tenor von Emanuel Heitz reiben. Zum andern für das Kriegsgepolter, zu dem sich der furchterregende Bass von Timotheus Maas und der mächtige Bariton von Alexandre Beuchat hochputschen – bereits das ist ein Höhepunkt, der Monteverdis musikalische Drastik mit Feinsinn und sinnlicher Fülle auskostet.

In den beiden szenisch angelegten Madrigalen löst Mentha auch den Anspruch auf Publikumsnähe handfest ein. Das gilt buchstäblich für «Il ballo delle ingrate». Die Liebesunwillig- keit der Frauen, die das Werk mit einem Gang von Venus und Amor in die Unterwelt aufs Korn nimmt, wird hier zur Gegenwartsdiagnose: Pluto – Maas hinreissend als selbstverliebt-durchgeknallte Nero-Figur – liest der Reihe nach Frauen in den vorderen Reihen die Leviten. Und wenn er eine Zuschauerin auf die Bühne holt, ist auch diese Tuchfühlung mit dem Publikum eine Reminiszenz an die Ära Mentha. In dieser setzten sich nämlich sogar die Huren aus Weills «Dreigroschenoper» den Herren im Parkett auf den Schoss.

Furioseer Abschluss

Die solistischen Szenen verbindet Mentha mit zwei vom vielfältig agierenden Theaterchor transparent gesungenen Madrigalen. Aber mit dem berühmten «Combattimento di Tancredi e Clorinda», in dem zwei Geliebte unerkannt gegeneinander kämpfen, interpretiert er Publikumsnähe nochmals anders, indem er den Zweikampf als filmreifen Showdown inszeniert. Der lädt auch den sachlichen Erzählton des Tenors mit fieberhafter Erregung auf. Darstellerisch wie sängerisch grossartig sind die beiden Protagonisten: Beuchat steigert seinen Bariton zu animalischem Zorn, Diana Schnürpels Sopran schwebt so ergreifend in den Himmel, dass vor dem «Meer der Tränen» auch das Publikum nicht gefeit ist. Auch das von Howard Arman geleitete Ensemble «Les Passions de l′Ame» legte hier alle Reserve ab und verhalf dem durchgehend inspirierten Abend zu einem furiosen Abschluss.

Nächste Vorstellungen: 19., 20., 27., 31. Oktober (Aufführungen bis 17. November).

www.luzernertheater.ch

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