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FLÜCHTLINGE: Zerrissen an Europas Grenzen

Gleich drei neue Graphic Novels nutzen die engagierte Fotoreportage als Ausgangsmaterial. Besonders überzeugt «Der Riss» mit einer hochspannenden Reportage über die Grenzzäune des abgeschotteten Europas.
Hansruedi Kugler
Fotograf Peter Eickmeyer als Zeuge einer der vielen Seerettungen vor der libyschen Küste – in der Graphic Novel «Liebe deinen Nächsten». (Bild: Splitter Verlag)

Fotograf Peter Eickmeyer als Zeuge einer der vielen Seerettungen vor der libyschen Küste – in der Graphic Novel «Liebe deinen Nächsten». (Bild: Splitter Verlag)

Hansruedi Kugler

Was für ein überraschendes, groteskes Bild: Im äussersten Norden der finnisch-russischen Grenze steigen eine afghanische Familie und zwei Kameruner mitten im Winter bei minus 30 Grad Celsius aus einem klapprigen Lada aus. Sie haben den jahrelangen Irrweg nach Europa geschafft. Es ist das Schlussbild der Graphic Novel «Der Riss» der beiden spanischen Journalisten Carlos Spottorno und Guillermo Abril. Der Autofriedhof gleich hinter der Grenze ist die eisige Parallele zu den gestrandeten Booten auf Lampedusa und Griechenland; die in Anoraks steckenden Afghanen die Parallele zu den Schwimmwesten tragenden Bootsflüchtlingen an den Küsten des Mittelmeers. Nicht nur diese kluge Korrespondenz macht «Der Riss» zu einem meisterhaften Band. Überzeugend sind auch die hartnäckige journalistische Recherche bei den Grenztruppen und die Einbettung des Geschehens in die politischen Entscheide der EU. Die beiden reisen im Auftrag ihres Magazins in die spanische Exklave in Marokko, dann nach Lampedusa, an die griechisch-türkische Grenze, nach Bulgarien, in die Ukraine, nach Lettland und Finnland. Stilistisch machen die beiden alles richtig: Je dramatischer das Geschehen, desto zurückhaltender die Bebilderung und desto sachlicher die kurzen Begleittexte. Hier wird jede Effekthascherei vermieden – der Riss in der Welt an den Rändern Europas wird dadurch deutlich erkennbar.

Im Mittelmeer an Bord eines Rettungsschiffes

Weitaus emotionaler geht «Liebe deinen Nächsten» vor. Die Autoren waren 2016 drei Wochen an Bord der MS Aquarius, dem Rettungsschiff der Hilfsorganisation SOS Méditeranée und dokumentieren die Rettungsarbeit. Die freiwilligen Retter aus aller Welt bekommen so ein Gesicht. Auch dieser Band beeindruckt durch die Nähe an den Schauplätzen, zeigt dann doppelseitige Porträts von Flüchtlingen mit kurzen Texten, die über Vergewaltigung, Ausbeutung und Tod in der Wüste berichten. Die Karte zu Beginn des Bandes lässt einen leer schlucken. Halb Afrika scheint sich nach Europa aufzumachen – quer durch die tödliche Sahara. Kritisch jedoch ist, dass sich die Autoren zu Botschaftern der Hilfsorganisation machen und allzu eingeschränkt deren Sicht auf die Verhältnisse abbildet.

Dasselbe gilt für den ansonsten eindrücklichen Band in der Zürcher Edition Moderne. Olivier Kugler porträtierte im Auftrag von Médecins Sans Frontières syrische Flüchtlinge im Irak, auf Kos, im «Dschungel» von Calais, schliesslich in England und Deutschland. Auch diese Graphic Novel ist hochinformativ. Die prekären Lebensbedingungen in den Lagern, wie sich die Geflohenen mit Kleinsthandel und Reparaturwerkstätten über Wasser halten, die allgegenwärtige Sehnsucht nach der Heimat – lässt einen den Überlebenswillen dieser Menschen bewundern. Da verzeiht man dem Buch auch seinen Hang zum Sentimentalen.

Carlos Spottorno, Guillermo Abril: Der Riss. Avant Verlag. 184 S., Fr. 46.– Gaby von Borstel, Peter Eickmeyer: Liebe deinen Nächsten. Splitter, 128 S., Fr. 32.– Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Edition Moderne, 80 S., Fr. 32.–

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