FOTOGRAFIE: Arnold Odermatt: 80 Jahre Berufserfahrung

Über den ehemaligen Nidwaldner Polizeifotografen Arnold Odermatt ist eine neue Biografie erschienen. Wir haben uns mit dem 91-Jährigen in seiner Privatwohnung in Stans über sein ereignisreiches Leben unterhalten.

Julia Stephan
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Arnold Odermatt zeigt in seiner Privatwohnung Selbstporträts aus dem Fotoband «Feierabend». (Bild: Nadia Schärli (Stans, 10. Dezember 2016))

Arnold Odermatt zeigt in seiner Privatwohnung Selbstporträts aus dem Fotoband «Feierabend». (Bild: Nadia Schärli (Stans, 10. Dezember 2016))

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Arnold Odermatt, dass man Ihre Arbeiten 2001 an der Biennale Venedig zeigte, ist einem Estrichfund Ihres Sohnes, des Regisseurs Urs Odermatt, zu verdanken. Sind Sie auch per Zufall Fotograf geworden?

Arnold Odermatt: Etwas Glück war schon dabei! Als Zehnjähriger nahm ich an einem Firmenwettbewerb teil. Um an einer Verlosung mitzumachen, musste man möglichst viele Karl-May-Abziehbilder in ein Büchlein kleben. Der Hauptgewinn: eine Box-Fotokamera der Marke Agfa aus Karton, im Wert von fünf Franken.

 

Ein schöner Gedanke, für den Erwerb einer Kamera Bilder zu sammeln. Fiel Ihnen das Sammeln leicht?

Ich habe überall gesucht und getauscht. Eines Tages bat ich eine Ladenverkäuferin, sie möge mir doch ein paar übrig gebliebene Abziehbilder aushändigen. Sie hat mir unglaublich viele davon geschenkt – mein Album war sofort gefüllt. Jetzt kann ich es Ihnen sagen, die Schummelei ist zum Glück verjährt ... (schmunzelt).

Und dann waren Sie als 10-Jähriger plötzlich stolzer Besitzer einer Kamera. Ihr erstes Motiv?

Ich brauchte ja erst einmal einen Film! Ich komme aus armen Verhältnissen. Nie werde ich vergessen, wie meine Mutter fast weinte, weil sie mir meinen Wunsch nicht erfüllen konnte. So ein Film war damals ein Stundenlohn wert. Also habe ich mir einen Zauberstab gebastelt, und auf dem Land eine Zaubervorstellung gegeben. Grossmutter und Kinder zahlten fünf Rappen Eintritt. So bekam ich das Geld zusammen.

Das Zaubern brachten Sie sich selbst bei?

Ja, ich hatte mir einige Tricks aus einem Buch angeeignet. Ich könnte Ihnen sogar noch den Zauberspruch aufsagen, den ich mir damals ausgedacht hatte.

Nur zu!

(holt tief Luft, und buchstabiert im schnellen Tempo etwas, das klingt wie: Akrakadabrabrawadatschlaberwolkesumbarnaschbagrabikomabegibovelikupervivrovilikuberlaudetidube ... usw.) Sehen Sie, ich kann den Spruch 80 Jahre später immer noch auswendig. Für mich ist das ein Wunder!

Ihr erstes Motiv?

Das ging völlig daneben. Ich hatte ja keine Ahnung vom Fotografieren, geschweige denn vom Entwickeln. Nach der zweiten oder dritten Aufnahme habe ich den Film einfach aus dem Apparat gezogen. Aber da war nichts zu sehen! Also steckte ich den Film zurück. Der Fotograf, der meinen Film später entwickelte, musste schallend lachen: Die Bilder waren rabenschwarz.

Ihr grosses Vorbild war der Magnum-Fotograf Werner Bischof. Haben Sie ihn persönlich gekannt?

Als junger Fotograf versuchte ich, von ihm zu lernen, indem ich ihn imitierte. Kennen gelernt haben wir uns dann zufällig in den frühen 1950ern auf dem Bürgenstock. Ich war als Polizist dort oben bei einem Sicherheitseinsatz. Dort begegnete mir auch ein weiteres Idol: Charlie Chaplin.

Haben Sie ihn fotografiert?

Ja, er bot er mir sogar an, beim Shooting die Regie zu übernehmen. Wie habe ich beim Fotografieren gezittert! Leider sieht man das den Fotos heute an.

Der grösste «Unfall» Ihrer Fotografenkarriere abseits der Autobahn?

Als der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seiner Entourage auf den Bürgenstock kam. Ich wollte seiner hübschen Tochter Lotte das Bergpanorama zeigen. Aber ich war Polizist und kein Bergführer, und Adenauer korrigierte mich – «Aber nein, junger Mann, das ist der Schwalmis, der Brisen ist rechts davon» – worauf alle in Gelächter ausbrachen – einer der peinlichsten Momente meiner Karriere.

Aus Gründen der Sparsamkeit drücken Sie gewöhnlich nur einmal – höchstens zweimal – auf den Auslöser. Was halten Sie vom Bilderüberfluss des digitalen Zeitalters?

Ich habe Zweifel, dass es immer gelingt, unter mehr als dreissig Fotos das Beste zu finden ...

Haben Sie jemals mit einer Digitalkamera fotografiert?

Nur, wenn mich Touristen auf der Strasse um ein Foto bitten. Eine gute Erfindung, aber für mich ist das viel zu einfach.

Haben Sie die Kamera eigentlich immer dabei?

Nur nicht im Bett! (lacht) Vor einem Jahr habe ich aufgehört zu fotografieren. Meine Sehkraft hat etwas nachgelassen. 80 Jahre Berufserfahrung sind auch genug.

In einem Fotozyklus sieht man Ihre Mutter auf dem Totenbett. Ein schönes, ein mutiges Bild. Hat das damals allen gefallen?

Als meine Mutter starb, wurde eine ältere Frau vom Papst heiliggesprochen. Ich dachte, so ein Papst kann auch nicht alles wissen, sonst hätte er meine Mutter heiliggesprochen. Meine Mutter war für mich in gewisser Weise auch eine Heilige gewesen. Sie hat uns elf Kindern von morgens bis abends Hosen und Röcke geflickt. Aber es gibt noch viele Mütter, die man heiligsprechen könnte! (lacht).

Den ehemaligen Nidwaldner Landschreiber Karl Christen haben sie in den 1980ern inmitten seiner Dokumentenstapel fotografiert. War er damit einverstanden?

Tja, damals gabs noch keinen digitalen Stauraum. Also schichtete man die Dokumente einfach zu Bergen auf. Fragte ein Ratsmitglied nach einem bestimmten Papier, musste Christen nicht lange überlegen. Auf meine Frage, ob ich ein Foto machen dürfte, schaute er mich erst starr an, und meinte dann: «Sie schon.» Und Urs Odermatt, mein Sohn, durfte dort später auch den Film «Gekauftes Glück» drehen – mit der Einschränkung, die Dokumentenstapel nicht zu berühren.

Noch mehr Material, das auf ihrem Dachboden liegt?

Ja, ein neuer Band ist schon in Arbeit. Er wird «In Rente» heissen und sich meiner Makrofotografie widmen.

Landschreiber Karl Christen im Rathaus Stans, 1987. (Bild: Pro Litteris)

Landschreiber Karl Christen im Rathaus Stans, 1987. (Bild: Pro Litteris)

Die Kapelle Remy Näpflin, 1974. (Bild: Pro Litteris)

Die Kapelle Remy Näpflin, 1974. (Bild: Pro Litteris)