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FRAME-FILMTIPP: Almodóvar feiert mit «Julieta» ein Comeback

Der spanische Meisterregisseur erzählt im wunderbar inszenierten Melodram «Julieta» von einer Frau in den Fünfzigern, die mit ihrem Familienleben aufräumt.
Pedro Almodóvar mit seiner «Julieta»-Crew am Filmfestival in Cannes. (Bild: Getty)

Pedro Almodóvar mit seiner «Julieta»-Crew am Filmfestival in Cannes. (Bild: Getty)

Schon mit der ersten Einstellung von «Julieta» macht sich beim Almodóvar-Aficionodo Erleichterung breit, und alles, was folgt, bestätigt das Gefühl. Denn da sind sie wieder, die wunderbar ästhetisch komponierten Bilder, die grossen Emotionen einer leidenden Frau, die eleganten Szenenübergänge, die altmodischen Handlungstreiber wie Briefe und zerrissene Fotos. Kurz, Almodóvar hat nach der vulgären und wirklich katastrophal misslungenen Komödie «Los amantes pasajeros» (2013) zu alter Form zurückgefunden und erhielt bei der Weltpremiere seines neuen Werkes «Julieta» am 69. Festival von Cannes entsprechend viel und warmen Applaus.

Der Film beginnt mit einem wallenden roten Kleid, das in der Grossaufnahme wie eine Vagina aussieht. Es gehört der Mittfünfzigerin Julieta (Emma Suárez). Sie lebt in einer Wohnung in Madrid und hat sich nach langem Nachdenken entschlossen, mit ihrem Freund Lorenzo (Darío Grandinetti) nach Portugal zu ziehen. Der Tapetenwechsel ist auch eine Flucht, denn in ihrem Leben liegt einiges im Argen. Doch dann trifft sie auf der Strasse zufällig Beatriz (Michelle Jenner), damals die beste Jugendfreundin ihrer Tochter Antía. Beatriz erzählt Julieta, sie sei Antía kürzlich am Comersee über den Weg gelaufen. In Julieta steigt ein emotionaler Wirbelsturm auf, denn sie hat seit Jahren kein Lebenszeichen mehr erhalten von ihrer Tochter. In Rückblenden und untermalt von dezent eingesetzter Thrillermusik fächert Almodóvar nun die tragische Familiengeschichte von Julieta auf, die ihren Ehemann bei einem Bootsunglück verloren hat, worauf ihre Tochter mit ihr gebrochen und sich einer Sekte angeschlossen hat.

Almodóvar tut dies ungemein elegant, mit vielen Überblendungen und ohne die verschiedenen Zeitebenen zu markieren. Als Leitmotiv für das Wechselbad der Gefühle, durch das Julieta geht, etabliert er (gleich wie dies Stanley Kubrick in «Eyes Wide Shut» getan hat) die Farben Rot und Blau. Erstere steht für grosse Emotionen, letztere für rationales Handeln. Entsprechend trägt Julieta, wenn sie aufgewühlt ist, oft ein rotes Kleid und wenn sie kühl und entschlossen handelt, ein blaues.

Auch die Ausstattung ist in diesem Melodram vom Feinsten: Man könnte den Film jederzeit anhalten und hätte mit dem Standbild ein wunderbares Foto zum Aufhängen. Almodóvars Schaffen war seit seinen Anfängen von der Pop Art mitgeprägt. Wie diese integriert auch er die Kunst in den Alltag seiner Figuren – mit schönen Bildern an den Wänden, aber auch mit alltäglichen Gegenständen wie Gemüseschalen in einer Küche. «Julieta» dreht sich um (sexuellen) Betrug in der bürgerlichen Ehe sowie um Verlust und Trauer, wobei letztere die Menschen nicht einen, sondern oft auseinander dividieren. «Julieta» ist allerdings kein Meisterwerk– das zu betonen, ist lediglich ein Hinweis darauf, wie stark man sich vom Spanier Bestleistungen gewohnt ist. Denn Almodóvar tippt seine Themen zwar an, durchdringt sie aber in den 99 Minuten Laufzeit, in die er viel Dramatik gepackt hat, nicht vollends. Das Ende kommt allzu abrupt und die dazu führenden Ereignisse sind weniger drastisch als in früheren Werken. Doch wie Almodóvar in diesem Neuanfang, bei dem er ohne seine langjährige Muse Penélope Cruz auskommt, seine Aktricen führt und leiden lässt, ist grosse Klasse. Emma Suárez, welche die Titelheldin im Alter verkörpert, und Adriana Ugarte, die Julieta im mittleren Alter spielt, vermögen Wut und Trauer nach aussen zu kehren und erzählen das Drama der Seelenstürme mit starker Mimik. Man fiebert fasziniert mit ihnen mit.

Christian Jungen

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