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FRAME-FILMTIPP: Dank Locarno – Mamas Kino lebt!

Das Filmfestival Locarno widmet dem deutschen Nachkriegskino eine Retrospektive und rettet damit die Ehre einer verkannten Epoche
FRAME-Filmtipp 4. August 2016 (Bild: frame.ch)

FRAME-Filmtipp 4. August 2016 (Bild: frame.ch)

Als die Leitung des Filmfestivals Locarno mich fragte, ob ich zusammen mit Roberto Turigliatto eine Schau zum deutschen Nachkriegskino gestalten wolle, war meine Antwort ein verblüfft-ekstatisches «Ja!» Auf so eine Gelegenheit wartete ich schon seit sehr, sehr vielen Jahren, allerdings ohne grosse Hoffnung darauf, dass dieser Traum je wahr würde. Denn das Kino der Bundesrepublik Deutschland (BRD) der 1950er Jahre hat einen furchtbaren Ruf, wenn es denn überhaupt einen hat.

Die meisten Leute, selbst das Gros der weltgewandten Cinephilen, kennt diese Ära des deutschen Kinos nicht; es kann sein, dass das Filmschaffen der jungen BRD mittlerweile der letzte weisse Fleck auf der Landkarte des Weltkinos ist. Bezeichnend ist, dass viele ausländische Filmkritiker und -historiker, speziell jene jüngeren Jahrgangs, beim deutschen Nachkriegskino erst einmal an den Neuen Deutschen Film der 1960er und 1970er Jahre denken, also an das Kino eines Volker Schlöndorff, Werner Herzog und Wim Wenders.

Aber die Vertreter des Nachkriegskinos wie Helmut Käutner und Wolfgang Staudte kennen die wenigsten, obwohl beides herausragende Regie-Persönlichkeiten waren. Auch die in jenen Jahren entstandenen Werke von Grossmeistern wie Georg Wilhelm Pabst («Das Bekenntnis der Ina Kahr», 1954) oder Robert Siodmak («Tunnel 28», 1962) kennt man kaum.

Und sogar die Literatur zu diesen Autoren legt einem selten genug nahe, dass das deutsche Nachkriegskino überhaupt irgendeine Bedeutung haben könnte. Immerhin stösst man bei älteren Kollegen noch auf ein gewisses Wissen, selten jedoch auf genuines Interesse, geschweige denn auf Begeisterung oder Liebe. Stattdessen bekommt man, sobald man diese auf das BRD-Kino anspricht, zu hören: «Wenn ich nur schon an die Stimme von Willy Birgel denke! Und dieses outrierte Spiel von O. W. Fischer!» Ich selbst begreife das BRD-Kino der 1950er Jahre als Membran, als Ära eines ungeheuerlichen, vor Widersprüchen strotzenden Wandels.

Man könnte sagen, der Junge Deutsche Film habe ganze Arbeit geleistet mit Parolen wie «Opas Kino ist tot!» Tatsächlich wurde dieses Kino der Ära Adenauer (1949 bis 1963) selbst von vielen seiner eigenen Zeitgenossen nicht geliebt. Der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre gehörte zu den wenigen, die das BRD-Kino schätzten. Er verfasste darum 1950 eine Schrift zur Rettung desselben. Es ist erstaunlich, wie ausdauernd man damals am Nachkriegskino herumgemäkelt hat. Nie war es gut genug. Immer wollte man zwar vielversprechende Ansätze erkannt haben, aus denen dann aber leider, leider nie etwas geworden sei.

Mehr als Prinzessinnenfilme

Diesen Behauptungen von Kritikern steht einiges entgegen: erstens der grosse Erfolg der Filme beim Publikum. Er blieb bis in die späten 1950er Jahre bestehen, um dann mit der Konkurrenz des Fernsehens rasend schnell einzubrechen. Zweitens gab es eine erstaunliche Menge an Auslandsverkäufen. Diese hat man jahrzehntelang regelrecht geleugnet. Wohl um behaupten zu können, das BRD-Kino sei provinziell und langweilig, biete nur niveaulose Heimat- und Prinzessinnenfilme und konzentriere sich allein auf den heimischen Markt. Drittens gab es eine erstaunliche Vielfalt an Koproduktionen mit Ländern Skandinaviens und Südamerikas. Viertens gewannen Vertreter des Nachkriegskinos eine Masse an internationalen Preisen: Zwischen 1954 und 1959 wurde jedes Jahr mindestens eine bundesdeutsche Produktion mit einem Golden Globe für den besten ausländischen Film ausgezeichnet. Wobei der Preis immer ex aequo auch an drei bis fünf weitere Arbeiten ging.

Tatsache ist: Das Kino der BRD ist ein verdrängtes Kino, verbrannte Erde. Wohl darum, damit man nicht über die grauen Flecken der deutschen Geschichte, über die «Ungenauigkeiten», wie der Schriftsteller Heinrich Böll es nannte, nachdenken musste. Darüber, dass jemand wie Rolf Hansen damals einen der erfolgreichsten Filme der Nazizeit realisiert hat: «Die grosse Liebe» (1942). Zehn Jahre später realisierte er ei­nen der erfolgreichsten Filme der jungen BRD, «Die grosse Versuchung» (1952).

Sein «Das Leben kann so schön sein» hätte schon 1938 erscheinen sollen, wurde von den Nazis aber verboten wegen eines offiziell beglaubigten Wutanfalls von Hitler persönlich. Der Film kam dann 1951 in die Kinos, diesmal unter dem Titel «Eine Frau fürs Leben»; die Fragen, die er stellt, sind immer noch gleich bedrückend.

Filme wie jene Rolf Hansens stehen heute im­ mer noch gut da, vielleicht besser denn je, wäh­rend viele andere der damals bejubelten Werke schlecht gealtert sind. Den Filmen wie «Wir Wun­derkinder» (1958) von Kurt Hoffmann oder «Das Mädchen Rosemarie» (1958) von Rolf Thiele sieht man sehr deutlich die Anstrengung an, politisch relevant sein zu wollen. Es sind Belege dafür, wie man damals versucht hat, explizit politisches Populärkino zu machen.

Die BRD der 1950er Jahre war ein nur bedingt freier Staat. Von 1949 bis 1991 galt das Besat­zungsstatut, mit dem die Siegermächte die Souveränität der Republik einschränkten. Ihr erster Bundeskanzler, Konrad Adenauer, war ein eisern herrschender Patriarch; seine konservative Re­gierung führte einen verbissenen Kampf um das öffentliche Ansehen des jungen Staates. Das be­deutete auch, dass das Auswärtige Amt Druck auf Festivals ausüben konnte, um die Präsentation von unliebsamen Filmen zu verhindern. Das be­rühmteste Beispiel: Der Botschafter der Bundes­republik in Frankreich, Vollrath von Maltzan, erreichte 1956, dass Alain Resnais’ Holocaust­ Film «Nuit et brouillard» in Cannes aus dem Wettbewerb genommen wurde, weil er ein schlechtes Licht auf Deutschland warf.

Der Frauen Herr werden

Die politisch interessanten Filme der Ära finden sich im gern abgewatschten Genrekino, und das en masse. Wer etwas darüber erfahren will, wie schizophren die BRD damals in vielerlei Hinsicht war, was da an Widersprüchen dauernd und mit einer verblüffenden Vehemenz aufeinander­ prallte, der sollte sich Heimatfilme, Krimis und Melodramen anschauen. Diese Genres widerle­gen das Gerücht, der BRD-­Film der 1950er sei ausschliesslich harmoniesüchtig und zahm ge­wesen. Hier brodelt es vor Konfliktfreude, Ag­gression und – auch sexueller – Subversion.

«Vom Teufel gejagt» (1950) von Viktor Tur­jansky ist eine moderne Version von Robert Louis Stevensons Novelle «Dr. Jekyll und Mr.Hyde»; viel direkter wurde die Janusköpfigkeit der Ära selten gezeigt. «Die Spur führt nach Berlin» (1952) von František Cáp und «Weg ohne Umkehr» (1953) von Victor Vicas sind Thriller im Stil des Film noir. Sie handeln vom in vier Zonen aufge­teilten Berlin, von der Ausweglosigkeit innerhalb der Freiheit, die die Alliierten brachten. Die Ger­hart ­Hauptmann­Adaptionen in legerem Hei­matgewand wie «Fuhrmann Henschel» (1956) von Josef von Báky, «Rose Bernd» (1957) von Wolfgang Staudte und «Dorothea Angermann» (1959) von Robert Siodmak sind allesamt Front­ berichte über den Geschlechterkrieg, der wäh­rend der 1950er Jahre tobte. Sie zeigen mit be­ängstigender Wucht, was das Land mit den Frau­en angestellt und wie es versucht hat, ihrer wie­ der Herr zu werden.

«Preis der Nationen» (1956) von Wolfgang Schleif und «Waldwinter. Glocken der Heimat» (1956) von Wolfgang Liebeneiner erzählen von Flüchtlingen, die versuchen, in der BRD Fuss zu fassen, ohne dabei ihre eigene Kultur aufgeben zu müssen. Die Filme, heute wieder erschreckend aktuell, thematisierten, wie relativ Heimat in Wirklichkeit ist: gar nicht starr und ewig, wie das immer behauptet wird. Davon, wie der Heimatbegriff zur Neurose werden kann, handelt einer der grössten Kassenerfolge der Ära, «Grün ist die Heide» (1951) von Hans Deppe.

Der Film ist ein gutes Beispiel für die Kompromisse, die man damals machte: Im Gegensatz zur Romanvorlage von Hermann Löns und zur ersten Filmadaption von 1932 durch Hans Behrendt steht hier am Ende nicht der Tod der Hauptfigur, sondern eine Art Versöhnung inklusive Mehrfach-Hochzeit. Deppe arbeitet mit verschiedensten Stimmungen, sie treffen unvermittelt und oft aufeinander, wie man es in vielen Werken der Ära findet.

Peinlicher Umgang mit der DDR

In der Direktion des Filmfestivals Locarno herrschte zunächst eine gewisse Unsicherheit darüber, was der deutsche Nachkriegsfilm denn eigentlich sei. Man fragte sich: Wie weit reicht diese Epoche zeitlich? Wie verhält sie sich zu den zwei Deutschland, der DDR und der BRD? Sollten wir auch etwas von Edgar Reitz zeigen? Wir entschieden uns dagegen, weil er doch zu sehr dem Neuen Deutschen Film angehört.

Aber wir kamen überein, dass wir mit diesem Programm zeigen wollen, wie tief die Modernitätsbestrebungen der BRD-Jungfilmer in jener nüchtern-kühlen Moderne des Braun-Design-Genies Dieter Rams und des Baumeisters Wilhelm Riphahn verwurzelt sind. Man findet deren Spuren in Filmen wie «Jonas» (1957) von Ottomar Domnick oder «Der gläserne Turm» (1957) von Harald Braun wieder. Die beiden Titel sind Meisterwerke des deutschen Nachkriegsfilms, an denen auch die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Wolfgang Koeppen mitgearbeitet haben. Der deutsche Nachkriegsfilm lebt von Kontinuität. Er hat sich organisch aus dem ihm vorangehenden Filmschaffen entwickelt. Wir konnten also unmöglich nur die offiziell so geliebte Mär vom deutschen Kino als einem Kino der ständigen Brüche und dauernden Neuanfänge nachplappern.

Was nun das Filmschaffen in der DDR angeht, so schien es mir im ersten Moment richtig, die Werke des volkseigenen Filmunternehmens des Oststaats, der Deutschen Film AG (Defa), für unsere Retrospektive aussen vor zu lassen. Es ist peinlich, um nicht zu sagen ekelhaft, wie man im letzten Vierteljahrhundert dauernd versucht hat, die Filmgeschichte von BRD und DDR als untrennbar ineinander verwoben zu erzählen. Wie man Letztere als Opfer eines kommunistischen Regimes sehen wollte und Erstere nicht als Täter, sondern einfach als diejenigen, die jetzt zufällig auf der richtigen Seite standen.

Aber die DDR einfach auszuklammern, wäre falsch gewesen. Denn es gibt einen sehr wichtigen Aspekt der frühen Defa-Produktion, der viel zu selten beachtet wird: In den 1950er bis in die 1960er Jahre hinein realisierte die Deutsche Film AG jedes Jahr mehrere Filme, die sich mit der BRD beschäftigten. Das sind Werke, in denen Themen behandelt wurden, die in der BRD tabu waren. So wie der immer noch andauernde Antisemitismus. Davon handelt «Zwischenfall in Benderath» (1956) von János Veiczi. In «Das verurteilte Dorf» (1952) von Martin Hellberg geht es um die Machenschaften der alliierten Streitkräfte auf dem von ihnen besetzten bundesdeutschen Boden.

Wir wollen in Locarno also Vorurteile überwinden und zeigen, dass und wie das Filmschaffen der DDR als Korrektiv zu demjenigen der BRD wirken kann. So hat man das zwischendeutsche Verhältnis noch selten betrachtet.

Christian Jungen

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