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FRAME-FILMTIPP: Der Erbe von Truffaut

In seinem melancholischen Erinnerungsfilm «Trois souvenirs de ma jeunesse» lässt der französische Meisterregisseur Arnaud Desplechin sein Alter Ego grosse amouröse und politische Abenteuer durchleben.
Paul Dédalus (Quentin Dolmaire) mit seiner Muse Esther (Lou Roy-Lecollinet). (Bild: PD / frame.ch)

Paul Dédalus (Quentin Dolmaire) mit seiner Muse Esther (Lou Roy-Lecollinet). (Bild: PD / frame.ch)

Regisseur Arnaud Desplechin (*1960) ist im französischen Autorenkino der erste Erbe von François Truffaut. Wie die Filme seines Vorbildes kreisen auch seine um das Verhältnis junger Männer zum weiblichen Geschlecht, um Einsamkeit und Schmerz, um die Liebe und die Schwierigkeit des Paarlebens, kurz: um Fragen der Identität. Wie Truffaut mit Antoine Doinel, so hat auch Desplechin sich ein Alter Ego geschaffen: Paul Dédalus, das wie der Regisseur aus Roubaix stammt. In Desplechins Film «Comment je me suis disputé . . . (ma vie sexuelle)» von 1996 hat Mathieu Amalric die Figur, damals ein Assistent im Fach Philosophie, verkörpert – und seither in fast allen Werken von Desplechin dessen Abbild gespielt.

In «Trois souvenirs de ma jeunesse» begegnen wir Dédalus wieder. Er ist nun ein Anthropologe (Amalric), der nach Jahren in Tadschikistan nach Frankreich zurückkehrt und am Flughafen in Paris von der Polizei festgenommen wird, weil seine Papiere nicht in Ordnung sind. Während des Verhörs sprechen ihn die Polizisten darauf an, dass vor Jahren in Australien ein Mann mit derselben Identität wie Dédalus gestorben ist. Diese dramatische Situation nutzt Desplechin für Rückblenden in Dédalus Kindheit. In der ersten der drei titelgebenden Erinnerungen sehen wir, wie klein Dédalus (Antoine Bui) Zeuge des Selbstmordes seiner depressiven Mutter wird. Ein prägendes Erlebnis, das ihn ermutigt, das Leben zu nutzen, um etwas aus sich zu machen. In der zweiten Erinnerung begegnen wir Dédalus (Quentin Dolmaire), wie er während eines Klassenausflugs in der UdSSR im Zug nach Minsk einem jüdischen Flüchtling hilft, indem er ihm seinen Pass gibt. Und in der dritten und längsten Erinnerung sehen wir Dédalus, wie er sich in seine Mitschülerin Esther (Lou Roy-Lecollinet) verliebt. Es ist das längste und am schönsten inszenierte Kapitel des Films.

Desplechin fängt die Figuren oft in Grossaufnahme ein, was die Emotionalität erhöht und er gibt dem Sex viel Raum. Desplechin verzichtet in seinem Ausstattungskino von glanzloser Opulenz auf Einblendungen mit Orts- und Zeitangaben. Als Epochenmarken dienen ihm vielmehr die Musik sowie beiläufig eingefangene Nachrichtenbilder, etwa vom Fall der Berliner Mauer. Desplechin gleitet auch nie in jene verklärende Nostalgie ab. Sein Film sagt nicht, dass früher die Liebe schöner und wilder war, er betont vielmehr, wie wichtig es ist, auch im Alter weiter genuin zu lieben.

Der Film weist starke intertextuelle Bezüge zum Gesamtwerk von Desplechin auf. Die erste Erinnerung mit dem kleinen Dédalus verweist auf «La vie des morts» (1991), in dem sich der Regisseur schon mal mit Selbstmord und Familienstreit auseinandersetzte, die zweite mit dem jungen Aktivisten in der Sowjetunion lässt an «La sentinelle» (1992) denken, der sich um Spionage und die Politisierung eines Studenten drehte und die dritte Erinnerung über Dédalus sexuelles Erwachen nimmt sich aus, wie die Vorgeschichte zu «Comment je me suis disputé». Diese Referenzen bescheren dem kundigen Zuschauer beglückende Aha-Erlebnisse, der Film ist aber auch verständlich, wenn man mit den übrigen Werken von Desplechin nicht vertraut ist.

«Trois souvenirs» ist eine melancholische Charakterstudie eines Menschen, der etwas aus sich machen will und deshalb stets das Abenteuer sucht, das touristische, das politische, das amouröse. Paul Dédalus wird in dem Film von drei verschiedenen Schauspielern verkörpert wird, die sich äusserlich überhaupt nicht gleichen. Und dennoch ist man darüber nicht irritiert, weil Amalric, Bui und Dolmaire die gemeinsamen Charakterzüge betonen.

In Frankreich, wo Kritik und Publikum intertextuelles Autorenkino lieben, wurde der romanekse Film gefeiert. Desplechin erhielt unter anderem den César als bester Regisseur. Zum Hype beigetragen hat der Umstand, dass das Festival von Cannes, bei dem Desplechin seit 1992 das Abonnement für eine Wettbewerbsteilnahme besass, den Film nicht in die offizielle Selektion aufnahm. Er lief schliesslich in der unabhängigen Avantgarde-Sektion «Quinzaine des Réalisateurs» und wurde von der auf Wiedergutmachung gesinnten Kritik zum besten französischen Film des Festivals hochstilisiert – eine Übertreibung. «Trois souvenirs» ist ein Werk voller elegant inszenierter Vignetten. Die erzählerische Bruchstückhaftigkeit mag zwar den blitzartigen Erinnerungen gerecht werden, führt aber auch dazu, dass der Film einen runden Spannungsbogen vermissen lässt.

Christian Jungen

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