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FRAME-FILMTIPP: In der Champions League des Autorenkinos

Vor 25 Jahren gewann Xavier Koller den Oscar für «Reise der Hoffnung». Jetzt kommt sein Meisterwerk in restaurierter Fassung nochmals in die Kinos. Das Drama um eine türkische Familie auf dem Weg in die Schweiz hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst.
Die türkische Familie macht sich auf den Weg in die Schweiz. (Bild: cinema.de)

Die türkische Familie macht sich auf den Weg in die Schweiz. (Bild: cinema.de)

Im Oktober 1988 las Xavier Koller in Paris in der NZZ eine Kurzmeldung: Am Splügenpass sei ein siebenjähriger türkischer Junge, der mit seinen Eltern unterwegs in die Schweiz gewesen sei, an Erschöpfung und Unterkühlung gestorben. Das wühlte Koller derart auf und machte ihn so betroffen, dass er die Verfilmung von «Sennentuntschi», an der er damals mit Hansjörg Schneider arbeitete, auf Eis legte und ein Drehbuch über eine türkische Familie schrieb, die auf illegalem Weg in die Schweiz gelangen will.

Keine zwei Jahre später feierte der Film mit dem Titel «Reise der Hoffnung» in Locarno Weltpremiere, gewann einen Bronzenen Leoparden und wurde schliesslich mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.

Auf DVD ist der Film vergriffen, und die Originalkopie, welche in der Cinémathèque Suisse lagerte, war stark beschädigt. Nun hat sie Koller in Bologna restaurieren lassen, so dass man den Film heute auch digital projizieren kann. Weil die Flüchtlingsthematik mittlerweile noch brisanter ist, als sie damals war, kommt der Film nun erneut in die Kinos. Koller hofft, dass ihn auch das jüngere Publikum entdeckt, das ihn noch nicht kennt. Und er hofft dass der Film eine neue Debatte darüber zu entfachen vermag, wie unser Land mit Flüchtlingen umgeht.

Ich habe den Film nach vielen Jahren erneut gesehen und war so erschüttert und berührt wie beim ersten Mal. Kollers Werk beginnt in Anatolien und stellt uns eine türkische Familie vor, deren Oberhaupt Haydar (Necmettin Çobanoglu) von einem Cousin aus der Schweiz eine Postkarte bekommt. Das Land sei ein Paradies, schreibt der Auswanderer, und: «Hier würde aus den Eutern deiner Ziege Butter fliessen. Der Joghurt wäre fest wie Eiscrème aus Maras». Haydar beschliesst, zusammen mit seiner Frau auszuwandern. Um sich bei einem Schlepper eine Karte für die Schiffsfahrt von Istanbul nach Neapel kaufen zu können, verkauft er sogar sein Land. Da die Frau nicht ohne eines ihrer sieben Kinder in die Fremde ziehen will, nimmt das Paar den siebenjährigen Ali mit, der sich zu Beginn im Rahmen einer Mutprobe auf die Geleise gelegt hat und einen Zug über sich hinweg rollen liess.

Dies ist eine von mehreren Szenen, in denen Koller bildhaft das Schicksal seiner Antihelden präfiguriert. Immer wieder zeigt er in Grossaufnahme, wie Haydar Geldscheine zählen muss, um zwielichtige Schlepper schmieren zu können. In Neapel stecken sie dem gutmütigen Schweizer Lastwagenchauffeur Ramser (Mathias Gnädinger) 300 Franken zu, damit er sie Richtung Norden mitfahren lässt. An der Grenze in Chiasso werden die Flüchtlinge von den Schweizer Zöllnern zurückgewiesen, und so nimmt das Drama seinen Lauf, das in einer eisigen Winternacht auf dem Splügenpass für Ali tödlich endet.

Koller erzählt die Odyssee der alavitischen Flüchtlingsfamilie nüchtern und schnörkellos. Obwohl er ihre türkische Heimat in schönen Tableaus einfängt, trampelt er nie in die Touristenfalle, wie es zum Beispiel Ken Loach tat, als er 1997 «Carla's Song» in Nicaragua drehte und die Landschaft einfing wie ein fotografierender Tourist. Dies liegt unter anderem auch daran, dass Koller so klug war, mit der türkischen Drehbuchautorin Feride Çiçekoglu zusammenzuarbeiten, die mit den lokalen Verhältnissen vertraut war. Kollers Kamera wirkt dokumentarisch, und obwohl der Schweizer die Geschichte mit Dringlichkeit erzählt, fordert er keine Gesinnung ein.

Anders wiederum als Ken Loach verzichtet er auf Schwarz-Weiss-Malerei in der Figurenzeichnung und ebenso auf Pathos – sein Werk wirkt genau deshalb so überzeugend, weil es uns kein Anliegen verkaufen will. Vielmehr vertraut ein Cineast da ganz seiner Geschichte und weiss mit klugen Einfällen und ganz ohne Parolen zu schwingen beim Zuschauer Empathie für die Figuren hervorzurufen.

Unheimlich ist zum Beispiel jene Szene, in der die halb erfrorenen türkischen Flüchtlinge auf dem Splügen an die Scheibe des geheizten Hallenbades eines Hotels poltern. Der Besitzer in Badehose sagt zu ihnen, sein Haus sei geschlossen. Koller vermag auch die Stimmung in der Schweiz in einer einzigen Szene treffend zu evozieren: Er zeigt eine Krankenschwester, die zu einem Polizisten sagt, es interessiere sie nicht, woher die Leute kämen, sie wolle ihnen erst einmal medizinisch helfen. Worauf der Beamte knurrt, er erfasse Leute nicht nach geschwollenen Füssen, sondern mit Name und Herkunft.

Ein cineastischer Klassiker zeichnet sich dadurch aus, dass er gut altert. Kollers Meisterwerk ist gar nicht gealtert, es ist zeitlos gültig und aktuell geblieben. Die Situation mit den Schlepperbanden mag sich noch verschlechtert haben, die Stimmung im Land ist heute noch genauso, wie sie Xavier Koller vor 26 Jahren beschrieben hat. Viel von seiner Überzeugungskraft verdankt der Film auch seinen Darstellern. Haydar wird von Necmettin Çobanoglu verkörpert, der bereits in «Yol» (1982) von Y?lmaz Güney mitgewirkt hatte. Er vermag die innere Zerrissenheit und die Verzweiflung seiner Figur nach aussen zu kehren.

Sehr eindrücklich, gerade auch im sprachlichen und körperlichen Ausdruck, spielt Mathias Gnädinger den Gemütsbrocken Ramser. Als Gnädinger letztes Jahr starb, wurde er in den Nachrufen vor allem als Volksschauspieler aus Filmen wie «Usfahrt Oerlike» und «Sternenberg» kommemoriert. Aber Gnädinger war auch einer der herausragenden Charakterdarsteller des Neuen Schweizer Films, der in Meistwerken wie «Das Boot ist voll» und «Reise der Hoffnung» das Kunststück schaffte, die Haltung einer ganzen Nation in einer Figur zu bündeln.

Es lohnt sich, «Reise der Hoffnung» (wieder) zu entdecken – nur schon, um zu sehen, dass das einheimische Filmschaffen vor noch nicht allzu langer Zeit in der Champions League des Autorenkinos spielte – mit Werken, die am Puls der Zeit waren und etwas zu sagen hatten.

Christian Jungen

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