Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

FRAME-FILMTIPP: «The Assassin» – Killerin mit Herz

«The Assassin» erzählt in atemberaubend schönen Bildern von einer Mörderin, die sich entscheiden muss zwischen Pflichterfüllung und Liebe.
Qui Shu spielt die Killerin Nie Yinniang. (Bild: PD/wildbunch.biz)

Qui Shu spielt die Killerin Nie Yinniang. (Bild: PD/wildbunch.biz)

Nie Yinniang (Qi Shu) ist eine Mörderin mit Mitgefühl. Im China des 8. Jahrhunderts zieht sie im Auftrag der Nonne Jixian, welche sie grossgezogen hat, mit Kampfkunst korrupte Staatsbeamte aus dem Verkehr. Weil sie bei ihren Missionen aber mitunter Gnade walten lässt, stellt ihre Meisterin sie vor eine Prüfung. Sie soll den Militärgouverneur der Provinz Weibo töten. Der aber ist ihr Cousin und war ihr Verlobter. «Nie Yinniang» ist eine Kurzgeschichte aus dem 9. Jahrhundert, ein Klassiker der Wuxia-Literatur. Nun hat Hou Hsiao-Hsien sie fürs Kino adaptiert. Wuxia heisst Kampfheld. Ein solcher lebt zurückgezogen, oft im Kloster. Wuxia haben hohe ethische Ansprüche und greifen als Virtuosen des Schwertkampfs punktuell in die Politik ein, um dann wieder zu verschwinden.

Nie Yinniang war eine der ersten weiblichen Hauptfiguren dieses Genres, das der Oper, dem Theater und dem Kino Stoffe lieferte. Wuxia-Filme sind eine Untergattung jenes populären Actionkinos, das im Westen in den 1960ern unter dem Label Kung-Fu-Film bekannt wurde. Während Bruce Lee und sein komödiantischer Erbe Jackie Chan traditionelle Kampfkunst anwenden, um moderne Gangster zu jagen, kombinieren Wuxia-Filme ein körperbetontes Actionkino mit dem Historien- und Kostümfilm.

Während Kung-Fu-Filme in der westlichen Wahrnehmung mit Kunst- und Autorenfilm wenig zu tun haben, markieren Wuxia-Filme im chinesischen Kino – wozu die unterschiedlichen Traditionen des Hongkong-, Taiwan- und Mandarin-Kinos gehören – den höchsten künstlerischen Anspruch. «A Touch of Zen» (1971) und «Regen in den Bergen» (1979) des Taiwaners King Hu sind kanonische Meisterwerke; auch international gefeierte Autoren wie Ang Lee («Crouching Tiger Hidden Dragon») und Zhang Yimou («House of Flying Daggers») legen Wert darauf, einen Wuxia-Film in ihrem Werkver­zeich­­nis zu haben.

Hou Hsiao-Hsien, der Protagonist der taiwa­nischen neuen Welle, interpretiert das Genre in «The Assassin» auf eine Weise, die mit Konventionen bricht und in ihrer Erfindungskraft und gedanklichen Schärfe das Niveau der Filme von King Hu erreicht. In Hous Filmen zählt, was sich jenseits des Bildrahmens zuträgt, ebenso sehr wie das, was zu sehen ist. Wie kaum ein anderer versteht er es, den Raum jenseits der Leinwand zum Handlungsort und zur Quelle der Spannung zu machen.

In langen Einstellungen, denen kaum merkliche Schwenks und Fahrten ihren Puls verleihen, verhalten seine Figuren sich zueinander und zu Dingen jenseits des Bildrahmens, während der sichtbare Ausschnitt Bildeinfälle zeigt, für die es anderswo keine Vorbilder gibt. Wie etwa der Gouverneur von Weibo seiner Konkubine im vollen Ornat hinter einem leise sich bewegenden durchscheinenden Vorhang bei Kerzenlicht die Intrige erklärt, die Nie an seinen Hof führen wird. Oder wie die schwarz gekleidete Nie ihrer weiss gekleideten Meisterin auf einem nebelumwehten grünen Berggipfel Bericht erstattet, lohnt schon den Eintrittspreis.

Selbst einem der klassischen Handlungsorte des Wuxia-Films, dem Bambuswald, vor dessen Hintergrund die Kämpfenden sich rhythmisch abheben, gewinnt Hou einen neuen As­pekt ab und wurde dafür in Cannes zu Recht als bester Regisseur ausgezeichnet. «The Assassin» ist ein Film von berückender Schönheit von einem der Neu-Erfinder des Gegenwarts­kinos, den sich nicht nur Kung-Fu-Fans nicht entgehen lassen sollten.

Vinzenz Hediger

Mehr Kino, mehr «Frame»

Weitere Kritiken zu neuen Filmen finden Sie im aktuellen «Frame», der grössten deutschsprachigen Filmzeitschrift. Sie ist am Kiosk, im Abo, im App Store und im Google Play Store erhältlich. frame.ch

Was läuft sonst im Kino?

Hier finden Sie das Zentralschweizer Kinoprogramm.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.