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FRAME-FILMTIPP: Wir haben genug

«7 Angry Indian Goddesses» ist eine schrille indische Tragikomödie um sieben Frauen, die sich gegen den grassierenden Frauenhass wehren.
Freida und ihre Freundinnen, als die Welt noch in Ordnung ist. (Bild: outnow.ch)

Freida und ihre Freundinnen, als die Welt noch in Ordnung ist. (Bild: outnow.ch)

Letztes Jahr hat die indische Regierung den Dokumentarfilm «India’s Daughters» von Leslee Udwin verboten. Der Film rekonstruiert den Hergang der Gruppenvergewaltigung und den Mord an der 23-jährigen Medizinstudentin Jyoti Singh kurz vor Weihnachten 2012. Der zuständige Minister Venkaiah Naidu begründete das Verbot so: «Das ist eine internationale Verschwörung mit dem Ziel, Indien zu diffamieren. Wir werden versuchen, den Film auch im Ausland zu verbieten.» Das ist ihm zum Glück nicht gelungen.

Udwins Film zeigt eines der grössten Probleme Indiens, über das die Weltöffentlichkeit Bescheid wissen muss: Wie tief der Frauenhass in indiens Kultur verankert ist. Einer von Jyotis Vergewaltigern, Mukesh Singh, inzwischen zum Tod verurteilt, ist sich keiner Schuld bewusst. Er erzählt im Film: «Es liegt an den Frauen, dass sie vergewaltigt werden, nicht an den Männern. Sie dürfen halt nicht nachts auf die Strasse gehen, und das auch noch ohne Begleitung durch einen Bruder, Vater oder Cousin. Und erst recht nicht in aufreizenden Kleidern.»

Von Frauen, die selber schuld sein sollen und Männern, die anscheinend nichts für ihre Triebe können, handelt auch «7 Angry Indian Goddesses». Der Spielfilm von Pan Nalin nimmt sich des Themas Frauenhass mit viel Witz an. Zumindest am Anfang: In der schnell geschnittenen Eröffungssequenz lernt man die sieben Frauen kennen, um die es hier geht, und die sich unzimperlich gegen respektlose und aufdringliche Männer wehren. Die Fotografin Freida (Sarah-Jane Dias) rennt wütend vom Set, weil ihre männlichen Assistenten alles besser wissen. Jo (Amrit Maghera), eine angehende Bollywood-Schauspielerin, prügelt sich beim Drehen, weil der Regisseur ihre Kurven interessanter findet als ihre Schauspielkunst. Lakshmi (Rajshri Deshpande), eine Haushälterin, legt einen Belästiger herein, um ihn dorthin treten zu können, wo es besonders weh tut.

Freida zieht sich derweil in ihr Haus auf Goa zurück und lädt Jo, Lakshmi und vier weitere Jugendfreundinnen zu sich ein. Was sie noch nicht wissen: Es soll eine Hochzeit gefeiert werden. Die Frauen geniessen die Freiheiten, die sie sich hier nehmen können – und die Männern immer und überall zustehen. Sie feiern und albern herum, sie sprechen über Karriere, Familie und Sex. Je näher sie sich einander fühlen, umso ernster werden sie und erzählen einander auch von dem, was sie beschäftigt: Unterdrückung, verlorene Träume, Angst.

Zunächst geht es laut und turbulent zu wie in anderen sogenannten Frauenfilmen, «Bridesmaids» oder «The Heat» beispielsweise. Aber anders als in den US-Vorbildern gibt es in «Goddesses» keinen Fäkalhumor und Slapstick. Die sieben Freundinnen sind keine dümmlichen, hysterischen Weiber. Sie sind wütend.

Als die Frauen in der zweiten Hälfte des Films von der brutalen Realität eingeholt werden, wirkt es ein wenig, als ob Drehbuchautor und Regisseur Nalin mit dem Problem der fehlenden Gleichberechtigung etwas überfordert wäre. Er lässt die Frauen beschliessen, sich Kali, die einzige wütende indische Göttin, zum Vorbild zu nehmen. Aber wütend zu sein, reicht noch nicht aus, um gegen den grassierenden Frauenhass zu kämpfen.

In einem Interview sagte Nalin, er habe einen Film machen wollen über «Vertreterinnen des heutigen Indien», er habe endlich eine Geschichte erzählen wollen, die nicht von einem dominanten Mann handle. Schliesslich würden in keinem anderen Land der Welt so viele Frauen im Parlament sitzen wie in Indien. In Unternehmen oder der Kunst seien sie mittlerweile an der Spitze. Dementsprechend zeigt er zunächst mehr oder weniger unabhängige Frauen. Doch als sie sich gegen ihnen widerfahrende Unterechtigkeiten zu wehren anfangen, lässt er die Frauen zu sehr männlichen Methoden greifen, und die Geschichte driftet zunehmend ins Melodramatische ab.

Wobei – ist das so schlimm? «7 Angry Indian Goddesses» ist ein Spiel- und kein Aufklärungsfilm. In narrativer Hinsicht hat die Melodramatik durchaus ihr Gutes: Was der Film anprangert, ist derart hässlich, dass ein wenig Übertreibung nicht schadet. Denn die vordergründig bunte, laute, wilde Geschichte, wunderschön gefilmt und mit etwas zu schönen Frauen besetzt, handelt im Kern nicht nur von der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, sondern auch von Stigmatisierung von Homosexualität, von sexueller Belästigung, von Indiens Vergewaltigungskultur, seiner korrupten Polizei und unfähigen Justiz.

In Indien wird alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt, so schätzen Experten. Aber hören tut man von den wenigsten. «7 Angry Indian Goddesses» setzt den zahllosen vergessenen Opfern ein schreiend buntes Denkmal und ist trotz allem Kitsch ein politischer Film, der Mut macht.

Denise Bucher

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