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Frankenstein im Schauspielhaus:
Die künstliche Intelligenz siegt

Was macht das Menschsein aus? Wie weit darf Wissenschaft gehen? Mary Shelleys Roman «Frankenstein» ist 200 Jahre alt und hochaktuell. Jetzt versucht das Schauspielhaus Zürich, den Stoff weiterzuspinnen.
Julia Nehmiz
Viktor Frankenstein (Edmund Telgenkämper, Mitte vorne), hat die Kontrolle über sein Geschöpf (Robert Hunger-Bühler) längst verloren. Professorin Waldman (Inga Busch, links) und Dr. Walton (Julia Kreusch) versuchen zu retten, was zu retten ist. (Bild: Tanja Dorendorf)

Viktor Frankenstein (Edmund Telgenkämper, Mitte vorne), hat die Kontrolle über sein Geschöpf (Robert Hunger-Bühler) längst verloren. Professorin Waldman (Inga Busch, links) und Dr. Walton (Julia Kreusch) versuchen zu retten, was zu retten ist. (Bild: Tanja Dorendorf)

In Frischhaltefolie eingewickelt steht er da, starr, stumm. Nebel wabert, dräuende Musikklänge suggerieren: Hier wird’s gleich gefährlich. Oder zumindest spannend. Auf einer Leinwand sieht man noch mehr Geschöpfe, nackt hängen sie leblos in den Seilen, die Füsse im Wasser, Menschenmaterial einer kalten Forschungsstation.

Wissenschaftler Viktor Frankenstein hat bei seinem Geschöpf die «Pausentaste» gedrückt, es ist ihm nicht gelungen, die Stopptaste zu drücken. Das Geschöpf, um das sich die kommenden eindreiviertel Stunden alles dreht, ist stärker als sein Schöpfer. Zu stark für Frankenstein, der die Kontrolle über sein Werk längst verloren hat.

Roboter-Experiment als Vorlage

Wohl jeder kennt Mary Shelleys 200 Jahre alte Geschichte von Frankenstein und seinem Monster, das dieser aus Leichenteilen zusammenflickte und mittels Stromschlag zum Leben erweckte. Das Schauspielhaus Zürich geht weiter. Bei Autor Dietmar Dath und Regisseur Stefan Pucher hat Frankensteins Geschöpf die Morde schon begangen, sie erzählen den Roman von Shelley fort.

Shelley liess das Geschöpf nach Frankensteins Tod ankünden, sich auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu wollen. Bei Dath und Pucher ist es Frankenstein gelungen, das Geschöpf ruhig zu stellen. Der Forscher arbeitet in einem Menschenlabor, seine Mitarbeiterin Dr. Walton nennt es Klinik, die anderen stillgelegten Menschen seien ihre Patienten.

Frankensteins Geschöpf (Robert Hunger-Bühler) ist überzeugt, es sei nicht vollständig. (Bild: Tanja Dorendorf)

Frankensteins Geschöpf (Robert Hunger-Bühler) ist überzeugt, es sei nicht vollständig. (Bild: Tanja Dorendorf)

Dietmar Dath hat sich das Talking-Heads-Experiment des belgischen Forschers Luc Steel zum Vorbild genommen. Der wollte 1999 herausfinden, ob zwei Roboter eine eigene Sprache entwickeln können, indem sie sich über ihre Wahrnehmungen austauschen.

Sie lässt Tote als eine Art Avatare auferstehen

Autor Dath lässt Frankensteins Geschöpf durch injizierte Mikrosphären, in denen die Dialoge anderer Menschen gespeichert sind, ein Bewusstsein erlangen. Professorin Waldman treibt Frankensteins Forschung auf die Spitze, sie lässt Tote als eine Art Avatare wieder auferstehen. Am Ende stellt Professorin Waldman dem Geschöpf eine Frau zur Seite, so, wie es sich das Geschöpf bei Mary Shelley wünschte, damals aber nicht bekam. Die Menschen sind tot, die künstliche Intelligenz besteht fort.

Klingt kompliziert, ist es auch. Frankenstein, sein Geschöpf, Dr. Walton, Gehilfe Totoschka, Professorin Waldman und Frankensteins Ehefrau Elisabeth diskutieren ausgiebig in Fachsprache über ihre Forschung. Dazwischengeschnitten werden Originaltexte aus Shelleys Roman, untermalt mit Videoarbeiten wie aus einem Computergame. Die ethische Dimension, was darf der Mensch, was darf die Wissenschaft, was macht Menschsein aus, gerät dabei zum Abstraktum.

Schade. Denn die Diskussion wäre aktuell und spannend. Doch in der Zürcher Uraufführung schaut man unbeteiligt dem seltsam-futuristischen Treiben zu, das zeitweise an ein Science-Fiction-B-Movie der 60er-Jahre erinnert.

«Frankenstein», Schauspielhaus Zürich, bis 2.März 2019

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