FRANKFURT: «Horror erreicht unseren Alltag»

Navid Kermani, neuer Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, kann sich militärische Schritte in Syrien vorstellen. Das en­gagierte Votum erfolgte am letzten Tag der Buchmesse.

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«Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?», fragt Navid Kermani. Und schliesst militärische Schritte in die Handlungsoptionen ein. (Bild: Keystone)

«Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?», fragt Navid Kermani. Und schliesst militärische Schritte in die Handlungsoptionen ein. (Bild: Keystone)

Thomas Maier, dpa

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani (47), hat ein entschlosseneres Vorgehen in Syrien bis hin zu militärischen Optionen gefordert. Die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) werde den «Horror» so lange steigern, bis die Menschen in ihrem europäischen Alltag spürten, dass dieser Horror nicht von selbst aufhören werde, sagte Kermani gestern in seiner Dankesrede nach der Verleihung des Friedenspreises.

Der deutsche Orientalist, Schriftsteller und Essayist schloss in seiner bewegenden Rede ausdrücklich das militärische Eingreifen mit in die nun noch vorhandenen Möglichkeiten ein. Je länger gewartet werde, desto weniger Möglichkeiten blieben, sagte Kermani.

«Womöglich militärisch»

«Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir als seine nächsten Nachbarn uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich», sagte er.

Der Krieg könne nicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werden, er könne nur von den Mächten beendet werden, die hinter den verfeindeten Armeen und Milizen stehen. «Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen.»

Wahrscheinlich würden bei einem entschlosseneren Vorgehen Fehler gemacht. «Aber den grössten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des Islamischen Staates und den des Assad-Regimes.»

Kermani wurde vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Vorbild bezeichnet, als Mensch, der Orientierung gebe. «Ein aufgeklärter Bürger, der die Poesie liebt, der aus der Literatur und aus seiner Religiosität die Anregungen, Erkenntnisse und Kraft schöpft, die wir angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, alle brauchen.»

Sohn iranischer Eltern

Navid Kermani wandelt wie kein anderer deutscher Intellektueller problemlos zwischen Abendland und Morgenland. Der Sohn iranischer Eltern ist Wissenschaftler, Literat und Reporter. Vor kurzem hat er die nach Deutschland führenden Flüchtlingsrouten bereist und über Flüchtlingsschicksale berichtet. Als Reiseschriftsteller hat er bereits 1989 Syrien mit dem Rucksack bereist und war von der Gastfreundlichkeit der Menschen begeistert. Den Westen sieht er mit einer grosszügigen Aufnahme der Flüchtlinge in der Pflicht – und lobt Kanzlerin Angela Merkel für ihren Mut. Er verlangt eine neue europäische Einwanderungspolitik, räumt aber ein, über keine Patentrezepte zu verfügen.

Der Literatur misst er die Aufgabe zu, «dem Chaos, der Zufälligkeit, in der wir leben, einen Sinn zu verleihen». Einer seiner Lieblingsschriftsteller ist der deutsche Dichter Jean Paul (1763–1825), dessen Fabulierlust schon Goethe mit «Tausendundeiner Nacht» verglich. Ein Epos vergleichbaren Umfangs hat Kermani mit seinem 1200-Seiten-Werk «Dein Name» (2011) geliefert. Es ist eine Mischung aus Tagebuch, Erzählung und Gesellschaftsanalyse. Kermani kann aber auch mit leichter Feder Romane schreiben wie «Grosse Liebe» (2014), in dem es um die erotischen Abenteuer eines Pubertierenden geht. Zugleich verknüpft er die Geschichte des Heranwachsenden originell mit arabisch-persischer Mystik.

In seinem jüngsten Buch «Ungläubiges Staunen» (2015) outet sich Kermani als grosser Bewunderer der Sinnlichkeit der katholischen Kirchenkunst. Evangelische Kirchentage erklärt er zum eher unerotischen Ereignis – ein Verständnis, das ihm bei evangelischen Theologen wenig Sympathien eingebracht hat.

Erfolgreiche Buchmesse

Die 67. Frankfurter Buchmesse, die gestern zu Ende ging, verzeichnete mit 275 000 Besuchern 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch geschäftlich ist die Messe laut den Veranstaltern die erfolgreichste seit Jahren gewesen.