Serie
Frankreichs Antwort auf «House of Cards»

Der Streamingdienst Netflix zeigt mit seiner ersten französischen Serie «Marseille» seine Ambitionen im europäischen Markt. Die Serie ist ein sonniger Gegenentwurf zum Pessimismus von »House of Cards».

Thomas Lüthi
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Lucas Barrès (Benoît Magimel, links) hat Robert Taro (Gérard Depardieu) viel zu verdanken, Loyalität jedoch lässt er vermissen.David Koskas/Netflix

Lucas Barrès (Benoît Magimel, links) hat Robert Taro (Gérard Depardieu) viel zu verdanken, Loyalität jedoch lässt er vermissen.David Koskas/Netflix

Mit einem Friedensangebot kreuzt Bürgermeister Robert Taro (Gerard Depardieu) in der Netflix-Serie «Marseille» bei seinem einstigen Ziehsohn und jetzigen Rivalen Lucas Barrès (Benoît Magimel) auf. Er will ihm das Amt kampflos überlassen. Barrès lehnt ab: «Wahre Macht wird nicht gewährt, sie wird ergriffen», schleudert er dem Silberrücken der Mittelmeermetropole entgegen.

In diesem dem «Godfather» entlehnten Credo lässt sich ein unternehmenspolitisches Prinzip von Netflix erkennen. Denn Chef Reed Hastings erklärt gerne medienwirksam, dass traditionelles Fernsehen verschwinden, dafür Netflix per Ende 2016 in sämtlichen Ländern der Erde verfügbar sein werde – Nigeria und Afghanistan inklusive.

Diese Expansionswut ist aber nicht mit traditionellem US-amerikanischem Kulturimperialismus verbunden. Für die erste genuin europäische Produktion setzte der Streaminggigant in Frankreich ausschliesslich auf lokale Kräfte. Netflix musste den «Froggies» aber nicht beibringen, wie Serie geht – wie ein «NZZ»-Artikel in dieser Woche fälschlicherweise suggerierte. Unser westlicher Nachbar besitzt eine vibrierend-lebendige Serienlandschaft.

Mit «Marseille» entwarf Drehbuchautor Dan Franck («Carlos») ein faszinierendes Sittenbild der Hafenstadt. Deren langjähriger «maire» Robert Taro will den Weg für seinen ehrgeizigen Vize Lucas Barrès freimachen. Als dieser Taro kurz vor der Wahl in den Rücken fällt, besinnt sich der Alte anders und tritt nochmals an. Im Laufe der acht Episoden entfaltet sich eine Welt reich an Verstrickungen zwischen Politik, Presse, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen – dieses wird in Marseille mit dem Retrobegriff «Milieu» bezeichnet.

Gegenentwurf zu «House of Cards»

Eine Besonderheit der Mittelmeermetropole lieferte Inspiration für zusätzliche Konfliktfelder: Soziale Pulverfässer wie das Quartier Felix Pyat befinden sich mitten in der Stadt, nicht an den Rändern wie in anderen Metropolen. Durch «Marseille» ziehen sich tiefe soziale Gräben, und trotzdem scheint jeder mit jedem bekannt zu sein – ein einziges grosses Dorf. Bis aufs Blut bekriegen sich die politischen Fraktionen, bloss ganz oben im übertragenen Sinne.

An der Basis fliesst bei Plakatierungsaktionen das Echte, fordert Tote. Franck etabliert in Windeseile verschiedene Handlungsstränge, vernetzt sie miteinander, wirbelt Episode für Episode Macht- und Sexualkonstellationen durcheinander. Sein Marseille ist eine gigantische Bouillabaisse, in der Haifische schwimmen und die Aioli arsenversetzt ist.

Trotzdem ist die Serie nicht schwarzmalerisch, sondern ein durchaus sonniger Gegenentwurf zum immer platteren, geschmäcklerischen Pessimismus von «House of Cards». Zwar hängt auch «Marseille» dem Zerrbild von Politik als Dreckgeschäft an, doch dieses hat die Seelen der Protagonisten noch nicht aufgefressen. Deren Zuflucht ist die Familie, die Beziehungen zu ihren Liebsten.

Der Protagonist verkörpert dieses Nebeneinander punktgenau – wie ein Panzer schiebt sich der grosse Depardieu durch sein geliebtes Marseille, versucht seine Familie dabei mit aller Kraft zusammenzuhalten. Kein Schauspieler vermittelt Sehnsucht nach menschlicher Wärme und die damit verbundene Verletzlichkeit, wenn sie ausbleibt, so intensiv und gleichzeitig kameraaffin dosiert wie er. Depardieu zeigt in «Marseille», dass er auch in der Gegenwart Europas Schauspieler Nummer 1 ist – Putin-Freundschaft und Rotweinsauferei hin oder her.

Die Serie hat auch Schwächen

«Marseille» hat auch Schwächen. So setzt der meist souveräne Regisseur Florent Siri zu häufig auf Softpornoästhetik (die Amis wollten wohl noch etwas «oh-la-la»). Und der wendungsreiche Plot fungiert auch als Blendwerk. Dieses kaschiert den Umstand, dass sich der Politaspekt in «Marseille» auf den Wahlkampf reduziert. Eigentliche Themen werden kaum abgearbeitet. Hier könnte sich «Marseille» noch das eine oder andere vom eiskalten «House of Cards» abgucken.

Umgekehrt zeigt die französische Serie, dass der Glaube an die Tauglichkeit menschlicher Beziehungen dramatische Räume öffnet und nicht schliesst. Denn die Figuren werden facettenreicher. Der zentrale Plot-Twist von «Marseille» – clever gesetzt am Schluss von Episode 4 – baut auf diese ewige dramaturgische Wahrheit. Er erklärt, warum sich Bad Guy Lucas Barrès (Magimel ist ebenfalls eine Wucht) auf einem Vernichtungsfeldzug gegen den Bürgermeister begibt. Und sorgt damit hoffentlich noch für weitere Staffeln von «Marseille».