Frauenfiguren in vielerlei Facetten

Tatjana Gürbaca ist eine der bekanntesten Frauen unter den Opernregisseuren und in Zürich besonders oft anzutreffen. Gelegenheit, mit ihr über Frauen in der Oper und in der Opernproduktion zu reden.

Rolf App
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Tatjana Gürbaca erkennt durchaus starke Frauenfiguren in der Oper. (Bild: Martina Pipprich)

Tatjana Gürbaca erkennt durchaus starke Frauenfiguren in der Oper. (Bild: Martina Pipprich)

Am Ende unseres Gesprächs zieht Tatjana Gürbaca dann diese grosse, bunte Regenjacke an, nach deren Herkunft sie im Opernhaus Zürich schon mehrfach gefragt worden ist. Und die ihr auch im Gartencenter Nachfragen beschert hat, in der Art etwa: Wo denn die Gartenerde zu finden sei. Dass man sie für eine Gärtnerin hält, überrascht nicht, weil sie eine so bodenständige Person ist. Und es schlägt einen schönen Bogen zu jener Oper, die sie gerade für die Premiere vorbereitet: Wolfgang Amadeus Mozarts «La finta giardiniera» handelt von der Marchesa Violante, die sich als Gärtnerin Sandrina (dargestellt von Rosa Feola) verkleidet, um an ihr Ziel zu kommen: die Liebe des Grafen Belfiore (Mauro Peter), den sie partout nicht vergessen kann. Und sie ist bei weitem nicht die Einzige, die eine Maske trägt.

«Mozarts Stücke haben eine tiefe Wahrheit»

Wie Mozart geschickt zwischen Komödie und Tragödie balanciert, wie er im Kleinen, Intimen das Grosse spiegelt, das fasziniert die deutsche Regisseurin. «Seine Stücke haben eine tiefe Wahrheit», sagt sie, «sie haben sehr viel mit dem Leben zu tun.». Immer wieder hat sie Mozart inszeniert, unter anderem «Cosi fan tutte» in Luzern und in Zürich die «Zauberflöte». Seit sie 2001 ihre Karriere angefangen hat, arbeitet sie oft in Zürich; sie beschreibt das Opernhaus als einen «ganz wunderbaren Ort: Es gibt hier Menschen, die hochprofessionell und mit grosser Leidenschaft arbeiten – von den Werkstätten über den Chor bis zu den Sängern. Ich erkenne eine grosse Spielfreude, auch bei den Stars wie etwa Juan Diego Florez, mit dem ich vor zwei Jahren Massenets <Werther> gemacht habe.»

Spielfreude: Das ist ein wichtiges Stichwort für Tatjana Gürbaca. Denn das Geheimnis der guten Regie liegt nicht nur darin, für ein möglicherweise schon recht altes Stück eine moderne Lesart zu finden. Sondern auch, Sängerinnen und Sänger dafür zu gewinnen. «Ich muss ihnen etwas geben, das ihre Fantasie anregt und ihre Emotionen weckt», sagt sie. «Sie brauchen klare Improvisationsanleitungen. Jeder muss wissen, wo komm ich her, wo will ich hin – auch inhaltlich.»

In die Oper, und zwar von Kindsbeinen an

Sich als Frau auf der Opernbühne durchzusetzen, das ist für Tatjana Gürbaca nie ein Problem gewesen, «vielleicht weil ich so erzogen worden bin von meinen Eltern, nicht so viel darüber nachzudenken». Die Oper hat sich in ihrem Leben schon früh einen bedeutenden Platz errungen. «Ich bin schon als Kind in die Oper gegangen, zum Teil mit meinen Eltern, zum Teil mit einem Kindergartenfreund, der auch Opernregisseur geworden ist», erzählt sie. Sie hat Klavier gespielt, dann Cello, dann Kontrabass, hat getanzt und wollte Tänzerin werden, «wofür ich aber zu gross war». Der Musiklehrer am Gymnasium hat sie bei der Statisterie untergebracht und ihre Absenzen bei seinen Kollegen damit entschuldigt, dass sie «einmal Opernregisseurin wird. Da wusste ich noch nicht einmal, was das ist.»

Vollends abgezeichnet hat sich der Weg, als sie es schaffte, kurz nach der Wende in Ostberlin an der Hochschule «Hanns Eisler» unterzukommen. Assistenzen schlossen sich an, eine erste Regie in Graz gleich mit Puccinis mächtiger «Turandot». Da festigte sich auch ihre Liebe zum späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, zu Verdi, Wagner, Richard Strauss. Gern unterläuft sie in ihrer Regie da auch ein – vordergründig – problematisches Frauenbild, gegen das die Schriftstellerin Sibylle Berg im Magazin des Opernhauses schon lustvoll polemisiert hat unter dem Titel «Schluss mit dem Wahnsinn»: «Frauen lieben, opfern sich auf, sind vernunftunbegabte Wesen. Ihr Wahnsinn ist das Höchste an Ekstase, das ihre Schöpfer, männlich, ihnen zugestehen.» So einseitig mag Tatjana Gürbaca die Dinge nicht sehen, auch wenn sie wahrnimmt, dass gerade in Opern des 19. Jahrhunderts Frauen das Feld beherrschen, die, zur Passivität verdammt, Konflikte in ihrem Innern austragen müssen. Aus drei Gründen: «Je genauer man auf die Figuren schaut, umso stärker muss man ihnen auch zugestehen, dass sie facettenreiche, dreidimensionale Charaktere sind. Und desto mehr wird man in ihnen entdecken – jenseits des Textes, den sie singen.» Zweitens: «Es gibt durchaus starke Persönlichkeiten. Denken Sie an die Wagner’schen Frauenfiguren. Oder auch an Verdis Tosca.» Den Wahnsinn schliesslich, der auch in «La finta giardiniera» eine Szene beherrscht, sieht sie als Fluchtmöglichkeit und Gegenwelt.

«Die Oper darf nicht zum Museum werden»

In einem allerdings stimmt Tatjana Gürbaca Sibylle Berg bei: In der Forderung, immer wieder moderne Opern aufzuführen. «Ich mag neue Musik. Die Oper darf nicht zum Museum werden.» So ist es kein Zufall, dass wenige Wochen vor «La finta Giardiniera» Györgi Ligetis 1978 uraufgeführte Oper «Le Grand Macabre» am Opernhaus Zürich Premiere gefeiert hat. Regie: Tatjana Gürbaca. Und, als Einspringerin für eine der zentralen weiblichen Rollen: auch Tatjana Gürbaca. Während eine eilends eingeflogene Sängerin die Partie sang, spielte Tatjana Gürbaca. Mit grosser Spielfreude. Wie sonst?

La finta giardiniera, am Sonntag ist Premiere, Opernhaus Zürich