Ein Kunstanlass an der Baselstrasse 74: Freie Sicht aufs Meer

Das Kunstmagazin von Stephan Wittmer feiert seine 100. Ausgabe. Und über 100 Künstler feiern mit.

Susanne Holz
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Im Raum für Kunst B74 an der Baselstrasse: 100 Künstler für ein Magazin – jenes von Stephan Wittmer.

Im Raum für Kunst B74 an der Baselstrasse: 100 Künstler für ein Magazin – jenes von Stephan Wittmer.

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 12. März 2020)

Ein Kunstmagazin als eine Art Galerie. Es lebe das Printmedium, nach wie vor! Seit sieben Jahren gibt Künstler und Hochschulprofessor Stephan Wittmer das Kunstmagazin «_957 Independent Art Magazine» heraus. Dieses Magazin ist eine bildgewaltige Sache: Es feiert das Visuelle und je nachdem den einzelnen Künstler, ein Thema, ein Ereignis. 2012 gegründet, steht Wittmers Magazin seither für die Idee, mit Bildern das Denken zu weiten.

Gedruckt wird es monatlich in einer Auflage von 250 Exemplaren. Es ist gesamtschweizerisch im Abonnement erhältlich und feiert nun seine 100. Ausgabe. Und das so richtig! Herausgeber Wittmer hat für die 100. Nummer 250 Rohlinge produziert und diese an Künstler verteilt, mit internationaler Beteiligung. Für die Rohlinge hat er Fotos von Meer, Wellen und Sturm recycelt – die magische Klammer für jedes einzelne von einem Künstler gestaltete Jubiläumsmagazin ist in einem weiteren Sinn Herman Melvilles «Moby Dick».

"Es geht um Selbstbehauptung und Verweigerung genauso wie um Kommunikation."

Stephan Wittmer erklärt seine Idee so: «Über 100 Künstler und Künstlerinnen greifen analog ins gleiche Rohmaterial ein. Dieses besteht aus einem stürmischen Meer, das sich über mehrere Magazinseiten erstreckt. Das Meer als Raum für faszinierende Artenvielfalt – neben Mikroplastik, Flüchtlingsbooten, Kreuzfahrtschiffen, etc.»

Und: In «Moby Dick» erzähle Herman Melville die Geschichte des weissen Wals, der vom hasserfüllten Kapitän gejagt wird. Für Wittmer – den Künstler, Kurator, Professor an der Hochschule Luzern (Studiengang Kunst & Vermittlung) und Betreiber der Kunstbrache Museum1 in Adligenswil – hat «Moby Dick» mit Widerstand und Gerechtigkeit zu tun. Mit Selbstbehauptung und Verweigerung genauso wie mit Kommunikation: Das klingt nach einem guten Rezept für freies Denken.

Worte, Stickereien und der Duft nach Amber

Frei gedacht mit einem Meer von Magazinen: Ab heute Abend und das ganze Wochenende über kann man sich die individuell gestalteten Magazine anschauen, im Raum für Kunst B74 an der Baselstrasse 74. Was mehr Anlass als Ausstellung ist, ist nach dem Kapitel «Town-Ho» in Melvilles Roman benannt: «Wal in Sicht!» 100 Originalmagazine, 100 Sichtweisen, ein Jubiläumsfest an der Baselstrasse: «_957 Independent Art Magazine #100 Town-Ho».

«Wie bringt man eine Sicht zum Einstürzen?», fragt etwa Künstler Markus Bürgi in seinem Magazin. Vielleicht «in einer Nacht, zärtlich aufs Auge gedrückt»? Bei Bürgi sind Worte die Protagonisten, bei anderen Künstlern sind es mit Nadel und Faden aufgebrachte Stickereien, der Duft nach Amber oder Mineralwasser-Etiketten. Es gibt ein tiefgefrorenes Magazin und eines mit einem Bewegungsmelder (Simon Kindle). Und es gibt ein eingeschweisstes Magazin, das sich verweigert. Das Meer ist frei.

Hinweis

Ausstellung und Jubiläumsfest im Raum für Kunst B74 an der Baselstrasse 74 in Luzern: «_957 Independent Art Magazine #100 Town-Ho». Heute ab 18 Uhr, Samstag und Sonntag, 14. und 15. März, von 12 bis 17 Uhr.