FREILICHTTHEATER: Bedrohliches bricht in die Idylle ein

Volker Hesse inszeniert auf Tribschen Beat Portmanns für den Ort geschriebenes Stück «Wetterleuchten»: Grosse Gefühle und Bilder vor mächtiger Kulisse.

Urs Bugmann
Drucken
Teilen
Die Rückkehrer aus Söldnerdiensten bringen Dunkles ins Dorf: Szene aus «Wetterleuchten». (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Die Rückkehrer aus Söldnerdiensten bringen Dunkles ins Dorf: Szene aus «Wetterleuchten». (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Über die kleine Sandbucht sind Wäscheseile gespannt, gestützt von hohen Holzstangen, behängt mit grossen weissen Leintüchern. Frauen und Mädchen hängen die Wäsche ab, falten sie zusammen, scherzen und necken sich. Zwei geraten in handgreiflichen Streit, zerren sich an den Haaren, wälzen sich im Kampf. Die Idylle ist umgeschlagen, was im Untergrund an grossen Gefühlen brodelte, bricht auf, macht sich Luft in roher Gewalt. Es ist die Grundbewegung, die sich in diesem Stück, das der Emmenbrücker Autor Beat Portmann eigens für diesen Ort an der Tribschennase bei Luzern geschrieben hat, wiederholen wird.

Die folgenden 17 Bilder stammen von der Hauptprobe. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)
46 Bilder
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Manuela Jans / Neue LZ
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Keystone / Alexandra Wey
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Probearbeiten Mitte Mai (Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern)
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
Bild: PD / Georg Anderhub, Luzern
In diesem Jahr wird zum ersten Mal auf einer Seebühne gespielt! (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Der Verein Luzerner Freilichtspiele folgt auch im Sommer 2013 seiner Tradition, auf Tribschen Theater unter freiem Himmel zu zeigen. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Gespielt wird auf einer einzigartigen Schräge, die direkt in den See reicht. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Das Wasser, die Bäume und der Himmel werden so zu einem Teil der Freiluftaufführung. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Von der halbrunden Tribüne, die weit ins Wasser hinausragt... (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
...bietet sich ein atemberaubender Panoramablick auf den Vierwaldstättersee. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Die ungedeckte Tribüne wird 495 Sitzplätze fassen. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Das Budget beläuft sich auf 800'000 Franken. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Premiere wird am 11. Juni sein. Insgesamt sind bis am 17. Juli 21 Aufführungen geplant. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
In der reizstarken Umgebung des Tribschener Parks entwickelt Volker Hesse eine Inszenierung, deren Erzählweise stark von der sinnlichen Realität des Ortes ausgeht. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Mit einigen Profischauspielern und über vierzig Laiendarstellern schafft er ein Freilichtspiel, das sensibilisieren möchte: für den Reichtum der Uferlandschaft sowie die immer noch aufwühlenden Geschichtserfahrungen, die an diesem Ort verankert sind. (Bild: Stephan Mannteuffel / Verein Luzerner Freilichtspiele)
Volker Hesse (links) und Beat Portmann bei der Vorstellung des neuen Freilichtspiels. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die folgenden 17 Bilder stammen von der Hauptprobe. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Eine brüchige Idylle

Schuftende Frauen, die von der herrischen Mutter angetrieben werden, ein kauziger Junge, der die Normalität aufmischt, eine frömmelnde Alte, die vor der Muttergottes kniet, Männer, die um ihre Arbeit fürchten und die Not beklagen: Im Fischerdorf am See gibt die Landschaft eine schöne heile Welt vor, die die Menschen so nicht erleben. «Ich hatte rasch den Traum, in diese Postkartenschönheit etwas hineinzubringen, was mit der Idylle nicht identisch ist», sagt Regisseur Volker Hesse über seine Inszenierung.

Eng aneinandergerückt sitzen die ­Zuschauer auf der steil ansteigenden Tribüne, im Blick den offenen See, die Berge dahinter. Ein Nauen mit aufgebautem Haus gleitet heran, bringt die Männer zurück von Fischfang und Markt. Sie bringen Stoffe und Möbel, ziehen im Umzug vorn an der Ufermauer entlang. Eine Hochzeit steht bevor: Niklaus wird Sophia heiraten, das bleiche, schüchterne Mädchen. Verängstigt fügt sie sich ins Schicksal.

Im offenen Schiff rudern Soldaten heran: Paul, einzig übrig gebliebener Sohn der frömmelnden Marie, kehrt mit Franz und Jack, der kein Wort spricht, aus dem Söldnerkrieg zurück. Mit Urlauten singt Jack in sphärischen Höhen, wo das Magische haust.

Krieg und Gewalt haben die Soldaten zerstört, im Dorf finden sie sich nicht mehr zurecht. Es ist ihnen zu eng, der Schnaps ausgetrunken, und die schöne kecke Anna wirft Triebe und Gefühle durcheinander.

Franz will aus dem Leben, Niklaus holt ihn zurück, beide vergreifen sich an Anna unter den entsetzten Augen der Dorfbewohner, Fackeln erhellen die Nacht. Auf dem See taucht wieder der Nauen mit dem Haus auf. Oben auf seinem Dach ein Nachbild der von Paul und Franz geschändeten Dorfmadonna. Im brennenden Ring steht sie über dem weissen, mit Blut besudelten Altar auf dem Schiff, mit blutigen Köpfen sind Schafe auf dem Schiff zu erkennen.

Es ist ein gespenstisches Bild voller überirdischer Schönheit. Eine Film­szene, beinahe kitschig, wirkt sie wie aufgesetzt in diesem Spiel, das vorn am Seeufer eher derb vonstatten geht. «Die Zuschauer sollen lustvoll abgeholt, aber auch durchgeschüttelt werden», sagt Volker Hesse.

Es ist ein packendes Spiel, das die Landschaft einbezieht, die Laute der blökenden Schafe, die nach ihrem Auftritt auf der Bühne wieder hinten auf der Wiese weiden. Das aufgeregte Geschnatter der Wasservögel, der Warnruf eines Blesshuhns, die Lichter und ­Motorgeräusche vorüberfahrender Schiffe setzen Akzente, pointieren mit Kontrasten.

Wie aus einer anderen Welt

Stephan Mannteuffel, der die Bühne gebaut und die Kostüme entworfen hat, zeichnet eine unbestimmte Vergangenheit nach, wie sie alte Fotografien aus der Kriegs- und Vorkriegszeit überliefern. Die Sprache ist zeitlos, direkt und grob bei den Soldaten. Der Pfarrer spricht in den Floskeln aus Bibel und Predigt. Das ergibt ein vielfarbiges Spektakel, Tanz- und Fasnachtsmusiken fahren hinein. Als kauziger Toni bewegt sich Laia Sanmartin Guirado wendig wie ein Tier. Er singt wie auch Enio Mendes junior als Jack jenseits aller Worte hinreissend und wie aus einer andern Welt. Zwar wird die verborgene Geschichte von vergangenem schuldhaftem Vergehen, das ins Jetzt eindrängt, nicht vollends deutlich – umso ergreifender sind die grossen Gefühle, mit denen hier gespielt wird. Auch das Eintauchen in den See lässt sie nicht erkalten.

Hinweis

Seebühne beim Richard-Wagner-Museum, Tribschen, Luzern. Weitere Aufführungen bis 17. Juli. www.freilichtspiele-luzern.ch Vorverkauf: Tel. 0848 000 410 (Mo–Fr 8–11 Uhr), LZ Corner Luzern, Stans, Altdorf und Sarnen.

Wir verlosen 2-mal 2 Tickets für die Aufführung von «Wetterleuchten» am Mittwoch, 19. Juni, 21 Uhr. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.– pro Anruf/Festnetztarif), oder nehmen Sie teil auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe

«Wetterleuchten»: Weitere Bilder zur Inszenierung auf www.luzernerzeitung.ch/bilder