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Werner Herzog – freundlicher Filmer der Extreme

Werner Herzog ist am Filmfestival Visions du Réel in Nyon Stargast. Mit Klaus Kinski, Bruno Ganz, Nicolas Cage und Nicole Kidman drehte er legendäre Filmklassiker. Wir trafen den Regisseur in Nyon.
Geri Krebs

Kinogigant, Legende, cinéaste sacré – der 1942 in München geborene Regisseur wird am Festival am Genfersee mit Superlativen empfangen. Mit einer Retrospektive geehrt, erhielt er am Dienstag den Preis «Maître du Réel» für sein Lebenswerk, gestern leitete er eine öffentliche «Masterclass». Man kennt Werner Herzog als Regisseur starbesetzter Spielfilme, die Filmgeschichte schrieben – allen voran «Fitzcarraldo», «Aguirre, der Zorn Gottes» oder «Cobra verde» mit Klaus Kinski, dann aber auch «Nosferatu» mit Bruno Ganz – und Klaus Kinski, «Bad Lieutenant» mit Nicolas Cage oder zuletzt «Queen of the Desert» mit Nicole Kidman.

Weniger bekannt dagegen ist Werner Herzog als Regisseur von Dokumentarfilmen. Doch nicht wenige davon sind mindestens so spektakulär wie seine Spielfilme – aber seine Dokumentarfilme kamen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bei uns nicht ins Kino. Insgesamt hat Werner Herzog seit den frühen 1960er-Jahren über 70 Filme realisiert, 14 davon – 12 Dokumentarfilme und 2 Spielfilme – zeigt das Festival von Nyon, das dieses Jahr seine 50. Ausgabe feiert und noch bis Samstag dauert.

Vom surrealen Bombenkrieg zur Dschungelflucht

Aufgewachsen ist Werner Herzog in einem kleinen Dorf im verstecktesten Winkel der bayrischen Alpen. Seine Eltern waren mit ihm hierher gelangt auf der Flucht vor den Bombenangriffen, die München in Schutt und Asche legten. «Die surreale Landschaft der zerbombten Grossstadt hinterliess bei mir einen unauslöschlichen Eindruck», sagt er. Noch stärker blieb ihm allerdings der herrschende Hunger in Erinnerung. Zwar sei es auf dem Land nicht ganz so schlimm gewesen wie in den Grossstädten:

«Dort haben Menschen in den Ruinen die Tapeten von Zimmerwänden gekratzt, sie dann ausgekocht und gegessen, weil der Tapetenleim Nährstoffe enthielt.»

Diese schockierende Episode erzählt Werner Herzog auch in «Little Dieter Needs to Fly» aus dem Jahr 1997, «er gehört zu den Besten in meiner Filmografie», sagt er. Darin erzählt er vom Deutschen Dieter Dengler, der in den 1960er-Jahren bei der US-Luftwaffe diente, im Vietnamkrieg abgeschossen und als Gefangener Misshandlungen und Folter ausgesetzt war – bis er fliehen und sich durch den Dschungel nach Thailand absetzen konnte.

Es ist eine Abenteuergeschichte, in welcher sich die Träume, das Fliegen, die Faszination für den Dschungel, der Blick in extremste menschliche Abgründe und existenzielle Grenzerfahrungen verbinden: Themen, die in Herzogs Werk immer wieder auftauchen. Genüsslich erzählt Herzog, wie ein Chef einer US-Fernsehkette während der Visionierung bat, auf die Toilette gehen zu können, um sich zu erbrechen. Herzog sagt:

«Für die zarten Nerven des Fernsehmenschen war das offenbar zu viel gewesen.»

Dabei ist er keiner, dem es um die Lust am Schockieren geht, aber er ist einer, der in die menschlichen Abgründe blicken möchte.

Bis zum zwölften Lebensjahr nicht gewusst, was Kino ist

Waren es die Erfahrungen in den Nachkriegsjahren, die ihn dazu brachten, sich später in vielen Filmen Menschen in den unglaublichsten Extremsituationen zu widmen? Man denkt dabei etwa die Indios, die in seinem berühmtesten Film, «Fitzcarraldo», den Amazonasdampfer über einen Berg im Urwald schleppen. Oder an den «Grizzly Man» (2005), einen Dokumentarfilm über einen amerikanischen Abenteurer, der in Alaska jahrelang unter Bären lebte – überzeugt, dass die hochgefährlichen Tiere ihn als Artgenossen akzeptiert hatten. Oder an die Flugpassagierin Juliane Koepke in «Wings of Hope» (1999), die 1971 mit 17 Jahren als Einzige einen Flugzeugabsturz in Peru überlebt und es dann in einem zehntägigen Marsch durch die Wildnis des Amazonas-Urwalds bis zur nächsten menschlichen Siedlung geschafft hatte.

Herzog winkt ab:

«So extrem sind erstens die Protagonisten und Themen meiner meisten Filme ja nicht. Aber klar prägen frühkindliche Erfahrungen jeden Menschen, und die Hungerjahre waren einschneidend.»

Mehr noch als diese habe ihn die Tatsache geprägt, dass er bis zu seinem zwölften Altersjahr nicht gewusst habe, was Kino war, dass es so was überhaupt gibt. «Eines Tages kam ein mobiles Kino in das Dorf. In einem Saal der Schule wurde ein Projektor aufgestellt, man führte irgendwelche 16-mm-Filme vor», erzählt er. «Was das für Filme waren, weiss ich nicht mehr. Aber die Technik dieses Wunderapparats hat mich fasziniert.»

Einen der ersten Filme, an den er sich aber erinnern könne, sei «Kinder, Mütter und ein General» gewesen – ein deutscher Antikriegsfilm aus dem Jahr 1955. Ein gewisser Klaus Kinski spielte darin in einer Nebenrolle einen Leutnant der deutschen Wehrmacht. «Von jenem Moment an war ich elektrisiert von der Präsenz dieses Schauspielers», sagt Werner Herzog. Die weitere Geschichte Herzogs mit Kinski ab den frühen 1970ern ist bekannt, Herzog reagiert eher unwirsch auf die Frage, ob er heute, ein Vierteljahrhundert nach Kinskis Tod, ihn manchmal noch vermisse: «Nein, überhaupt nicht, wieso auch? Ich habe einfach fünf Filme mit ihm gedreht, aber das ist lange her.»

Filmische Liebeserklärung an Michail Gorbatschow

Viel Raum nimmt in Nyon Herzogs neuester Film ein, der 2018 entstandene Dokumentarfilm «Meeting Gorbachev». Aufgegleist vom britischen Anthropologen und Dokumentarfilmer André Singer, erhielt Herzog von diesem die Anfrage, ob er die Interviews mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten führen könne. Herzog war sofort begeistert – Gorbatschow zunächst weniger.

Als Singer den 87-Jährigen informierte, dass das Gespräch nicht von einem «journalist», sondern von einem «poet» geführt werde, zeigte sich Gorbatschow dann sehr interessiert. Umso mehr, als sich herausstellte, dass er sogar einige Filme von diesem «poet» kannte. Herausgekommen ist ein schwärmerisches Porträt – nach Herzogs eigenen Worten «eine Liebeserklärung an eine Jahrhundertfigur, ein Film, der einen tief in die russische Seele blicken lässt».

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