Frida Kahlo
Die hippste Augenbraue der Welt wird in Zürich gefeiert – was sich hinter dem Hype verbirgt

Frida Kahlo ist Ikone, Vorbild und weltbekannte Künstlerin. Ein Bildband und eine Ausstellung in Zürich feiern aktuell ihr Werk. Würde der glühenden Kommunistin dieser Rummel um ihre Person gefallen?

Anna Raymann
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Frida Kahlo hat ein unverwechselbares Gesicht. Obwohl es nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, macht es die Künstlerin weltbekannt.

Frida Kahlo hat ein unverwechselbares Gesicht. Obwohl es nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, macht es die Künstlerin weltbekannt.

Bild: Alamy

Eine Augenbraue. Mehr ist es nicht, was aus Frida Kahlo ein Symbol macht. Darüber die dunklen Haare, streng geflochten, darin Blumen. Darunter ein ernster Blick und rote Lippen – nicht wie bei Marilyn Monroe als Kussmund und nur selten lächelnd. So wurde Frida Kahlo schon von ihrem Vater, später etwa von Nickolas Muray für das Modemagazin «Vogue» fotografiert, so malte sie sich: Kahlo, die Künstlerin; Kahlo, die Ikone; Kahlo, das Vorbild.

Das eingängige Porträt ist längst Vorlage für einen schier endlosen Fundus an Geschenkartikeln. Frida gibt es auf Tassen, Socken und Duschvorhängen, es gibt Frida-Kochbücher und Frida-Ratgeber. Gelegentlich greift ein Hersteller im Frida-Rausch daneben und erzürnt mit aufgehellter Haut oder gar – o weh! – gezupften Brauen die Fans der Künstlerin. Andere setzen ihre Kritik früher an. Vom Rausverkauf der Kunst ist die Rede und vom Missverständnis über die ganz besondere Künstlerin – die Künstlerin, die (angeblich) mit Leo Trotzki geschlafen und die Josef Stalin gemalt hat. Würde sich Frida Kahlo, deren Sarg nach ihrem frühen Tod in die Flagge der kommunistischen Partei Mexikos gehüllt war, ob der Kommerzialisierung ihres Werks nicht im Grab umdrehen?

Frida Kahlo ist die ungebrochene Heldin des Schmerzes

Frida Kahlo wurde 1907, sie selbst behauptete mit Verweis auf den Beginn der Mexikanischen Revolution 1910, gut situiert in Mexico City geboren. Ihr Vater, Carl Wilhelm Kahlo, war ein emigrierter Fotograf aus Pforzheim und ihr erster Lehrmeister. Früh begann er das Kind zu fördern. Kaum zu bändigen sei es gewesen, erzählen die Biografen im heutigen Kahlo-Museum in Mexico City, trotz einer Erkrankung an Kinderlähmung, von der ein verkürztes Bein zurückblieb. 1925, bei einem furchtbaren Busunfall, durchbohrte eine Metallstange Frida Kahlos Unterleib, verletzte Organe und Knochen. Wie durch ein Wunder überlebte sie, ein Gips und ein Metallkorsett würden ihr fortan die Bewegungsfreiheit nehmen. Späte soll sie dazu gesagt haben:

«Wer braucht Füsse? Ich habe Flügel.»

So leicht, wie das Zitat anklingt, nahm die Künstlerin ihr Schicksal nicht. Ihr vielfaches Leiden drückte sie auf der Leinwand aus. Sie malte ihre Wunden, ihre Narben und ihre Fehlgeburten, als eine der Ersten in der Kunst. In den satten Farben, neben bunten Papageien und Äffchen hallt dies albtraumhaft nach. In Mexiko gab man ihr daher den Übernamen «la heroína del dolor», die Heldin des Schmerzes. Ihre Werke werden zum Surrealismus gezählt, sie selbst widersprach: «Sie dachten, ich sei eine Surrealistin, aber das war ich nicht, ich malte nie meine Träume. Ich malte meine eigene Realität.» Zu ihrer letzten Ausstellung 1953 in Mexiko wurde sie im Krankenbett geschoben. Ein Jahr später verstarb sie.

Kleine Affären und die grosse Liebe

Diese Kraft imponierte schon den Feministinnen der ersten Welle. Eigensinnig und mutig, ist die Künstlerin dankbares Vorbild. Seit ihrem Tod flammt das, was man heute «Fridamania» nennt, immer wieder neu auf. Spätestens seit 2002 (ausgerechnet) Harvey Weinstein Kahlos Leben mit «Frida» verfilmte, ist der Hype ungebrochen.

Frida Kahlo hat eine unge­wöhn­liche, fesselnde Schönheit. Sie strahlt Sinnlichkeit aus, das nicht nur in ihren Bildern. Nach ihrem Unfall hatte Kahlo einige kurze Liebschaften, heiratete 1929 aber den bereits weltbekannten und deutlich älteren Wandmaler Diego Rivera. In vielem war das Paar eins – in einer Wandmalerei, das Rivera für das Rockefeller Center malte, versteckte er ein Bildnis Lenins – und doch war es eine komplizierte Beziehung. Er ging mehrmals fremd – sie auch. Sie liessen sich scheiden – und heirateten erneut. Fortan führten sie eine offene Ehe, die Affären erlaubte, wobei sich Kahlo nicht nur mit Männern be- und vergnügte.

Kommunistisch und trotzdem politisch korrekt

Frida Kahlo hat alles, was heute unter dem Kampfbegriff «Identitätspolitik» hochgehalten wird: Sie ist Latina, bisexuell, behindert und eine Frau. Damit hat sie Erfolg in einer Zeit, in der jeder dieser Aspekte Grund genug gewesen wäre, ihr den Weg ins Museum zu versperren. Sarkastisch nannte sie das Magazin «Vanity Fair» eine «politisch korrekte Heldin für jede Minderheit». Heute, wo man Minderheiten bereitwilliger zuhört, sind es Gründe, die den Trend um sie befeuern.

Kahlo, die erste «Selfie-Queen», schreiben Medien heute gern. Für ihre bewusste Selbstinszenierung sprechen jedoch weniger die Selbstporträts als vielmehr ihre Auftritte. Stets kam sie sorgfältig zurechtgemacht. Fundstücke aus ihrem Schminkkoffer lassen vermuten, dass sie ihre Augenbrauen nicht nur nicht zupfte, sondern sogar mit Haarwuchsmittel und Brauenstift verstärk­te. So einfach ist es mit der missverstandenen Künstlerin also nicht. Frida Kahlo ist eine Kunstfigur mit faszinierenden Widersprüchen. Die Augenbraue ist ihr Markenzeichen, und das nicht erst, seit ihr Gesicht Motiv für lustige Fanartikel ist.

Viva Frieda Kahlo Immersive Experience, bis 2.1.2022 Maag-Halle, Zürich
Frida Kahlo. Sämtliche Gemälde. Bildband. Taschen. 624 Seiten.

Frida im Kinderzimmer

Umstritten: Frida Kahlo als Barbie-Puppe

Umstritten: Frida Kahlo als Barbie-Puppe

Bild: Mattel

Der Spielzeughersteller Mattel machte Kahlo 2018 zur Barbie – ohne Monobraue. Die Familie klagte erfolgreich dagegen an, die Frida-Barbie wurde vom Markt genommen.

Basteln mit Frida

Mit dieser Schlafmaske wird man zur schlafenden Frida.

Mit dieser Schlafmaske wird man zur schlafenden Frida.

Bild: zvg

Im Internet verkaufen Kreative allerhand unlizenzierte Fanartikel. Dabei fällt ihnen so mancher Gag ein, etwa eine Schlafmaske, die von Frida träumen lässt.

Schmückende Frida

Thersa Mays Armband aus Kahlos Werken.

Thersa Mays Armband aus Kahlos Werken.

Bild: Agency / Anadolu

Fast so auffällig wie Kahlos eigener Blumenschmuck: Was wollte wohl die – konservative – ehemalige britische Premierministerin mit diesem Armband aus Kahlo-Werken sagen

Frida in der Tasse

Frida K. schmeckt nach Apfelminze, Frauenmantel und rosa Kornblumen.

Frida K. schmeckt nach Apfelminze, Frauenmantel und rosa Kornblumen.

Bild: zvg

Auch die Kulinarik ist auf den Frida-Geschmack gekommen. Es gibt Wein, natürlich, traditionell mexikanisch, Tequila und sogar einen Schweizer Bio-Kräutertee.

Frida zum Aufpinseln

Fast zu hübsch: Frida-Kahlo-Maekup von Ulta Beauty

Fast zu hübsch: Frida-Kahlo-Maekup von Ulta Beauty

Bild: Instagram

Die Schminkpalette mit Photoshop-Frida von Ulta Beauty kam bei den Fans gar nicht gut an. Die Künstlerin selbst pinselte sich übrigens das Rouge von Revlon auf die Wangen.

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