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Für diesen Filmkommissar sind Mörder auch nur Menschen

Der Kinofilm «Roubaix, une lumière» zeichnet einen wahren Kriminalfall in Frankreich nach – und bekundet Mitleid mit den Täterinnen.
Lory Roebuck
Daoud (Roschdy Zem, rechts) verdächtigt Claude (Léa Seydoux). (Bild: Xenix)

Daoud (Roschdy Zem, rechts) verdächtigt Claude (Léa Seydoux). (Bild: Xenix)

Arnaud Desplechin ist kein Richter, sondern Filmemacher. Deshalb kann der 58-jährige Franzose auch Sätze wie den folgenden äussern, ohne Bestürzung auszulösen: «Ich habe mich nicht mit dem Opfer, sondern mit den Tätern identifiziert; ich hatte Mitleid mit ihnen.»

Desplechin spricht über einen Mordfall, der sich in seiner Heimatstadt Roubaix an der französisch-belgischen Grenze ereignet hat: Zwei drogenabhängige Frauen waren in die Wohnung ihrer hochbetagten Nachbarin eingebrochen und hatten diese ermordet.

Der Fall wurde 2008 zum Gegenstand einer Dokumentation im französischen Fernsehen. «Die Bilder darin haben mich jahrelang verfolgt», sagt Desplechin, der den Fall nun zum Stoff seines neuen Kino-Spielfilms gemacht hat: «Roubaix, une lumière».

Der Krimi wirkt wie eine radikale Abkehr von Desplechins bisherigem Schaffen. Seine Spezialität sind eigentlich poetisch-märchenhafte Familiendramen. Filme wie «Un conte de Noël» (2008) mit Catherine Deneuve, der ebenfalls in Roubaix abgedreht worden war.

Ein Kommissar im Dienst der Empathie

Doch nun habe er Frankreichs einstige Textilhauptstadt von ihrer «anderen, heruntergekommen Seite zeigen» wollen, erzählt Desplechin. «Roubaix ist eine Stadt, die stark von algerischen Einwanderern geprägt ist, doch mir fehlte bislang die Reife, eine Geschichte über diese Menschen zu erzählen.»

Peinlich sei ihm immer gewesen, dass er kein Wort Arabisch sprechen kann – im Gegensatz etwa zu seinem Bruder, der das inzwischen fliessend beherrscht.

Diese vermeintliche Verfehlung hat Desplechin nun augenscheinlich überkompensiert. Sein Filmheld in «Roubaix, une lumière» ist Daoud (Darsteller Roschdy Zem sieht Barack Obama zum Verwechseln ähnlich), ein Kommissar mit algerischen Wurzeln, der die Ermittlungen gegen die beiden drogenabhängigen Frauen (Léa Seydoux und Sara Forestier) leitet.

Der Trailer zu «Roubaix, une lumière»:

Doch Daoud ist weniger eine ausgereifte Filmfigur als vielmehr ein Leinwandsurrogat von Regisseur Desplechin selbst. Der Kommissar masst sich kein moralisches Urteil an und begegnet jedem noch so schrecklichen Verbrechen mit unendlich viel Weisheit und noch mehr Vergebungswillen.

«Diese beiden Frauen haben eine unmenschliche Tat begangen», sagt Desplechin, «und es liegt an Daoud, ihre Menschlichkeit wiederzuentdecken».

Über Schuld oder Unschuld richtet alleine das Gesetz

Sprich: Daoud betrachtet sie nicht als Mörder, sondern primär als Menschen, denn über Schuld oder Unschuld hat in seinen (und Desplechins) Augen alleine das Gesetz zu richten.

Frustrierend ist, dass Desplechin diese spannende Dynamik immer wieder aus den Augen verliert. So lässt er Daoud auch vielen anderen Fällen nachgehen – von denen wir dann im weiteren Filmverlauf nichts mehr hören.

Und spätestens als der Film dann doch wieder bei den beiden Frauen ankommt, und diese ihre kaltblütige Tat für den Kommissar Schritt für Schritt nachstellen, tun wir uns auch schwer damit, die von Desplechin propagierte Mitleid nachzuempfinden.

Roubaix, une lumière (F 2019) 119 Min. Regie: Arnaud Desplechin. Ab 17.10. im Kino.

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