«Für immer niemer» – Mimiks ist auf seinem vierten Album berechenbar geworden

Auf seinem neuen Album resümiert der Luzerner Rapper gekonnt die Geschehnisse der letzten Jahre. Die Form überrascht jedoch kaum.

Adrian Schräder
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Es gibt Sätze, die erlauben kein «Aber». Zum Beispiel: «Angel Egli gehört zu den besten Rappern der Schweiz.» Wie der Mann aus Luzern in der Manier eines Atlas seine Heimatstadt und den Mundartrap geschultert und vorwärtsgebracht hat, wird dereinst in die Hip-Hop-Geschichtsbücher eingehen.

Zwischen 2012 und 2014 redete die Hip-Hop-Schweiz praktisch ausschliesslich von dem Mann mit dem Künstlernamen Mimiks. Er war damals ein gewichtiger Teil jenes Weckrufs, der die Szene aufrüttelte. Aus jeder Zeile sprach der Hunger, sprach die Dringlichkeit – egal, ob er jetzt übers Partymachen, die widrigen Familienumstände oder seine inneren Dämonen rappte. Immer klang es so, als ob es zu dem, was er da in der Aufnahmekabine macht, gar keine Alternative gäbe.

Sendepause vorbei, der Silberrückenrapper ist wieder da: Angel Egli alias Mimiks bringt sein viertes Album raus.

Sendepause vorbei, der Silberrückenrapper ist wieder da: Angel Egli alias Mimiks bringt sein viertes Album raus.

Bild: PD

Ideal gewählter Zeitpunkt

Aufgescheucht durch das frei im Netz erhältliche Mixtape «Jong & Hässig» (2012) sowie sein offizielles Debütalbum «VodkaZombieRambogang» (2014), formierte sich eine neue Rapgeneration. Und gleichzeitig wurde die alte geweckt. «VodkaZombieRambogang» stieg als erstes Mundartrap­album auf dem vordersten Platz der Albumcharts ein. Mundart­rap prosperierte. Der junge Angel Egli hatte den Rap-Olymp erklommen. Doch was heisst das überhaupt in der Schweiz? Welche Opfer muss man dafür bringen? Und lohnt es sich überhaupt, danach zu streben?

Darüber macht sich Egli, mittlerweile 28, auf seinem am Freitag erscheinenden vierten Album «Für immer niemer» Gedanken. Die dazugehörige Kampagne startete bereits im Sommer 2019. Mit einem fast achtminütigen Rap-Statement wies er die Schweiz nachdrücklich darauf hin: Die Sendepause ist vorbei.

Das vorab veröffentlichte Titelstück beinhaltet nicht weniger als ein Resümee seiner bisherigen Karriere und seines bisherigen Lebens. Der Zeitpunkt war ideal gewählt: Neue Plattenfirma, neuer Wohnort, neue Lebensumstände, neue Konkurrenz, altbekannter Hunger.

Mimiks berichtet von Niederlagen wie der nicht bestandenen Lehrabschlussprüfung als Koch oder der gescheiterten Beziehung mit dem Luzerner Fitnessmodell Anja Zeidler, die ihn auf die roten Teppiche und in die Klatschspalten führte («Ey ond denn esch diä Beziehig cho, nomal neue Level gsi./ Plötzlich öppis wo’n ech sicher ned ha welle si.»). Er berichtet aber vor allem auch davon, wie sich dieser Rapolymp eben anfühlt – und dass man in der Schweiz trotz des grossen Erfolgs eben nicht zu Reichtum oder Wohlstand gelangt und sich deshalb immer weiter fragen muss, was man denn nun mit seinem Leben anfangen soll («Irgendwo zwösched wär wott ech mal wärde ond am Monetsändi broke.»).

Am Schluss dieses grossen, angriffigen Panthersatzes versucht er sich für die Zukunft vom Druck zu befreien. Wenn sich der grosse Erfolg nicht einstellt, ist’s auch okay, rappt er sinngemäss. «Im Strebä nach no meh wird mini Seelä ned frei.» Der Track ist ein gutes Abbild jener Schizophrenie, unter der Egli – und vielleicht zwangsläufig jeder Schweizer Musiker – fast zwangsläufig krankt. Es ist sowohl Resignation als auch Kampfansage in einem. Und sie weckt Erwartungen. Erwartungen, die das Album aus verschiedenen Gründen leider nicht erfüllen kann.

Vielleicht das Hauptproblem: Man kann sich in keinen der anderen zwölf Stücke verlieben. Sie klingen über weite Strecken eben so, wie Rap derzeit klingt, und wie man Mimiks schon gehört hat. Ein ums andere Mal kontrastiert er seine kraftvolle Art zu rappen mit voll übersteuerten Autotune-Refrains. Nichts gegen diesen omnipräsenten Effekt, nichts gegen seine Verwendung, aber hier wirkt es, als ob die spannenden Ideenansätze damit zuglasiert wurden.

Das Grinsen bleibt aus

Wo sind die musikalischen Experimente, fragt man sich (Ausnahme: «Wiit wäg», das clever auf «I Han» von Sektion Kuchikäschtli, einen Meilenstein des Mundartrap, verweist). Und gleichzeitig: Welche Zeile soll hängen bleiben? Auf den vergangenen Alben war Mimiks immer dann am wirkungsvollsten, wenn er seinen Silberrückenrap mit Humor brechen konnte – so wie auf «Beastmode» («Primakova Brudi, falschi Rolex, Hashtag am risse so wi Coopsäck»). Diesmal stellt sich beim Hören kein Grinsen ein.

Letztlich ist «Für immer niemer» solide Arbeit. Aber von einem wie Mimiks, der den Laden einst komplett umkrempelte, erwartet man mehr.

Hinweis
Das Album «Für immer niemer» (Sony Music) von Mimiks erscheint am 23. Januar. Die Albumtaufe findet am 14. März in der Schüür in Luzern statt.