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Fukushima mon amour

Brillant oder überladen? In seinem neuen Roman «Heimkehr nach Fukushima» macht Adolf Muschg einen deutschen Schriftsteller zum Lockvogel. Er soll im verstrahlten Fukushima eine Künstlerkolonie gründen.
Hansruedi Kugler

Der Geigerzähler piepst und knistert, während Mitsu und Paul sich nackt auf der blauen Decke keuchend umschlingen – am verlassenen Strand. Baden tut hier sonst schon lange niemand mehr, denn gleich um die Ecke steht die Reaktorruine von Fukushima, die Gegend ist seit sieben Jahren verstrahlt. Der heftige Sex in der Mitte des neuen Romans von Adolf Muschg ist für beide Hauptfiguren ein existenzieller Akt der Hoffnung aus purer Verzweiflung und zugleich ein Wendepunkt der Geschichte. Man mag ihn als symbolische Wiedergeburt oder Heilung interpretieren: «Jetzt sind wir geimpft», sagt jedenfalls die 37-jährige, kinderlose Dolmetscherin Mitsu, die mit dem verbitterten, an Leukämie erkrankten Künstler Ken verheiratet ist – eine Ehe in erschöpfter Loyalität.

Auch Paul ist lädiert. Der 62-jährige deutsche Architekt und Schriftsteller, träge und immer wieder mit mütterlichem Schutzbedürfnis, ist kurz zuvor von seiner Partnerin Suzanne verlassen worden und wird nun nach Japan gelockt. Er soll bei Fukushima eine Künstlerkolonie aufbauen. Zum Beweis, dass die nach dem Tsunami und dem Reaktorunfall zerstörte und verstrahlte Region wieder dauerhaft bewohnbar sei. Denn die vor Jahren Evakuierten zögern mit ihrer Rückkehr. Mitsus Onkel, Bürgermeister einer Kleinstadt in der verstrahlten Zone, hat Paul eingeladen. So krass die Szene am Strand, so thematisch aufgeladen ist der Roman.

Dass sich zwischen Paul und Mitsu, die gemeinsam die Zone erkunden, eine zarte und gleichzeitig psychologisch vertrackte Liebesgeschichte ergeben wird, ahnt man schon früh im Roman. Sie besuchen Zurückgebliebene, kämpfen gegen marodierende Wildschweinrudel, beobachten verwilderte Kühe und staunen über ein Dorf, in dem Puppen für Belebtheit sorgen sollen.

Muschg lässt in seinem Roman wenig Geheimnis zu

Weil Adolf Muschg ein Japan-Kenner ist, ein emeritierter Literaturprofessor und hochdotierter Schriftsteller mit wachem politischen Geist, dem der Ruf eines etwas zu klugen, zu gebildeten Autors anhaftet, macht man sich auf einen anspruchsvollen Roman gefasst. Und ja, Muschg erfüllt dies in jeder Hinsicht.

Wie er in den Anfangskapiteln das Auseinanderbrechen der langjährigen Partnerschaft von Paul und Suzanne in eine melancholische, komplett undramatische Szenerie verwebt, zeigt Muschgs psychologische Meisterschaft. In Suzannes langsamem Abschied vereinen sich kameradschaftliche Fürsorglichkeit und virtuoses Versteckspiel auf atemberaubende Weise. Kommt hinzu: Muschgs Kenntnisse über die japanische Mentalität, den für uns ungewohnten bis schockierenden Umgang mit Schuld, Scham, Unglück und Loyalität sind immer wieder faszinierend.

Das alles erinnert zwangsläufig an den Filmklassiker «Hiroshima mon amour» aus dem Jahr 1959. Darin vereinigen sich ebenfalls der Kulturschock zwischen Europa und Japan und eine schuldbelastete Liebesgeschichte voll Heilssymbolik mit der unfassbaren Erschütterung angesichts der atomaren Zerstörung. Adolf Muschg allerdings lässt wenig Geheimnis zu. Sein Roman ist vorwiegend erläuternd, die Figuren erklären jede Regung, jedes historische Ereignis und jede Mentalitätsverwirrung.

Im Kern eine Novelle mit dem unerhörten Ereignis des symbolisch aufgeladenen Koitus in der verstrahlten Zone, fächert Muschg das Buch zum vielstimmigen Roman auf: Darin haben journalistisch anmutende, präzise Reportageelemente Platz, kitschverdächtige Vereinigungsszenen, poetische Passagen, aber ebenso Traumlogik, historische Erklärstücke und biblische Verdammungsrhetorik. In diesem Sinne ist es ein durch und durch moderner Roman.

Ein Roman, den man sich erarbeiten muss

Die Konstruktion jedoch wird die Leser teilen. Die einen werden ihn brillant finden, aber wohl erst nach dem zweiten Lesen. Denn die vielen Anspielungen und vor allem die Spiegelung der Geschichte in Adalbert Stifters später Erzählung «Nachkommenschaften» muss man sich erarbeiten. Daraus zitiert Muschg immer wieder passagenartig. Kennt man die Erzählung, sind die Parallelen nahe: Ein zweifelnder Maler auf der Suche nach dem Bildnis der Welt muss nahe einem düsteren Moor, das des Profits wegen ausgebeutet werden soll, um eine Liebe kämpfen. Man wird aber garantiert manchen erschöpften Literaturkritiker sagen hören, Adolf Muschg habe zum wiederholten Male einen völlig überfrachteten Roman geschrieben. Einen Roman, der eigentlich nur einen idealen Leser habe: Muschg selbst. Alle anderen, mit Ausnahme einiger Literaturwissenschafter und Japanologen, seien überfordert.

Dieses Urteil ist sowohl boshaft wie verständlich. Aber kleinlich. Die Motivdichte und die feingliedrige Verknüpfung der Erzählebenen ist auch in diesem Roman bemerkenswert. Ärgerlich sind die vielen hingeworfenen Bildungsversatzstücke wie «Resilienz», «Euphemismus», «kognitiver Sprung» – nicht gerade leserfreundlich. Muschg ist sicher nichts für faule Leser oder Nebenbeileser. Neugierige Leser allerdings dürfen sich angestachelt fühlen. Das fröhliche Googeln nach Ortschaften, Manga-Künstlern, Details der Reaktorkatastrophe und nach dem spätromantischen Schriftsteller Adalbert Stifter sollte die Lektüre begleiten. Tipp: zuerst den Roman lesen, dann Stifters Erzählung und danach nochmals den Roman!

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima. Roman. C.H.Beck, 244 S., Fr. 34.-

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