FUMETTO: Der Untergrund schaffts ins Museum

Comic ist Unterhaltung und Kunst. Das zeigt eine sehenswerte Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Zu erleben ist ein Zeichner-Idol der 68er-Generation.

Kurt Beck
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Vision eines Hippies: witziges Plädoyer für alternative Mobilität aus der Feder von Robert Crumb. (Bild: PD)

Vision eines Hippies: witziges Plädoyer für alternative Mobilität aus der Feder von Robert Crumb. (Bild: PD)

Grosse Kunst in kleinen Bildern, lustig, bizarr, futuristisch und nostalgisch, rebellisch und gesittet: Luzern steht diese Woche wieder im Zeichen der gezeichneten Geschichten. Bis nächsten Sonntag dauert das internationale Comix-Festival Fumetto in Luzern. Die 22. Ausgabe wartet mit elf Hauptausstellungen und über 40 Satellitenausstellungen auf, die in Schaufenstern der ganzen Stadt das Schaffen von Zeichnern aus der Region und von Newcomern vorstellen. Erstmals bespielt Fumetto das Neubad, das alte Hallenbad an der Bireggstrasse in Luzern, wo die Sonderausstellungen «Anke Feuchtenberger & Stefano Ricci», «Helmut Wietz» und «999 im Quadrat» gezeigt und am kommenden Mittwoch «die legendären Einzelkämpfe mit der spitzen Feder im Stile eines Turniers ausgetragen werden», wie es die Organisatoren ankündigen.

Highlight im Kunstmuseum

Das Epizentrum des Festivals ist wie gewohnt in der Kornschütte, wo auch die Arbeiten für den diesjährigen Wettbewerb zum Thema Gerechtigkeit ausgestellt sind. Ein Highlight des diesjährigen Fumetto ist jedoch die Ausstellung «Robert Crumb & The Underground» im Luzerner Kunstmuseum. Sie bietet ein optisches Feuerwerk verwegenster und anarchischer Comic-Kunst. Robert Crumb, geboren 1943 als Sohn eines Hühnerzüchters in Philadelphia, war zwar nicht der erste alternative Comickünstler, als er 1967 in San Francisco mit «Zap Comix» einen Meilenstein der neuen Bewegung setzte. Doch sein Zap erlangte in der Alternativszene bald grosse Popularität und inspirierte viele Zeichnerkollegen.

Was Crumb und seine Kolleginnen und Kollegen boten, kam einer Revolution gleich, vor allem im Vergleich zum Mainstream-Comic, der den Markt mit patriotischen Superhelden und Fantasyfiguren versorgte. «Superhelden sind eindimensional fixiert, sie können nur eines, beispielsweise die Welt retten, und das tun sie dann immer wieder. Das Personal der alternativen Comics ist da weit vielseitiger, sie tun alles, was gewöhnlich Menschen auch tun», meint James Danky, der die Ausstellung mitkuratiert hat.

Die Antihelden des Comic mögen nach dem Leben gezeichnet sein, aber ihr Verhalten unterscheidet sich doch krass von den meisten Normalbürgern. Das trifft auch auf «Fritz the Cat» zu, wohl die populärste Figur aus Crumbs Zoo der Absonderlichkeiten. Fritz ist ein sex- und drogensüchtiger Kater, ein arbeitsscheuer Nichtsnutz, der von seiner Frau aus dem Haus gejagt wird. Kiffen, exzessiver Sex, Fluchen und Rebellieren gegen jegliche Autorität gehören zum guten Ton der Comics. Kein Wunder, waren die Hefte mit Jugendschutz belegt und nur für Volljährige käuflich. Denn hemmungs- und schonungslos wurden heilige Kühe der bürgerlichen Gesellschaft zur Schlachtbank geführt, politische, gesellschaftliche und religiöse Tabus lustvoll demontiert und am liebsten in guter alter Trickfilm­manier in die Luft gejagt.

Alternative Lektüre

Die Zeit war reif für den Comic aus dem Untergrund. In den USA und in Europa, selbst in der Schweiz, formierte sich ab Mitte der 1960er-Jahre eine breite Protestbewegung unter den Jugendlichen, die sich in grossen Demonstrationen und mit antikapitalistischen Parolen gegen das Establishment auflehnten. Für die 68er-Generation waren die Comics höchst willkommen, da sie ihr Engagement für alternative Lebens- und Arbeitsformen, grössere Freiheit und mehr Unabhängigkeit des Individuums und vor allem gegen Repression sozialer und politischer Art teilten.

Reich bestückte Schau

Seine Blütezeit erlebte der alternative Comic in den späten 60er- und frühen 70er-Jahre. In dieser Zeit erreichten einzelne Comics in den USA Auflagen in der Höhe 100 000 Exemplaren. Heute werden seltene Exemplare für mehr als 10 000 Dollar gehandelt. «Jüngst hat eine Erstausgabe eines ‹Mister-Natural›-Hefts von Robert Crumb an einer Auktion 100 000 Dollar gelöst. Das zeigt, Comics sind eine bessere Investition als Aktien», meint Denis Kitchen (66), Comic-Zeichner und -Sammler, und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Aus seiner Sammlung stammt rund die Hälfte der Zeichnungen und Blätter der Ausstellung im Kunstmuseum.

Die reich bestückte Schau zeigt auch seltene Originalblätter von Crumb, doch insgesamt sind Zeichnungen und Hefte von 51 Künstlern ausgestellt. «Wir wollen die Vielfalt zeigen und das Umfeld, in dem Crumbs Werk entstanden ist, sowie den Einfluss, den es auf andere Zeichner hatte», erklärt Dunky.

Witz und schräge Vögel

Das ist sicher gelungen, doch die Ausstellung ist nicht nur für Historiker und nostalgische Alt-68er ein Quell der Freude. Auch später Geborenen bietet die Ausstellung eine geballte Ladung Witz und Gags, führt ihnen ein Panoptikum von skurrilen Figuren und schrägen Vögeln vor. Bissige Kommentare beleben den Geist, und die künstlerische Qualität vieler Zeichnungen unterstreicht, dass der Comic zu Recht den Weg aus dem Untergrund ins Museum geschafft hat.

Hinweis

«Robert Crumb & The Underground»: Kunstmuseum Luzern, Di bis So 10–17, Mi 10–20 Uhr. Bis 12. Mai.

Informationen zum Fumetto: www.fumetto.ch und in der Kornschütte, Rathausplatz, Luzern.