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FUMETTO: Sharad Sharma und das bisschen «Masala» im Comic

Eine Geschichte in vier Bildern erzählen? In einem Workshop am Fumetto zeigt der umtriebige indische Comicaktivist Sharad Sharma, wie es geht. Sharma ist überzeugt: Jeder kann zeichnen und damit die Gesellschaft aufrütteln. Ein Selbstversuch.
Andrea Portmann
Autorin Andrea Portmann am Fumetto-Workshop. (Bild: Dominik Wunderli (Emmen, 1. April 2017))

Autorin Andrea Portmann am Fumetto-Workshop. (Bild: Dominik Wunderli (Emmen, 1. April 2017))

Andrea Portmann

kultur@luzernerzeitung.ch

Eine Frau sitzt in Pakistan in einem Bus. Ein Mann belästigt sie vom hinteren, von den Frauen separierten Männerabteil aus. Sie setzt sich zur Wehr. Da beginnen alle im Bus wild durcheinanderzusprechen. Der Ausgang der Geschichte ist unklar. Sharad Sharma zeigt auf einen A3-Comic, der im Rahmen einer seiner Workshops in Pakistan entstanden ist. Hier verarbeitet eine pakistanische Frau eine Geschichte aus ihrem Alltag, erhält so eine Stimme und bringt dabei aus ihrer eigenen Perspektive ein heikles Thema an die Öffentlichkeit.

Mit Humor, Leichtigkeit und viel Begeisterung vermittelt Sharad Sharma am Fumetto jeweils an einem Nachmittag sein Konzept der Grassroots-Comics. Im Workshop gewinnt man mit einfachen Techniken zuerst Selbstvertrauen beim Zeichnen und lernt dann, seine eigene Geschichte oder ein Thema, das unter den Nägeln brennt, in vier Bildern als Comic umzusetzen. Vorkenntnisse braucht man dafür nicht.

Im Nu ist das ein Charakterkopf

Das Schöne daran: Hier gibt es kein Richtig oder Falsch. «Adding some masala to it», sagt Sharma schmunzelnd und verpasst einem Kreis ein paar Striche und schafft im Nu einen Charakterkopf. Wenn man unter seiner Anleitung den Stift in die Hand nimmt und mit schwungvollen Kreisen und einigen Strichen die unterschiedlichsten Gesichtsausdrücke oder Körperhaltungen aufs Papier bringt, hat das etwas Zauberhaftes. Und man möchte gar nicht mehr aufhören.

In der Gruppe bunt zusammengewürfelter Leute entsteht durch das Zeichnen – man porträtiert sich unter anderem gegenseitig, ohne aufs Papier zu schauen – eine ausgelassene Stimmung.

Da ist ein Vogelforscher, der die Reise von Zugvögeln in vier Bildern umsetzt, ein junger Gymnasiast, der die Stimmung des Am-Morgen-nicht-aufstehen-Wollens zeichnet, oder ein junger Mann, der seine Wiedereingliederung in die Berufswelt nach einem Psychiatrieaufenthalt ausdrucksstark erzählt.

Kommunikationsmittel für Menschen ohne Stimme

An der Wand hängen Comics von Workshops, die Sharma unter anderem in Pakistan gemacht hat. Die Geschichten berühren, weil sie unmittelbar wirken, weil sie direkt von den betroffenen Menschen selber kommen, von ihren Nöten, Ängsten, von Unterdrückung zeugen und die Dringlichkeit ihrer Anliegen in den Linien spürbar ist.

Mit den Grassroots-Comics verschafft Sharma insbesondere denjenigen Menschen ein kraftvolles Kommunikationsmittel, die in der Gesellschaft keine Stimme haben, bewusst überhört werden oder aus politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind. Grassroots-Comics haben deshalb so viel Kraft, weil sie wunderbar verspielt sind und nicht verkopft.

Das Konzept der Grassroots-Comics hat Sharma entwickelt, nachdem er lange als politischer Cartoonist für Zeitungen in Indien gearbeitet hatte und dabei zunehmend unzufriedener wurde. Er fühlte, dass diese Cartoons in der Zeitung nie eine unmittelbare Stimme der «stillen Mehrheit» sein würden, sondern immer nur diejenige der lärmigen Mehrheit («noisy majority»).

So wuchs die Idee, mit Comics Menschen ohne Stimme die Möglichkeit zu geben, auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Mitte der 1990er-Jahre hat er auf dem Land in Indien mit ersten Workshops begonnen. Mit Menschen, die teilweise noch nie einen Stift in der Hand hatten. Mittlerweile geben er und andere Grassroots-Comic-Aktivisten überall auf der Welt (u. a. Pakistan, Sri Lanka, Finnland, Laos, USA, Brasilien) Workshops in verschiedenen Bereichen und für unterschiedlichste Zielgruppen.

Eine lebendige Bewegung

Auch in der Stadtentwicklung werden die Comics als Kommunikationsmittel für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung genutzt. Themen sind dabei oft die Menschenrechte, Toleranz, Frauenrechte, Abbau von Vorurteilen, Tabus in der Gesellschaft. Sharma zeigt den jeweiligen Gruppen, wie die Comics unter die Leute gebracht, wie sie mit der Kopiermaschine einfach reproduziert und im öffentlichen Raum präsentiert werden können. Daraus hat sich eine lebendige Bewegung entwickelt, deren Aktivitäten unter worldcomicsnetwork.wordpress.com / dokumentiert sind.

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