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Helge Schneider:
«Für ein Burnout bin ich zu faul»

Mit Gaga-Songs wie «Katzenklo» und «Es gibt Reis, Baby» wurde Helge Schneider zu einem der beliebtesten Komiker. Im Interview plaudert der Musikclown über seine sechs Kinder und sagt, was ihn von Helene Fischer unterscheidet.
Interview: Olaf Neumann
Jazz, Kunst, Quatsch: Helge Schneider unterhält und nervt seit 40 Jahren auf der Bühne. (Bild: Uwe Anspach/DPA (Heidelberg, 29. Januar 2018))

Jazz, Kunst, Quatsch: Helge Schneider unterhält und nervt seit 40 Jahren auf der Bühne. (Bild: Uwe Anspach/DPA (Heidelberg, 29. Januar 2018))

Helge Schneider, steckt in Ihren Geschichten ein Körnchen Wahrheit?

Meine Geschichten stimmen. Sie wirken so überzogen, dass man sie nicht glaubt, aber die Grenze zur Realität wird von mir eher unterschritten. Zum Beispiel könnte die Geschichte, in der ich mit Reinhold Messner durch die Antarktis ziehe, wirklich passiert sein – aber nicht in dieser überhöhten Form.

Sind Sie selbstkritisch?

Meine Texte kommen mir manchmal sehr hanebüchen vor. Aber wenn ich sie dann aus einer anderen Warte betrachte, bin ich von den Socken. Alles, was ich singe und erzähle, habe ich dem Leben abgeguckt. Das könnte ich gar nicht erfinden. Wie zum Beispiel die Geschichte vom Schönheitschirurgen, der in seiner Garage praktiziert und eigentlich Klempner ist. Da kommen alle hin, bloss weil da ein Emailleschild steht: «Schönheitschirurg. Alle Kassen». So ist ja unser Leben, es wird unheimlich viel mit Etiketten geschummelt.

Bringen Sie auch neue Songs mit auf Tour?

Ja, zum Beispiel einen einfachen Blues. Das Lied heisst «Hey Baby». Ich produziere alles selbst. Alles. Mikrofone aufstellen. Kabel verlegen. Mischen. Aufnehmen. Texte schreiben.

Wär es für Sie reizvoll, einmal mit einem Top-Producer zusammenzuarbeiten?

Habe ich schon gemacht. Wenn ich manchmal mit Superstars wie Rihanna im Studio bin, wird natürlich so gearbeitet. Glaub ja nicht, dass du da irgendjemanden zu Gesicht bekommst! Ich habe unheimlich viele Studioaufnahmen als Saxofonist gemacht, wo die anderen Leute gar nicht dabei waren. Das wird alles verschickt. Die moderne Technik geht mir ein bisschen auf den Sack. Man kann unheimlich viel fälschen und verschieben. Wenn zum Beispiel der Schlagzeuger ein bisschen zittrig war, kann man das gerade ziehen. Das gefällt mir nicht. Ich mache nur analoge Aufnahmen auf Tonband.

Sie werden als Meister des geordneten Chaos bezeichnet, weil Sie auf der Bühne erst richtig aufdrehen, wenn alles schief geht. Welche Urerfahrung hat Ihnen diese Spontaneität beigebracht?

Mein Timing stammt aus meiner Kindheit. Ich bin immer rhythmisch durch die Stadt gelaufen und habe dabei gesungen. Das habe ich richtig kultiviert.

Wieso wollen Sie Ihren legendären Steinway Flügel verkaufen, der Sie jahrelang bei Tourneen begleitet hat?

Ich will den nicht mehr mit auf Tour nehmen, er wiegt fast 600 Kilo. Das kann ich dem Bodo nicht mehr zumuten. Ich schaffe Platz für andere Sachen, die man nicht braucht. Ich bin eine Art Sammler, habe ein paar Autos, Motorräder und Fahrräder.

Sitzen Sie auf einer Tournee selbst hinterm Lenkrad?

Mal so, mal so. Vielleicht, wenn es nicht so wahnsinnig weit ist. Im Wohnmobil habe ich meine Ruhe und ein besseres Bett als in manchen Hotels. Meine eigenen vier Wände. Das ist manchmal ganz gut.

Hat eines Ihrer sechs Kinder Ihr Talent geerbt?

Henry kann gut Klavierspielen, vernachlässigt es aber. Und der Kleinste, Charly, hält den Rhythmus am Schlagzeug. Manchmal bringe ich ihm Kniffe bei, zum Beispiel, wie man beim Spielen gut aussieht. Und eine Tochter singt gerne und ist an Klavier und Synthesizer interessiert. Die andere hat mal Trompete gespielt. Mein Ältester ist mehr in der Kunstszene. Und meine Stieftochter macht gar nichts in der Art. Ich würde meine Kinder aber nie zu etwas zwingen, ich beobachte sie nur aus den Augenwinkeln.

Für 2020 haben Sie Ihre Abschiedstournee angekündigt – allerdings mit dem Zusatz «Ich komme wieder, vielleicht schon morgen».

Ja, ich habe mir das überlegt. 2020 bin ich 65. Abschiedstournee! Aber natürlich muss es heissen: Ich komme wieder! Und zwar sofort.

Denken Sie zuweilen wirklich ans Aufhören?

Das geht nicht ohne weiteres. Ich habe ja Kinder im schulpflichtigen Alter. Da möchte ich nicht in Rente gehen, das ist viel zu teuer. Ich habe viele Ausgaben. Es sei denn, ich würde alles wegschmeissen und nicht mehr kreativ sein wollen. Aber das kommt für mich nicht in Frage.

Wie viel Zeit widmen Sie täglich der Musik?

Sagen wir mal: zwei Stunden - oder auch mehr. Immer so im Vorbeigehen. Wenn ich nicht gerade weggehen will, setze ich mich an den Flügel oder mache die Tonbandmaschine an. Das Lied «Hey Baby», das wir gerade gehört haben, ist nur entstanden, weil ich meine neue Boxen testen wollte. Und dann dachte ich, ich könnte es eigentlich auch mal vorführen.

Was sind die Erfolgserlebnisse bei Ihrer Arbeit?

Wenn auf der Bühne alles stimmt und gleichzeitig ein bisschen unstimmig ist. Heute zum Beispiel bei dieser kleinen Vorführung ging alles drunter und drüber. Ich hatte gerade «Tatütata» auf dem Saxofon gespielt, und die Nebelmaschine geht immer noch nicht.

Was wollen Sie heute mit Ihrer Arbeit vermitteln?

Freiheit. Spass. Vor 30 Jahren war ich noch etwas verbissener. Nach dem Motto: Ich mache jetzt etwas, was viele nicht verstehen. Heute ist mir das egal, weil ich in mir selber gewachsen bin. Es verstehen jetzt auch mehr, weil sie mehr zuhören. Früher sagte man immer, der Schneider polarisiert.

Wollen Sie polarisieren?

Nein. Polarisiert wird in der Politik. Ich möchte, dass jeder meine Arbeit gut findet. Aber ich weiss, dass manche sie nicht gut finden. Denen bin ich aber nicht böse.

Waren Sie schon mal kurz vor einem Burnout?

Nein, dazu bin ich zu faul. Wenn mir ein Weg zu weit ist, nehme ich mir einen Chaffeur, setze mich hinten ins Auto und kann da schlafen. Mein Beruf ist so, dass ich nicht ängstlich irgendetwas vorbereite und das dann auf der Bühne reproduziere. Sondern ich lebe auf der Bühne. Das ist ein grosser Vorteil. Leute wie Helene Fischer dagegen müssen üben. Das könnte ich nicht, weil meine Persönlichkeit dagegen spricht.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich schreib mal ein Buch, ich dreh mal einen Film, ich mache Musik, ich kümmere mich um meine Kinder und meine Autos. Ich fahre Fahrrad, ich gehe einkaufen. Ich fahre nach Spanien, ich fahre nach Berlin, und so weiter.

Hin und wieder gehen Sie auch in eine Talkshow. Bei Markus Lanz sagten Sie kürzlich: «Wir leben in einer Zeit der Spaghettisierung». Wie meinten Sie das?

Ich hatte eine Sendung über Astrophysik gesehen. Was passiert, wenn unser Sonnensystem in ein schwarzes Loch gesogen wird? Durch die starke Magnetisierung würde die Erde kaputtgehen. Und wenn sie dann auf der anderen Seite wieder rauskommen würde, wäre die Erde Millionen Kilometer lang. Und dann würde sie zerhakt werden. Am Ende bleibt nur Staub. Dieser Staub hätte eine unglaubliche Explosionskraft, so dass die Erde nur noch ein Fitzelchen wäre.

Wen bewundern Sie in Ihrer Branche?

Hanns Dieter Hüsch. Ich habe ihn einmal kurz kennen gelernt, da war er schon ziemlich alt. Über ihn konnte ich mich kaputtlachen. Hüsch war wirklich ein Rebell. Durch seine Überzogenheit wurde einem bewusst, wie reglementiert das Leben eigentlich ist und wie bescheuert manche Gesetze sind.

Sind auch Sie ein Rebell?

Ich glaube, ja. Ich rebelliere gegen mich selbst und gegen das, was ich gelernt habe. Gegen das Spiessige, was man so von zu Hause mitbekommen hat. Gegen das, was man in den 1950er Jahren gelernt hat – diese Obrigkeitshörigkeit. Dagegen gehe ich mein Leben lang an.

Konzerte von Helge Schneider: Sa, 26.1.: KKL, Kultur- und Kongresszentrum Luzern
So, 27.1., und Mo, 28.1.: Volkshaus Zürich
Di, 29.1.: Musical Theater Basel
Mi, 30.1.: Montforthalle Feldkirch

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