Für Naturtalent gibts kein Diplom

Natürlichkeit als Kunst: Die verstorbene Rosmarie Hofmann ging darin Sängerinnen wie Regula Mühlemann voran.

Urs Mattenberger
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Brachte die Leichtigkeit der Operette in die alte Musik: Die im Januar 82-jährig verstorbene Rosmarie Hofmann.

Brachte die Leichtigkeit der Operette in die alte Musik: Die im Januar 82-jährig verstorbene Rosmarie Hofmann.

Archivbild: Esther Michel (2004)

Eine «glockenreine», «bewegliche und schlank geführte Stimme», die ideal ist für ältere Musik, Mozart oder Liedgesang. Wer solches Lob über eine Luzerner Sängerin hört, die auf «vielen Bühnen und Konzertpodien Europas Erfolg» hat, denkt heute unwillkürlich an die Star-Sopranistin Regula Mühlemann.

Aber die Zitate stammen aus einem Nachruf, den die Schola Cantorum Basiliensis veröffentlichte, nachdem die Luzerner Sopranistin Rosmarie Hofmann am 11. Januar in den Ferien in Thailand einem Herzversagen erlag (wir berichteten). Parallelen zwischen den beiden Sängerinnen beschränken sich nicht nur auf ihre Stimmen. Sie bieten Anschauungsmaterial über den Verlauf von Sängerkarrieren vor vierzig Jahren und heute.

Natürlichkeit ist auch auf der Bühne Trumpf

Die Parallelen zwischen Hofmann (1937-2020) und Mühlemann (1984) gehen in stimmlicher Hinsicht noch weiter. So schwärmte kürzlich eine Besprechung von Mühlemanns Schweizer Liedprogramm, dass die Stimme der Sängerin dank ihrer Natürlichkeit «durch Kunstfertigkeit wieder zur Naturstimme» wird. Und genau diese Natürlichkeit war ein Kennzeichen auch von Rosmarie Hofmann.

Das betont in einer Würdigung zu ihrem Tod Peter Reidemeister, der ehemalige Leiter der Schola Cantorum Basiliensis, wo Hofmann von 1979 bis 1996 unterrichtete. Die Sopranistin mit der «glockenreinen Stimme, die Musikerin von hervorragender Kompetenz,» heisst es da, «war ein Naturtalent. Alles flog ihr zu. Stimme, psychische und körperliche Disposition, Temperament, Musikalität und die Fähigkeit, in totaler Natürlichkeit all das umzusetzen, was sie musikalisch ausdrücken wollte.»

Durch ihre kommunikative, warmherzige, ja sympathisch- bodenständige Art wurde die Luzernerin an der renommierten Schola auch zur Studenten-«Mutter», die für menschliche Probleme immer ein offenes Ohr hatte. Anderseits feierte sie in dieser Zeit als Oratorien- und Konzertsängerin in ganz Europa und von Mexiko bis Russland Erfolge – unter anderem mit damals führenden Alte-Musik-Dirigenten wie Hellmut Rilling oder Frieder Bernius.

Karrieren mit und ganz ohne Diplom

Spannend ist der Karrierestart beider Sängerinnen. Mühlemann wurde noch vor dem Abschluss ihres Studiums durch den «Freischütz»-Film von Jens Neubert in eine internationale Karriere katapultiert und schloss erst später ihr Gesangsstudium in Luzern ab. Im Gegensatz zu Rosmarie Hofmann, die zwar als Kind Gesangsstunden nahm, aber kein Studium absolvierte. Sie «sang und jodelte» schon als Kind bei allen Gelegenheiten, erzählt ihr zweiter Ehemann, der Luzerner Tenor Peter Sigrist. Mit 17 Jahren gewann sie den Schweizer Fernsehpreis vor Edith Mathis – einer weiteren Luzerner Sängerin, die international Karriere machte und der Rosmarie Hofmann kurz vor ihrem Tod in Thailand zufällig wieder begegnete.

Damals kam bald eine Anfrage vom Stadttheater Luzern, aber auf Drängen ihres ersten Mannes entschied sich Rosmarie Hofmann für die Familie und gegen eine Sängerkarriere. Diese war nicht mehr aufzuhalten, als sie später in Root in einer Operette einsprang. «Danach kamen Anfragen wie im Lauffeuer», weiss Sigrist. Nachdem Rosmarie Hofmann in der ganzen Schweiz als Oratorien- und Konzertsängerin sowie in Operetten bekannt wurde, wurde sie an die Schola in Basel berufen.

Eine Karriere ganz ohne Diplom – das wäre so kaum noch möglich, schätzt Sigrist, mit dem Rosmarie Hofmann in Luzern noch bis ins hohe Alter auftrat: «Aber wer gut ist, wird immer angefragt.» Auch heute noch. Regula Mühlemann wollte sich vor zehn Jahren für den Chor im «Freischütz»-Film bewerben, und kehrte mit einem Vertrag für die Rolle des Ännchen in der Tasche zurück nach Luzern.