Comic-Roman
Leonard Cohen war der melancholischste seiner Generation. Dieser grossartig-stimmige Comic-Roman erinnert an ihn.

Er war ein Frauenheld und gleichzeitig einer der schwermütigsten und reflektiertesten Songwriter seiner Zeit. Wie seine Hits «Suzanne» und «So long Marianne» bis zur Hymne «Halleluja» mit seinem unsteten Leben verbunden waren, erfährt man in Philipp Girards Buch.

Hansruedi Kugler
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Auf Abschiedstournee: Der kanadische Sänger Leonard Cohen.

Auf Abschiedstournee: Der kanadische Sänger Leonard Cohen.

Cross Cult

Seinen Gesang schwermütig zu nennen, wäre stark untertrieben. Das Fehlen einer beigelegten CD ist denn auch die einzige Vermisstmeldung bei dieser Graphic Novel. Denn seine tiefe Stimme, mit der er an Suzanne und Marianne erinnerte und mit der er schliesslich noch das hymnische «Halleluja» sang, verzückte seine Fans in ihrer Mischung von Verlorenheit und Wärme. Man sollte sie sich parallel zum Buch anhören.

Philippe Girard: Leonard Cohen. Like a Bird an a Wire.

Philippe Girard: Leonard Cohen. Like a Bird an a Wire.

Cross Cult

Aber sonst liegt hier eine vorbildliche Comic-Biografie vor. Der puristische Zeichenstil ist dem Temperament des Sängers angepasst, die sprunghafte Dramaturgie entspricht Cohens unstetem, wechselhaftem Leben. Viele Szenen sind zudem Musikvideos nachgezeichnet. Der Band erzählt sein ganzes Leben: Von der Kindheit im jüdischen Einwanderermilieu Kanadas bis zu seinen letzten, umjubelten Konzerten mit über 70Jahren – aus Geldnot, weil seine Managerin seine Millionen komplett veruntreut hatte –, und seinem Tod 2016. Da begegnet uns ein Mann, dessen seit früher Jugend immerzu schläfriger, leicht lethargischer Blick das existenzialistische Lebensgefühl perfekt ausstrahlt. Leonard Cohen, der eigentlich Schriftsteller war, in den 60er-Jahren aussah wie der junge Dustin Hofmann, der unzählige Liebesaffären hatte (auch mit Janis Joplin), amphetamin- und alkoholsüchtig war, später jahrelang in einem Zen-Kloster lebte und der nur drei Stunden Gitarrenunterricht hatte, weil sein Lehrer Suizid beging – dieser Mann war bis zuletzt der Inbegriff des Gentleman-Melancholikers.

Für ihn kann nur die Kunst Sinn und Anmut schaffen

Dass Leonard Cohen ein Frauenheld und gleichzeitig einer der schwermütigsten, aber auch reflektiertesten Künstler seiner Zeit war, bringt uns diese Comic-Biografie anschaulich nahe. Und weil neben diversen Biografien vor zwei Jahren im Kampa-Verlag ein umfangreicher Gesprächsband erschien, freut man sich umso mehr, nochmals in Cohens Künstlerseele zu blicken. Da sagt er etwa, er sei eigentlich immer ziemlich ahnungslos im Leben herumgestolpert, überhaupt hätten die meisten Künstler im Gegensatz zu Polizisten oder Ärzten keine Ahnung, was auf der Welt geschieht. Allerdings sagt er, ganz existenzialistischer Künstler, auch: «Einzig wenn man schöpferisch ist, kann man etwas schaffen, das ein Gleichgewicht hat, einen Anmut, einen Sinn. Wir Menschen, wir haben keinen Lebenssinn. Wir sind einfach da, das ist alles. Für sich einen Lebenssinn zu suchen, ist lächerlich.» Da folgen wir also einem Komponisten und Sänger, wie er durchs Leben stolpert, am Leben zweifelt, und dann doch 1973 für israelische Soldaten im Jom-Kippur-Krieg an der Front singt, weil er es als seine Loyalitäts-Pflicht ansieht.

- Philippe Girard: Leonard Cohen. Like A Bird On A Wire. Eine Comic-Biografie. CrossXCult, 114 Seiten.
- Leonard Cohen: So long. Ein Leben in Gesprächen. Kampa. 188 Seiten.

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